Keanu Reeves Vs. die Gig-Ökonomie
Von Christoph PetersenVor fast zehn Jahren machte das ikonische „Sad Affleck“-Meme die Runde, nachdem Ben Affleck an der Seite von Henry Cavill bei der Promo-Tour zu „Batman v Superman“ besonders nachdenklich dreingeschaut hatte. Aber selbst das ist nichts im Vergleich zu dem, was Keanu Reeves als auf „Texting and Driving“ spezialisierter Schutzengel ausstrahlt: Mit seinem zu weitem Trenchcoat, den zu kleinen Flügeln, seinen hängenden Schultern und traurigen Dackelaugen möchte man ihn einfach nur in den Arm nehmen und mit Haferschleim füttern – und weil es Keanu Reeves ist, macht ihn diese unendlich sehnsüchtige Melancholie, ungepflegter Bart hin oder her, natürlich nur noch heißer. Von den anschmachtenden „Ohs“ aus dem Publikum in meiner Vorstellung können die meisten austrainierten Actionstars jedenfalls nur träumen.
Aber auch wenn sein himmlischer Auftritt an erster Stelle steht, ist der „Matrix“-Star längst nicht der einzige Grund, sich „Good Fortune - Ein ganz spezieller Schutzengel“ im Kino anzusehen. Vielmehr ist die Komödie ein seltenes Beispiel für einen Film, der nicht verdammt lustig ist, obwohl er etwas zu sagen hat, sondern gerade deshalb, weil er etwas zu sagen hat: Die seit Jahrhunderten in Literatur und Kino verankerte Erzählung, dass Geld und Macht nicht glücklich machen, sondern nur ein einfaches Leben den Weg ins Paradies eröffnet, ist schließlich einer der größten Propaganda-Coups der Kulturgeschichte. Dank ihr können die Superreichen in L.A. heutzutage ohne schlechtes Gewissen aus ihren Luxuskarossen auf die Zeltstädte am Straßenrand blicken und voller Überzeugung sagen, dass ihr eigenes Leben ja wohl mindestens genauso schwer sei.
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Diese Sicht hat die Gesellschaft inzwischen so sehr verinnerlicht, dass selbst der naiv-gutmütige Schutzengel Gabriel (Keanu Reeves) auf den Geld-macht-nicht-glücklich-Bullshit hereinfällt: Obwohl sein Job eigentlich nur darin besteht, durch Handys abgelenkten Fahrer*innen kurz auf die Schulter zu tippen, bevor sie ungebremst in einen Tanklaster crashen, sieht Gabriel seine große Chance auf die Rettung einer „verlorenen Seele“ gekommen, als er auf den in seinem Auto schlafenden Mini-Jobber Arj (Regisseur und Drehbuchautor Aziz Ansari) trifft.
Der hält sich nach dem Verlust seiner Wohnung mit App-Aufträgen über Wasser, bei denen er von seinen Kund*innen schlecht bezahlt und sogar noch schlechter behandelt wird. Nicht mal wehren kann er sich, denn dann gibt es eine gefürchtete 1-Sterne-Wertung, die ihm endgültig die Existenz kosten kann. Aber Gabriel will Arj zeigen, dass er es trotz allem gar nicht so schlecht hat – und dass es den Reichen in den Hollywood Hills in Wahrheit auch nicht besser geht: Arj soll nur für ein paar Tage das Leben des stinkreichen Tech-Investors Jeff (Seth Rogen) übernehmen, um zu erkennen, wie schwer dessen Alltag in Wirklichkeit ist. Aber Pustekuchen! Das Leben von Jeff ist saugeil – und Arj will auf keinen Fall in sein altes zurück…
Ein Engel lässt einen Armen das Leben eines Reichen übernehmen, um ihm eine Lehre zu erteilen – doch der Plan geht in jeder Hinsicht nach hinten los: „Good Fortune“ hat eine dieser genialen Prämissen, die früher, als Komödien noch erfolgreicher im Kino liefen, womöglich schon allein dafür gesorgt hätte, dass sich die Studios eine regelrechte Bieterschlacht um das Projekt liefern (bestes Beispiel: „Die Eisprinzen“, wo nur für die Ehemalige-Konkurrenten-treten-gemeinsam-im-Eiskunstpaarlauf-an-Idee eine siebenstellige Summe geflossen sein soll). Die wichtigste Frage lautet aber natürlich, was man dann daraus macht.
„Good Fortune“ hätte leicht ein eher plumpes und lautes „Eine Weihnachtsgeschichte“-Update à la „Spirited“ mit Ryan Reynolds und Will Ferrell werden können. Stattdessen verspricht schon der gar nicht typisch hochglänzende, sondern erstaunlich raue Look, dass man hier womöglich etwas tiefer vorzudringen versucht – speziell, wenn Gabriel nach dem Verlust seiner Flügel als Tellerwäscher in einem Burgergrill arbeitet und in seiner Raucherpause wie eine Figur aus einem Neunzigerjahre-Indie-Film von Jim Jarmusch anmutet.
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Und tatsächlich: Die Gags über die Fallstricke der unpersönlichen, ausbeuterischen Gig-Ökonomie sind sehr gut beobachtet und frühstücken längst nicht nur die üblichen Klischees ab. So tut jede gelungene Pointe zugleich auch ein wenig weh – einfach, weil sie so verdammt nah dran ist an der Realität. Die fiktive App TaskSargeant, bei der Arj diverse Jobs von „Garage aufräumen“ bis „bei einer In-Bäckerei zwei Stunden für eine Zimtschnecke anstehen“ übernimmt, ist jedenfalls nicht so übertrieben, wie es fiktive App-Nachbildungen in Hollywood-Filmen häufig sind, sondern kommt stattdessen ziemlich nah an die menschenunwürdige Perversität realer Vorbilder wie TaskRabbit oder DoorDash heran. Für alle, die lieber lachen als weinen, ist „Good Fortune“ somit eine erstaunlich ernstzunehmende Alternative zu Ken Loachs sozialrealistischer Gig-Ökonomie-Abrechnung „Sorry We Missed You“.
Fazit: Eine konsequent lustige Komödie, die dazu auch noch wirklich etwas zu sagen hat – da ist selbst ein Keanu Reeves im „Sad Affleck“-Meme-Modus nur noch die Kirsche auf der Sahne.