Eine herzerwärmende wahre Geschichte
Von Gaby SikorskiNach ihrer mehr als 60 Jahre umfassenden Karriere verabschiedete sich die französische Sängerin Sylvie Vartain im Frühjahr 2025 mit einer Abschiedstournee von der Bühne. Schon als junges Mädchen wurde sie zum Teenie-Idol: Sie war eine „Yéyé“! Das Wort stand in Frankreich für ein eigenes Popmusik-Genre, abgeleitet vom englischen „Yeah“ der Beat-Generation.
Weitere bekannte Stars der Yéyé-Szene waren France Gall und Françoise Hardy sowie Johnny Hallyday, der von 1965 bis 1980 mit Sylvie Vartain verheiratet war. Sie waren seinerzeit das absolute Traumpaar der Grande Nation. Auch auf der Leinwand war Sylvie Vartain zu sehen, so etwa 1971 in einem der großen Klassiker des fantastischen Kinos: „Malpertuis“ an der Seite von Orson Welles.
In dem auf wahren Geschehnissen basierenden „Mit Liebe und Chansons“ von Ken Scott („Big Business“) spielt sich die mittlerweile über 80-jährige Sängerin jetzt selbst, denn sie hat das Leben des Protagonisten maßgeblich beeinflusst: Roland Perez (später als Erwachsener: Jonathan Cohen) wird 1963 als jüngstes Kind einer marokkanisch-jüdischen Familie geboren – und zwar mit einer Art Klumpfuß, den er später selbst einmal als „der Entwurf eines Fußes“ bezeichnet. Trotz mehrerer Operationen kann er weder stehen noch laufen. Seine Mutter Esther (Leïla Bekhti) will die Behinderung nicht akzeptieren, sie rennt mit dem Kind jahrelang von Krankenhaus zu Krankenhaus.
Aber Esther hat eine Mission: Ihr jüngster Sohn, der mit sechs Jahren noch immer durch die Wohnung robbt, soll allein und zu Fuß in die Schule gehen. Dafür bittet sie beim obersten Therapeuten – Gott – um ein Wunder. Tatsächlich gelingt es Esther, eine neue Behandlungsmethode zu finden. Dafür muss Roland viele Monate in einem Stützkorsett mit vielen Verschnürungen an den Beinen in einem Pflegebett liegen, das im Wohnzimmer der Familie aufgebaut wird. So wird er zum TV-Junkie – und damit auch zum größten Fan von Sylvie Vartain, deren Songs er nicht nur auswendig kennt, sondern mit denen er schließlich auch das Lesen und womöglich auch das Gehen lernt…
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„Mit Liebe und Chansons“ beginnt als lockere Komödie – farbenfroh und anrührend, über eine Mutter, die bereit ist, alles für ihr Kind zu geben, und einen pfiffigen Jungen, der brav alles mit sich machen lässt. Das gilt auch für den etwas älteren Bruder Roland, aus dem die Mutter zunächst einen Bühnenstar machen will. Als sie erfährt, dass fast alle Künstler am Hungertuch nagen, schickt sie ihn stattdessen aufs Gymnasium und später auf die Uni. Ohne Roland zu fragen, versteht sich. Sobald Roland erwachsen wird, ändert sich jedoch die Atmosphäre, denn nun tritt das ein, wovor er schon früh gewarnt wurde: Er wird seine Mutter nicht mehr los!
Das letzte Drittel des Films handelt schließlich davon, dass Roland – inzwischen Familienvater und erfolgreicher Rechtsanwalt – sich endgültig von der Mutter abnabeln will. Das ist durchaus diffizil, denn die Mama mischt sich immer noch in alles ein, sogar in seine beruflichen Angelegenheiten. Ohne dass es einen echten Bruch gäbe, dreht allmählich die Stimmung des Films in Richtung Melodram. Leïla Bekhti, die Lili d’Alengy aus „Maria Montessori“, spielt als Über-Mutter eine Frau, die nicht viel fragt, sondern macht – ein Ausbund an Energie und Optimismus und schon sehr liebenswert. Aber wehe, jemand tanzt nicht nach ihrer Pfeife! Was Esther mit ihrem Temperament und ihrer Ausdauer nicht schafft, erreicht sie mit ihrem unbändigen Charme.
Leïla Bekhti ist als Esther nicht weniger als ein Naturereignis, gleichzeitig Blitz und Donner, Erdbeben und Vulkanausbruch. Als ältere Esther zeigt sie vor allem in ihren Bewegungen und Gesten, dass viele Jahre vergangen sind, ohne dabei zu übertreiben und ohne jede Eitelkeit – das ist große Schauspielkunst. Jonathan Cohen als erwachsener Roland kann mit knapper Not neben ihr bestehen. Er spielt mit meist großer Ruhe und sanfter Ironie – besonders wenn er als Ich-Erzähler auftritt – einen duldsamen Mann, der niemals die Gelegenheit hatte, selbständig zu werden, weil seine Mutter alles für ihn organisiert hat. Im Grunde zerfällt der Film, den Ken Scott mit viel Gefühl für Zeitkolorit und Stimmungen inszeniert hat, dabei in zwei Teile: Rolands Kindheit und Jugend mit einer allmächtigen Mutter und Rolands Leben als Erwachsener, noch immer unter Esthers Fuchtel.
Zunächst wird in den Sechzigern und Siebzigern mit viel Ironie eine Komödie erzählt, die sehr poppig und mit einem schwungvollen Soundtrack daherkommt – angenehm ironisch und prall gefüllt mit liebenswertem Witz. Es ist durchaus eine Überlegung wert, ob es sinnvoll war, die Autobiografie von Roland Perez, die dem Film zugrunde liegt, komplett zu verfilmen. Eigentlich, so der erste Gedanke, wäre es doch viel schöner, wenn es bei der lustig bunten Komödie mit dem Sixties-Flair geblieben wäre – und wenn der Film an einem der glücklichen Momente aus der ersten Hälfte des Films enden könnte: etwa mit Rolands erstem Schultag oder seinem Auftritt als Tänzer in einer Fernsehshow mit Sylvie Vartain. Denn tatsächlich lernt der junge Roland den Star nicht nur aus der Ferne lieben, sondern auch persönlich kennen.
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Doch der zweite Teil hat ebenfalls seine Reize. Denn nun wird die Mutter, die Roland noch immer gängelt, zur tragikomischen Heldin. Sie kann und will ihn nicht loslassen, ob er jetzt verheiratet ist oder nicht. Sicherlich bleibt der erste Teil der stärkere, die Stimmung ändert sich, aber bei näherer Überlegung gewinnt der zweite Teil immer mehr dazu.
Die Tragik dieser Mutter-Sohn-Beziehung, die sich über einen Zeitraum von bald 50 Jahren erstreckt, wird immer deutlicher, aber der Humor bleibt erhalten, glücklicherweise, auch wenn er weniger fluffig und farbenfroh daherkommt. Immerhin gelingt es Ken Scott, mit demselben liebenswürdigen Witz die fröhlich lärmenden Töne der Komödie ebenso gut zu treffen wie die gedämpfte Stimmung eines Melodrams.
Fazit: Eine vor allem von Leïla Bekhti herausragend gespielte, stimmungsvolle Dramödie nach einer wahren Geschichte, die furios komisch beginnt und immer mehr an Ernsthaftigkeit gewinnt, ohne dabei den Humor gänzlich zu verlieren.