Ein Stierhorn in die Magengrube
Von Mirco LeierSeit einigen Monaten führt das Internet bei feministischen Diskursen immer wieder die lustig klingende, aber im Kern ernüchternde Frage an, ob man als Frau lieber mit einem Mann oder einem Bären allein im Wald ausgesetzt wäre. Mit ihrer zweiten Regiearbeit „Animale“ münzt die Emma Benestan („Fragil“) diese Frage von einem Bären auf einen Bullen um – und gibt letztendlich eine eindeutige Antwort. In den Fußstapfen von Filmen wie „Raw“ oder „Titane“ erzählt „Animale“ die Geschichte einer kleinen Community im Süden Frankreichs, in deren Mitte die 22-jährige Nejma (Oulaya Amamra) nicht nur gegen Stiere kämpft, sondern auch gegen die patriarchalen Strukturen, die den Sport und ihren Alltag bestimmen. Schnell nimmt der Film dabei eine düstere Wendung, wenn immer mehr Männer aus dem Dorf tot aufgefunden werden – und zwar mit Wunden, die darauf hindeuten, dass einer der Stiere außer Kontrolle geraten ist.
Was zunächst nach klassischem (Tier-)Horror klingt, entpuppt sich zunehmend als fast schon meditative Auseinandersetzung über Gender, Rollenbilder, Dominanz und Unterdrückung. Dabei geht Benestan glücklicherweise deutlich weiter, als uns nur mit der ausgelutschten Schlussfolgerung, dass in Wahrheit der Mensch das gefährlichste aller Tiere sei, aus dem Kinosaal zu entlassen. Vielmehr zieht sie bildgewaltige Parallelen, wie Tiere und Frauen gleichermaßen unter außer Kontrolle geratener Männlichkeit leiden.
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Der Course Camarguaise, eine in der französischen Kultur verankerte Variation des Stierkampfes, bei der die Teilnehmer*innen Trophäen vom Horn des Tieres ergattern müssen, liefert dafür einen unglaublich immersiven Backdrop. Der Sport gilt zwar als humaner als die klassische Variante, weil die Stiere am Ende des Spektakels nicht getötet werden. Aber schon in den ersten Minuten des Films hallt das schmerzerfüllte Schreien eines Jungtiers durch die Luft, wenn ihm ein Farmer buchstäblich seinen Stempel in Form eines Brandings aufdrückt.
Eine vergleichbare Brandmarkung schwebt unsichtbar stets auch über Nejma. Sicherlich würde keiner der Männer offen einer Frau wie ihr die Autorität absprechen, aber dennoch schwingt in ihren Worten ein arroganter Anspruch über sie mit. Oder eine gewisse Scham, wenn sie von der jungen Kollegin sportlich in den Schatten gestellt werden, die dann auch gerne mal in Wut umschlägt. Der Respekt ist eine Fassade. Dahinter versteckt sich dieselbe Animosität, mit der sich die Männer im Laufe des Films immer wieder ihre Hände an dem Blut von Stieren schmutzig machen. Eine besonders intensive Szene stellt diesen Umgang direkt mit Nejmas Schicksal gegenüber – und verpasst einem, ohne dafür allzu grafisch werden zu werden, einen lang nachhallenden Schlag in die Magengrube.
Als Gegenentwurf dazu findet Benestan vereinzelt erfrischend sanfte Momente einer verletzlichen, gesunden Männlichkeit, aber vor allem wunderschöne Bilder, um die Natur und die Gemeinschaft der Bullen als Zufluchtsort zu inszenieren. Der Vergleich mit der Eindringlichkeit von „Titane“ rührt nicht von irgendwoher, auch bei dem Goldenen-Palme-Gewinner war schließlich Kameramann Ruben Impens am Werk, der in „Animale“ jetzt erneut pittoreske Motive der Melancholie auf die Leinwand zaubert.
Wenn Nejma am Strand im Schoß eines weißen Pferdes einschläft, beim Kampf vor einem Stier niederkniet oder in der Dämmerung durch die Sümpfe der Provence reitet, während hinter ihr der Tag in einer tiefroten Abendsonne langsam ausblutet, dann sieht das nicht nur aus wie ein Postkartenmotiv, sondern transportiert auch ein greifbares Gefühl der Geborgenheit, das mit fortschreitender Laufzeit immer mehr emotional resoniert. Am Ende gipfelt dies in einem der eindringlichsten Schlussbilder, die man seit längerer Zeit in dieser Art Film gesehen hat.
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Schauspielerisch bleiben viele der Darsteller*innen abseits von Oulaya Amamra („Smoking Causes Coughing“) eher blass, aber der Fokus liegt eben auch voll auf der Hauptdarstellerin. Was man dem Film deshalb viel eher ankreiden muss, ist, dass er seinen Plot so strukturiert, dass man selbst stets das Gefühl bekommt, der Handlung ein wenig voraus zu sein, schon mehr zu wissen, als die Regisseurin zu diesem Zeitpunkt bereit ist offenzulegen. So leiden einige der spannungsorientierten Szenen erheblich darunter, dass sie versuchen, ein Geheimnis vor uns zu bewahren, das eigentlich gar keines mehr ist (was selbst für die finale Enthüllung gilt).
Hier hätte „Animale“ vermutlich besser schon früher mit offenen Karten gespielt, es hätte der Wirkung des Films kaum einen Abbruch getan. Benestan nutzt das Horror-Genre hier schließlich nicht nur als Vehikel, um weiblicher Wut Ausdruck zu verleihen, das wäre auch ein wenig platt gewesen. Stattdessen ist „Animale“ gerade nicht dann am besten, wenn er rotsieht und die Männer zwischen die Hörner nimmt, sondern wenn er den Schmerz und einen möglichen Ausweg daraus verbildlicht. Wenn er also den Grund zeigt, wieso der Bär womöglich tatsächlich die bessere Alternative ist.
Fazit: „Animale“ haut einen als Horrorfilm nicht unbedingt aus den Socken, dafür fehlen die grafischen Schauwerte und man ist den Wendungen oft schon einen Schritt voraus. Dafür glänzt er als immersives Drama mit einer ordentlichen Prise französischer Weirdness. Wem „Titane“ zu verkopft und provokativ daherkam, der bekommt hier eine deutlich leichter verdauliche, aber nicht minder kraftvolle Alternative.