Der Lärm der Verzweiflung
Von Patrick FeyWann wird Musik zu Lärm? Und kann aus Lärm Musik werden? Es ist nicht überliefert, ob sich der israelische Filmemacher Nadav Lapid diese Fragen gestellt hat, als er seinen mittlerweile fünften Spielfilm „Yes“ entwickelte. Ein Film, dessen Konzept nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden und anhaltenden Angriffen der israelischen Armee auf Gaza noch einmal grundlegend durchgeschüttelt wurde, wie der Regisseur selbst im Rahmen der Weltpremiere beim Filmfestival in Cannes bekanntgab.
In Zentrum steht jedenfalls ein junger Musiker (Ariel Bronz), den Lapid – wie den Protagonisten seines Vorgängerfilms „Aheds Knie“ – einfach Y nennt. Im Gegensatz zur rebellischen Hauptfigur aus „Aheds Knie“ befindet sich der neue Y allerdings längst jenseits von Gut und Böse und hat sich vollkommen der Gehorsamkeit und Genusssucht verschrieben. Ganz egal, was auch von ihm gefordert wird, seine schlichte Antwort ist immerzu „Ja“.
In einer Welt, deren Sound von Hungersnöten, Bomben und Handynachrichten über neue Todeszahlen dominiert wird, versucht der junge Jingle-Komponist Y, dem gewaltvollen Lärm der Gegenwart zu entfliehen. Etwa, indem er die Musik voll aufdreht, wenn wieder neue Nachrichten eintrudeln. Richtungsweisend für dieses Schema ist die Eröffnungsszene, in der das Publikum mitten hinein in eine hemmungslose Party geworfen wird. Dort gibt Y für die Reichen und Mächtigen Tel Avivs den Hofnarren, was bis zur vollkommenen Selbsterniedrigung geht.
Stellvertretend für den gesamten Film schreit der Protagonist bereits zum Auftakt aus Leibeskräften das „La da da dee da da da da“ aus La Bouches 90er-Jahre-Eurodance-Hit „Be My Lover“ – und zwar in Richtung einer geschlossenen Wand auf ihn zumarschierender israelischer Spitzenpolitiker. Diese brüllen ihm ihrerseits, in einer bis in die Unkenntlichkeit verzerrten Version, Elvis‘ „Love Me Tender“ entgegen. Noch in derselben Szene sehen wir, sicher nicht zufällig, das Georg-Grosz-Gemälde „Pillars Of Society“ aus dem Jahr 1926 — ein karikatureskes Sittengemälde über die Elite der Weimarer Zeit, die sich zunehmend mit dem Faschismus gemeinmachte.
Les Films du Losange
Mit der Zärtlichkeit, das zeigt sich früh, ist es in „Yes“ nicht weit her. Auf die eine oder andere Art mag es seit der Staatsgründung Israels 1948 immer schwierig gewesen sein, Israeli zu sein. Doch Lapids so obszöner wie niederschmetternder Ansatz stellt auf eindrückliche Weise dar, wie sehr sich das ohnehin schon gestörte Verhältnis zum eigenen Staat noch einmal verkompliziert hat. In drei Abschnitte geteilt, sehen wir zunächst Ys Leben in der israelischen Metropole Tel Aviv.
An der Seite seiner kreativen wie romantischen Partnerin Yasmin (Efrat Dor) erfüllen sie dem obersten Prozent der israelischen Gesellschaft auf hemmungslosen Partys jeden noch so dekadenten Wunsch. „The Good Life“ heißt dieser erste Teil, und es braucht keine fünf Minuten, bis deutlich wird, auf welch pervertierte Weise dieser Titel zu verstehen ist. Symbolisch ist hier eine Szene zu sehen, in der Y und Yasmin eine mittelalte Domina ‚ohral‘ – mit ihren Zungen in den Ohren der Frau — bis hin zum Höhepunkt befriedigen.
Abgesehen vielleicht vom rumänischen Regisseur Radu Jude („Bad Luck Banging Or Loony Porn“) gibt es dieser Tage wohl kaum einen solch anarchischen Filmemacher wie Lapid. Wenngleich er den eigenen Schmerz weniger hinter der Obszönität versteckt als diesen erst durch sie ausdrückt. Bald schon wird Y von einem Oligarchen angeheuert, eine neue Nationalhymne für Israel zu komponieren.
Eine Hymne, wie sie dem neuen Selbstverständnis einer Siegernation ziemt (und deren Text bereits vorgeschrieben ist). Und doch kann die israelische Identität letztlich nicht ohne die palästinensische verstanden werden. Für Y zumindest lässt sich dieser Umstand nicht ignorieren, weshalb er alsbald — im zweiten Teil — die Flucht antritt: vor der Dekadenz, vor dem Arbeitsauftrag, vor seiner Vaterschaft, vor Tel Aviv.
