Mike & Nick & Nick & Alice
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Mike & Nick & Nick & Alice

"Reservoir Dogs" trifft "Zurück in die Zukunft"

Von Lutz Granert

Bei der Weltpremiere von „Mike & Nick & Nick & Alice“ auf dem SXSW Film Festival richtete BenDavid Grabinski einige einführende Worte ans Publikum, die er von seinem Smartphone ablas. Eigentlich habe er die folgende Rede für eine Auszeichnung bei den MTV Movie Awards geschrieben, „aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es die gar nicht mehr gibt, was echt scheiße ist.“ Tatsächlich sagt diese kleine Anekdote sehr viel über den Humor des Filmemachers aus, denn der scheint ebenfalls ziemlich aus der Zeit gefallen zu sein.

Zugegeben: Ein paar der Charaktere und Plot-Elemente aus „Mike & Nick & Nick & Alice“ versprühen ähnliche Retro-Vibes wie die knapp 30 (!) eingespielten Pop- und Rock-Hits aus den 80er und 90er Jahren. Billy Joels „Why Should I Worry?“ und „Don’t Look Back in Anger“ von Oasis werden sogar fleißig mitgesungen. Nur kommt die arg geschwätzige und mit James Marsden („Sonic 3“) sowie Vince Vaughn („Freaky“) im Doppelpack durchaus prominent besetzte Gangsterkomödie mit Zeitreise-Applikation nie so richtig in Schwung.

Nicht nur das mit den Anzügen haben sich die Gangster aus „Mike & Nick & Nick & Alice“ von Quentin Tarantino abgeschaut. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Nicht nur das mit den Anzügen haben sich die Gangster aus „Mike & Nick & Nick & Alice“ von Quentin Tarantino abgeschaut.

Nach sechs Jahren im Knast, die er einem Verräter in den eigenen Reihen verdankt, kommt der Kriminelle Jimmy Boy (Jimmy Tatro) wieder auf freien Fuß. Gangsterboss Sosa (Keith David) begrüßt seinen Sprössling mit einer fetten Willkommensparty – auf der er verkündet, dass die vermeintliche „Ratte“ noch in derselben Nacht hingerichtet werden soll. So beauftragt Sosa seinen hochrangigen Mitarbeiter Nick (Vince Vaughn), den Delinquenten aufzuspüren: den ausstiegswilligen Gauner „Quick Draw“ Mike (James Marsden).

Nick verschont Mike jedoch, weil er selbst aus der Zukunft in einer Zeitmaschine sechs Monate in die Vergangenheit gereist ist und deshalb den wahren Schuldigen kennt. Dem Nick aus der Zukunft gelingt es, den Nick aus der Gegenwart von Mikes Unschuld zu überzeugen. Gemeinsam mit Nicks Ehefrau und Mikes Affäre Alice (Eiza González) setzen die Männer alles daran, die beauftragte Exekution doch noch zu verhindern ...

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Filmemacher BenDavid Grabinski, der hier 15 Jahre nach der schwarzen Komödie „Happily – Glück in der Ehe, Pech beim Mord“ erst seine zweite Regiearbeit vorlegt, hat offensichtlich eine Vorliebe für schräge Gangster-Charaktere, wie sie vor allem in den Neunzigern besonders angesagt waren. Vince Vaughn überzeugt in seiner Doppelrolle mit trockenem Humor und James Marsden gelingt eine souveräne Performance als verängstigtes Nervenwrack. Aber dann hört es auch schon auf: Jimmy Tatro legt seinen im Hawaiihemd und mit Proll-Attitüde herumlaufenden Jimmy Boy als Markie-Mark-Parodie an. Potenziell witzig, nur zünden die Dialogwitze um seine Bildungsferne (was hat Phoenix aus der Asche mit Phoenix, Arizona zu tun?) einfach nicht.

Und wenn ein idiotischer Gauner mit dem bezeichnenden Rollennamen Dumbass Tony (Arturo Castro) Jimmy beim Wiedersehen nach dem Zustand seines „besten Stückes“ fragt, ist ebenfalls eher Fremdscham als Mitlachen angesagt. Wesentlich gelungener ist da schon eine Konversation des titelgebenden Quartetts zu den einzelnen Charakteren und ihrem Beziehungsgeflecht in der beliebten TV-Serie „Gilmore Girls“, während die Kamera langsam um die Diskutanten kreist – eine Verbeugung vor der Auftaktszene aus Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“, in der anzugtragende Gangster den Songtext „Like A Virgin“ von Madonna interpretieren.

Dolph Lundgren als Kannibale

Wirklich vorwärts bringt das ganze inhaltsarme Geschwafel das auf dramaturgischer Sparflamme köchelnde und zunehmend ermüdende Szenario allerdings nicht. Der Handlung fehlt es schlicht an Raffinesse oder Überraschungen. Selbst die schon viele Minuten vorher suggestiv angeteaserte und dann antiklimaktisch verpuffende Konfrontation mit einem mutmaßlich kannibalistischen Auftragskiller namens The Barron (Gastauftritt von Action-Ikone Dolph Lundgren) kann nicht verhindern, dass der Zeitreise-Plot zwischendrin eher betulich und vor allem äußerst spannungsarm dahinplätschert.

Erst in den finalen 20 Minuten bricht sich dann ein extrem blutiges, aber nicht sonderlich aufwändiges Baller-Fest Bahn, in dem ein ganzes Gangsterhaus zerlegt wird – bevor noch ein ärgerlicher, weil arg mühsam konstruierter Cliffhanger für eine Fortsetzung eingebaut wird. Hier wird überdeutlich, dass ein Großteil des Budgets wohl in Musikrechte geflossen ist und irgendwo anders gespart werden musste.

Fazit: Auch ein hochkarätiger Soundtrack und ein spielfreudiges Ensemble können die Retro-Actionkomödie mit ihren vielen humoristischen Rohrkrepierern nicht retten. Bei „Mike & Nick & Nick & Alice“ neigt man gerade im langweilig dahinplätschernden Mittelteil immer wieder zum Drücken auf die Vorspultaste.

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