Flucht als ultimativer Geduldstest
Von Björn SchneiderDDR-Fluchtfilme und Werke, in denen das Thema Flucht(pläne) mindestens am Rande vorkommt, sind hierzulande ein Dauerbrenner. Sie sind in Sachen Qualität allerdings so verschieden wie die Art ihrer Umsetzung. Unvergessen ist Roland Suso Richters packender Event-Zweiteiler „Der Tunnel“ (2001) ebenso wie Michael Bully Herbigs „Ballon“ von 2018. Beide Produktionen funktionieren als unterhaltsame, stilsicher inszenierte Thriller ganz ausgezeichnet. Deutlich schwächer sind die klischeebeladene Ost-West-Betrachtung „Zwischen uns die Mauer“ (2019) und das überraschungsarme Politmelodram „Wir wollten aufs Meer“ (2012). Zwei Filme, die aber zeigten, wie man das altbekannte Sujet eben auch aufbereiten kann. Nämlich als Coming-of-Age-Liebesfilm und als Politmelodram.
„Dorfpunk“-Regisseur Lars Jessen, der hier nach dem Kinohit „Mittagsstunde“ wieder mit seinem Star Charly Hübner dreht, geht mit „Spaziergang nach Syrakus“ stilistisch und in Sachen Genre-Ansatz nochmals einen anderen Weg. Der 57-jährige Kieler inszenierte seinen siebten Kinofilm als Mix aus dokumentarischer Charakterstudie, Reisebericht und Tragikomödie über einen unter Fernweh leidenden Protagonisten. Als Vorlage diente ihm die auf wahren Begebenheiten basierende Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius (1995). Jessens Film ist das Gegenteil von „Der Tunnel“ oder „Ballon“, da die Spannungselemente auf ein Minimum begrenzt sind. Dafür besitzt der ganz auf die Psychologie seiner herzallerliebsten, lakonischen Hauptfigur zugeschnittene Film einen Cast, der zur Höchstform aufläuft.
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Der Rostocker Paul Gompitz (Charly Hübner) hegt einen Wunsch: Er will endlich einmal die miefige DDR verlassen und seinen Sehnsuchtsort Sizilien besuchen. Inspiriert dazu hat ihn der Dichter Johann Gottfried Seume, der einst Tausende Kilometer bis nach Syrakus wanderte. Doch dieses Unterfangen ist für Paul leichter gesagt als getan. Immerhin haben wir 1982 und die Staatsführung sieht für ihre leidgeprüften Bürger maximal einen Urlaub am Plattensee oder an der Ostsee vor. Doch Paul hält an seinem Ziel fest und plant die Flucht. Um seine Frau Anne (Lina Beckmann) nicht zur Mitwisserin zu machen, erzählt er ihr nichts von seinem Vorhaben. Viele Jahre bereitet er sich auf das Abenteuer vor, bis er 1988 ins Boot steigt.
Von den ersten Plänen bis zur tatsächlichen Umsetzung vergehen fast sieben (!) Jahre. Davor muss Paul erst einmal Geld beiseitelegen, um sich ein Segelboot leisten zu können. Und dann braucht es freilich noch mühsam zusammengesparte Rücklagen für den Italien-Trip – das „kapitalistische Ausland“ ist schließlich teuer. Zwischendurch lernt die Hauptfigur im heimischen Boddengewässer segeln und schafft sich Fachwissen über Militär- und Radartechnik drauf. All diese Begebenheiten schildert Jessen wahrheitsgetreu und detailliert – wie ein pflichtbewusster Chronist. Jedoch mit der unschönen Konsequenz, dass sich die Handlung viele Minuten ereignislos hinzieht und sich das Gezeigte arg zäh anfühlt.