Im zweiten Abschnitt fährt Y mit dem Auto entlang der Grenze zu Gaza. Er scheint sich vergewissern zu wollen, wie real das dortige Grauen ist — vielleicht, um überhaupt imstande zu sein, die Hymne zu komponieren. Auf dieser Reise sucht er die Nähe zu seiner Ex-Freundin Leah (Naama Preis), die sich mittlerweile als Übersetzerin für die israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF verdingt — auch das Wort Propaganda fällt in diesem Kontext einige Male.
In einer der intensivsten Szenen des Filmes sitzen beide nebeneinander im Auto, als Leah in markerschütternder Weise die Hamas-Gräueltaten auflistet, die sie nach dem 7. Oktober übersetzen musste — eine nach der anderen. Während die fast dreistündige Laufzeit kaum Zweifel daran lässt, dass Lapid der aktuellen israelischen Gesellschaft sehr kritisch gegenübersteht, fügt diese Szene dem Film eine ebenso schmerzliche wie notwendige Komplexität hinzu.
Doch selbst diese Szene löst beim weiteren Nachdenken Folgefragen aus: Wie kommt es, dass wir über so viele der israelischen Opfer minutiös aufbereitete Biografien zur Verfügung haben — ihre Namen, ihr Alter, ihre Berufe kennen — während die getöteten Palästinenser*innen zumeist in einer bloßen Masse verschwinden? Es ist eine Frage, die auch Lapid nicht recht beantwortet bekommt. Seine Perspektive fokussiert sich so sehr auf das Übel auf der eigenen Seite, dass die palästinensische Sichtweise — das Wort Palästina fällt kein einziges Mal — eine abstraktes (Opfer-)Kollektiv bleibt.
Das Ziel ihrer gemeinsamen Fahrt ist eine Anhöhe, die von den Einheimischen zynisch „Hill of Love“ genannt wird, weil man von hier aus die israelischen Bombeneinschläge in Gaza besonders gut sehen kann. Die dunklen Rauchwolken, die wir im Hintergrund der Szene auf der Hügelspitze sehen, rühren von tatsächlichen Militärangriffen, die tatsächlich während der Dreharbeiten stattfanden. Kurzum: Das reale Leben dringt hier sichtbar ein in die zu einem grellen Zerrbild überhöhte Fiktion.
Les Films du Losange
Ein Ansatz, der sich im letzten Kapitel noch steigert, wenn sich immer mehr reale Aufnahmen in die fiktionalisierte Wirklichkeit der Geschichte mischen, bis sich beide bis aufs Äußerste miteinander verzurren. So etwa zu sehen im vollendeten Musikvideo, das die Oligarchen Y gegen Ende präsentieren – und das auf dem realen Video „Friendship Song 2023“ basiert, das vom öffentlich-rechtlichen israelischen Sender KAN geteilt wurde.
Dieses Video zeigt einen Kinder-Chor, der singt, man werde innerhalb eines Jahres „jeden vernichten“, während wir in übergeblendeten Aufnahmen Militärangriffe auf Gaza sehen. Den einzigen Eingriff, den der Berlinale-Gewinner von 2019 (für „Synonyms“) hier am vorgefundenen Video vornimmt, sind die Engelsgewänder, in die er die Kinder mittels CGI hüllt und somit der Realität lediglich eine symbolische Dimension hinzufügt.
Obwohl Lapid hier der Wucht seines Stoffes erliegt, verliert sein Film, besonders gegen Ende, zwar ein wenig seine Richtung, aber niemals seine überschäumende Energie. Bleiben wollen Y und Yasmin angesichts der nicht enden wollenden Vergeltungsschläge nicht. Aber wäre die Flucht (etwa nach Europa) nicht eine allzu bequeme Abwendung vom Übel, das der eigene Staat begeht? Womöglich ist der wahre Schrecken in „Yes“, dass hier nicht einmal mehr die Fiktion sich in der Lage sieht, ein Bild der Hoffnung zu zeichnen.
Ähnlich wie in Ari Asters „Eddington“, der gleichzeitig in Cannes Weltpremiere feierte und von der Internet-Verschwörungskultur während der COVID-19-Zeit und ihren realen Auswirkungen handelt, ist auch „Yes“ vor allem eine Vision vom Wahnsinn unserer Gegenwart. Eine Vision, die uns besonders dann merklich schlucken lässt, wenn uns eben diese Gegenwart aus dem vermeintlich Fiktiven heraus direkt ins Gesicht springt.
Fazit: Changierend zwischen Spiegel- und Zerrbild ist Nadav Lapids „Yes“ trotz seiner Überlänge und gelegentlicher Ziellosigkeit ein wichtiges Zeitdokument über die moralische Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft. Mit seiner anarchischen Vermischung von Fiktion und Realität stößt Lapid, trotz mancher Sackgasse, in zuvor unbetretenes Territorium vor und bleibt somit eine der unbequemsten und somit notwendigsten Stimmen des Gegenwartskinos.
Wir haben „Yes“ beim Cannes Filmfestival 2025 gesehen, wo er in der Sektion „Directors’ Fortnight“ seine Weltpremiere gefeiert hat.