Der Anti-Wohlfühlfilm des Jahres!
Von Christoph PetersenIn den USA startet der Film an Halloween 2025 in den Kinos. Der deutsche Release folgt nur eine Woche später pünktlich zum ersten Jahrestag des zweiten Präsidentschaftswahlsiegs von Donald Trump. Und tatsächlich trifft diese unheilvolle Kombination den Kern von „The Change“ schon mal erschreckend gut: Mit „Corpus Christi“, in dem ein kleinkrimineller Fake-Priester frischen Wind in eine angestaubte Gemeinde bringt, hat es Jan Komasa 2019/20 bis zur Oscar-Nominierung für den Besten internationalen Film gebracht. Aber mit seinem ersten englischsprachigen Projekt schlägt der polnische Regisseur jetzt genau die entgegengesetzte Richtung ein.
In „Corpus Christi“ sah zunächst alles grau aus – und trotz der üblichen Rückschläge klarte der Himmel im Anschluss immer weiter auf. Durchaus ambitioniertes, aber dennoch verlässliches Wohlfühlkino also. In „The Change“ ziehen jetzt zwar ebenfalls zu Beginn dunkle Wolken auf – aber in den folgenden zwei Stunden verzieht sich nicht eine einzige davon. Stattdessen verfinstert sich nur alles immer weiter. In den vergangenen Jahren hat sich neben „Feel-Good-Movie“ (ca. 2,35 Mio. Treffer bei Google) auch der oft ironisch verwendete Begriff „Feel-Bad-Movie“ (immerhin noch 97.500 Treffer) etabliert. Aber selbst, wenn es ihn noch nicht gäbe, für „The Change“ müsste man ihn erfinden.
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Die Handlung erstreckt sich zwar über einen Zeitraum von fünf Jahren, aber in jedem davon spielt „The Change“ nur an einem einzigen Tag – und zwar immer anlässlich einer Familienfeier im Haus der Eltern, die zu Beginn und am Ende ihren 25. bzw. 30. Hochzeitstag begehen (daher auch der Originaltitel „Anniversary“): Ellen (Diane Lane) ist eine erfolgreiche Literaturprofessorin, die regelmäßig als Expertin in TV-Sendungen auftritt, wo sie etwa die Institution „Universität“ gegen die gängigen Woke-Vorwürfe verteidigt. Konservative Kontrahent*innen rammt sie dabei mit geschliffener Eloquenz argumentativ in Grund und Boden. Ihr Mann Paul (Kyle Chandler) betreibt zwar ein gehobenes Restaurant, hält seiner vielbeschäftigten Frau aber auch gerne den Rücken frei.
Gemeinsam hat das Paar einen Sohn und drei Töchter, von denen nur noch das Nesthäkchen Birdie (Mckenna Grace) zu Hause lebt. Zum 25. Hochzeitstag bringt Sohn Josh (Dylan O'Brien), ein bislang erfolgloser Poet, seine neue Freundin Liz (Phoebe Dynevor) mit zur Feier. Aber zumindest seine Mutter kennt die bezaubernde junge Frau bereits: Liz war einst ihre Studentin – und Ellen hat damals dafür gesorgt, dass sie die Uni verlassen musste, indem sie einen ihrer Aufsätze als „faschistoid“ einstufte. Inzwischen hat Liz jedoch einen angehenden Bestseller geschrieben: „The Change“ verlangt nach einer nationalen Graswurzelbewegung sowie der Abschaffung der Parteien – ein Weckruf, der schnell immer mehr radikale Anhänger*innen hinzugewinnt…
Es gibt zwar auch einzelne Szenen, die etwa an der Uni oder im Restaurant angesiedelt sind, aber der klar überwiegende Teil des Films spielt sich im und um das Elternhaus ab. Diese konsequente Konzentration auf einen Ort und jeweils nur einen Tag pro Jahr lässt „The Change“ dabei fast wie eine experimentelle Versuchsanordnung wirken – mit dem Anwesen als eine Art menschliches Terrarium, in dem wir aus aller Nähe beobachten können, wie sich der Faschismus auf die Familie auswirkt. Nur anhand des zunehmend ungemütlicheren Umgangs miteinander kann sich das Publikum dabei erstaunlich exakt vorstellen, was genau da draußen in der Gesellschaft wohl gerade vorgeht …
… und was sich in den vergangenen zwölf Monaten noch einmal verschlimmert hat: Der Vormarsch des Faschismus verläuft eben immer nach ähnlichen, wiedererkennbaren Mustern – und trotzdem umschifft „The Change“ schon deshalb größtenteils den Vorwurf des Klischees, weil er das meiste eben nur indirekt zeigt: Wir spüren, dass Ellen und Paul sich in Anwesenheit ihres zunehmend radikalisierten Sohnes immer weniger zu sagen trauen – und wissen ganz genau, dass das für all die Kritiker*innen der titelgebenden Bewegung dort draußen ebenso gelten wird.
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Als Autorin von „The Change: A New Social Contract“ ist Liz dabei offensichtlich der „Atlas Shrugged“-Autorin Ayn Rand nachempfunden – und es ist eine begrüßenswerte Überraschung, dass „The Change“ ihr trotz seiner fraglos antifaschistischen Haltung mit einer erstaunlichen Ambivalenz begegnet. Bei Josh hingegen dürfte es kaum ein Zufall sein, dass er wie einst Adolf Hitler noch immer an seiner Vergangenheit als gescheiterter Künstler nagt – und seine Zurückweisungen jetzt mit der neugefundenen Macht überkompensiert. Dass „Maze Runner“-Star Dylan O‘Brien die Figur als zunehmenden Voll-Psycho anlegt, treibt zwar den Spannungslevel am Esstisch regelmäßig in ungeahnte Höhen, nimmt dem Szenario aber auch etwas von seiner Allgemeingültigkeit.
Dabei ist es kein Wunder, dass Jan Komasa für sein US-Debüt auf Anhieb einen derart namhaften Cast gewinnen konnte: Denn bei Diane Lane („Man Of Steel“), Kyle Chandler („Friday Night Lights“) & Co. wird sicher nicht nur seine Oscar-Nominierung für „Corpus Christi“ bleibenden Eindruck hinterlassen haben – alle von ihnen erhalten auch einen eigenen potenziellen Oscar-Moment, wo er oder sie mal so richtig Awards-wirksam ausrasten oder zusammenbrechen darf. Die Zeiten für Subtilitäten und Abstraktionen sind offensichtlich vorbei – stattdessen kommen die Einschläge nicht länger nur immer näher, sie haben bereits das heimische Wohnzimmer erreicht und fühlen sich gerade in diesem so vertraut-privaten Setting umso schmerzvoller an.
Fazit: „The Change“ fängt verstörend an – und wird dann nur immer noch ungemütlicher. Eine Faschismus-Dystopie, die vor allem deshalb fast noch schmerzhafter als „1984“, „Schöne neue Welt“ & Co. ausfällt, weil sich das alles so unglaublich nah anfühlt – als könnte es nicht erst in der oft bemühten „nahen Zukunft“, sondern viel eher schon morgen oder spätestens nächste Woche so weit sein.