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Es vergehen geschlagene 60 Minuten und damit fast zwei Drittel der Laufzeit, bis es zu Pauls Flucht über die Ostsee und Dänemark und damit zum schon im Filmtitel verheißungsvoll angekündigten „Spaziergang nach Syrakus“ kommt. Flucht und Italien-Reise bilden nicht den erzählerischen Kern, es geht vor allem um die Jahre davor und die Planungen. Daher wäre ein Filmtitel à la „Die Vorbereitung des Spaziergangs nach Syrakus“ vielleicht passender gewesen. Wobei: Streng genommen handelt es sich bei Paul Gompitz ja noch nicht einmal um einen Flüchtling. So sieht er sich selbst zumindest nicht. Oft betont er, dass er den Grenzübertritt nicht als Fluchtversuch wertet. Schließlich will er seine Heimat nur mal kurz hinter sich lassen, um sich davon zu überzeugen, dass es in der „freien Welt“ mehr gibt als Rotkäppchen-Sekt, Bautz'ner Senf, Plattenbau-Tristesse und FKK-Baden. Getreu dem Motto: Nur mal geschwind gucken, dann schnell wieder zurück nach Hause zur geliebten Frau.
Diese Sicht auf die eigenen Wurzeln und die Heimat, in der immerhin ein unterdrückendes und menschenfeindliches Ein-Parteien-System installiert ist, unterscheidet Paul von den Protagonisten inhaltlich ähnlich gelagerter DDR-Filme (siehe erster Absatz). Er ist ein facettenreicher, interessanter Charakter, nicht frei von Widersprüchen und innerer Zerrissenheit. Genau das macht ihn menschlich und nahbar. Er ist einerseits angewidert von den Restriktionen und vom Stillstand in der DDR. Einmal spricht er treffend von der „Agonie im eigenen Land“. Andererseits ist er durchzogen von einer tiefen Heimatverbundenheit – und einer innigen Liebe zu seiner Anne, mit der er das private Glück gefunden hat. Und dieses will er niemals aufgeben.
Lina Beckmann und Charly Hübner sind das Highlight des Films. In ihrem entrückten, ergreifenden Spiel spiegelt sich ihre vertraute Verbundenheit, schließlich sind die zwei auch im echten Leben miteinander verheiratet. Dieser Umstand wirkt sich wiederum unmittelbar auf die Chemie der Eheleute im Film aus. Beckmann und Hübner glänzen mit einer starken Präsenz und legen auf feinfühlige Art die Befindlichkeiten ihrer Figuren offen – ohne in Gefühlsduselei oder unangenehme Sentimentalitäten abzudriften. Und Paul hat allein schon wegen seines subversiven, feinsinnigen Humors die Sympathien auf seiner Seite. Nur wenige Schauspieler verkörpern den Typus des kauzigen und wortkargen, aber zutiefst melancholischen und liebenswerten Norddeutschen so perfekt wie Hübner. Hier beweist er es erneut.
Im letzten Drittel wird „Spaziergang nach Syrakus“ dann noch zum geschmeidigen Wohlfühlfilm, der in sonnendurchfluteter Dolce-Vita-Ästhetik schwelgt. Jessen setzt im Stile einer Reisedoku auf malerische Postkartenmotive der traumhaften italienischen Natur und gängiger Sehenswürdigkeiten in Neapel, Rom und Verona. Hinzu kommen kreative visuelle Einfälle und optische Spielereien, etwa wenn Paul in kleinen Tricksequenzen direkt mit den animierten Post- und Landkarten verschmilzt. All diese Elemente sind auf puren Feel-Good-Modus getrimmt und bedienen ohne Scheu etliche (touristische) Klischees – doch sie tun niemandem weh und sind daher mindestens ebenso charmant wie liebevoll-nostalgisch.
Fazit: Flucht mit Wiederkehr – „Spaziergang nach Syrakus“ ist kein spannender DDR-Flucht-Thriller im Stile eines „Ballon“. Stattdessen handelt es sich bei Lars Jessens historischer Tragikomödie mit Reisedoku-Versatzstücken um eine sensible Betrachtung von Themen wie Fernweh, Rebellion, Selbstbehauptung und dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Der charakterzentrierte, mit feinem Humor garnierte Film lebt von seinen Darstellern, ist – vor allem in der ersten Hälfte – aber eine astreine Zerreißprobe. Anstatt dramaturgische Spannung aufzubauen, arbeitet er behäbig wie ein Spaziergang im Zeitlupentempo eine siebenjährige Fluchtvorbereitung chronologisch-zäh und ziemlich einfallslos ab.