Stiller
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Stiller

Der Jahrhundertroman von Max Frisch kommt ins Kino!

Von Lars-Christian Daniels

„Stiller vergisst man nicht wieder. Er ist keine Romanfigur, sondern ein Individuum, ein in jedem Zug erlebter und überzeugender Charakter“, adelte Schriftsteller Hermann Hesse einst den titelgebenden Protagonisten aus dem Roman seines zeitgenössischen Schweizer Autorenkollegen Max Frisch. Und in der Tat: Die mit den berühmten Worten „Ich bin nicht Stiller!“ eingeführte Hauptfigur des in zahlreiche Sprachen übersetzten Romans, der Frisch in den 1950er-Jahren seinen Durchbruch bescherte, ist ein ebenso faszinierender wie rätselhafter Mann. Seinem undurchsichtigen Wesen und den Beweggründen für sein Tun nähert sich der über 400 Seiten starke Roman in Form einer oft ausschweifenden Identitätsfindung Stück für Stück an – und lässt dabei immer noch einige Leerstellen.

Unter der Regie von Stefan Haupt („Zwingli – Der Reformator“) findet das sperrige literarische Werk, in dem sich mit Dutzenden Kommata gespickte Sätze schon mal über mehrere Seiten erstrecken, nach einigen Theater-Adaptionen jetzt erstmalig den Weg auf die große Leinwand. Die Verfilmung „Stiller“ sei dabei gerade auch jenen ans Herz gelegt, die keinen Zugang zu Frischs viel gelobtem, in seiner Heimat jedoch auch umstrittenem Buch finden konnten. Haupt staucht die in zwei sehr ungleich lange Hälften geteilte Vorlage auf das für die Handlung Wesentliche zusammen und lässt den zweiten Teil des Romans einfach ganz weg. Sein stark besetztes, erzählerisch aber sehr konventionelles Identitätsdrama lässt einen Mann daran verzweifeln, nicht (mehr) er selbst sein zu wollen.

James Larkin White oder Anatol Stiller? Das ist hier die Frage, zu der womöglich nicht mal der Mann (Albrecht Schuch) selbst die Antwort weiß. StudioCanal
James Larkin White oder Anatol Stiller? Das ist hier die Frage, zu der womöglich nicht mal der Mann (Albrecht Schuch) selbst die Antwort weiß.

Zürich, im Herbst 1952: Bei seiner Ankunft in der Schweiz nehmen die Behörden einen einreisenden Mann (Albrecht Schuch) fest, in dessen amerikanischem Pass der offensichtlich falsche Name „James Larkin White“ steht. Wenngleich der Festgenommene es hartnäckig leugnet, scheint es sich bei ihm um den möglicherweise in eine Spionageaffäre verwickelten, vor sieben Jahren verschollenen Bildhauer Anatol Stiller (Sven Schelker) zu handeln, der nach einem langen USA-Aufenthalt in sein Heimatland zurückgekehrt ist. Auch seine an Tuberkulose erkrankte Frau, die frühere Balletttänzerin Julika (Paula Beer), erkennt ihren Gatten bei ihrem Besuch in der Untersuchungshaft wieder. Oder täuscht sie sich etwa?

Julika lernte Stiller nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs kennen, dieser ließ seine Frau einige Jahre später aber sitzen. Gleiches gilt für die umtriebige Juristengattin Sibylle Rehberg (Marie Leuenberger): Während Julika wegen ihrer schweren Erkrankung in einem Sanatorium in Davos weilte, stürzte sich Stiller mit ihr in eine Affäre. Der inhaftierte White ahnt nicht, dass Sibylle nach der Trennung ein Kind von Stiller abgetrieben hat und sitzt nun ausgerechnet ihrem Gatten gegenüber: Staatsanwalt Rolf Rehberg (Max Simonischek), der ihn vor Gericht bringen will. White, der Stiller sehr ähnlichsieht, fertigt auf Wunsch seines Pflichtverteidigers Dr. Bohnenblust (Stefan Kurt) Aufzeichnungen über sein Leben der letzten Jahre an und erzählt dem Gefängniswärter Knobel (Marius Ahrendt) abenteuerliche Geschichten, die er angeblich fernab der Heimat erlebt hat…

Ein Vexierspiel mit Identitäten

White oder nicht White, das ist hier die Frage! Und anders als im Roman, in dem schnell durchklingt, dass es sich bei dem eingereisten Mann tatsächlich um Stiller handelt, treibt die Suche nach der Antwort auf diese zentrale Frage die Kinoadaption eine gute Stunde lang voran. Regisseur Stefan Haupt, der mit Alex Buresch („Jugend ohne Gott“) auch das Drehbuch schrieb und sich dabei abgesehen von den Dialogen und der Streichung des Teils nach der Haft recht eng am literarischen Original entlanghangelt, streut nämlich berechtigte Zweifel daran ein, dass White tatsächlich Stiller ist. Neben der Unbeirrbarkeit des Inhaftierten sind da etwa eine auffällige Narbe am Ohr, eindeutige Unterschiede zwischen zwei Röntgenbildern und nicht zuletzt Alibis, die White sich selbst gibt. Noch bevor diese Zweifel ausgeräumt werden können, ahnen wir schon, dass der Inhaftierte uns einen Bären aufbinden will – wir fragen uns nur, warum?

Und erfahren es bald: Fühlt sich „Stiller“ anfangs noch wie eine klassische Amnesie-Komödie an, die aus der Unwissenheit des Patienten Lacher generiert („Wir sind verheiratet“ – „Oh, das wüsste ich aber!“), wandelt sich der Film bald zur vielschichtigen Charakterstudie, die die verleugnete Identität und das Seelenleben ihrer rätselhaften Hauptfigur filetiert. Erzählerisch setzt Haupt dabei stets auf konventionelle Schnittmuster: Die farbig gehaltenen Dialoge im Hier und Jetzt des Films etwa werden regelmäßig durch (meist) in Schwarz-Weiß gehaltene Rückblenden unterbrochen, die Stillers Ehe mit Julika und seinen Niedergang als selbstkritischer Künstler (und Mensch) schildern. Der anfangs so positiv-bescheidene Stiller, in den sich Julika verliebt, wandelt sich zum jähzornigen Nihilisten, der seiner Frau den Erfolg als Tänzerin neidet und seine eigene künstlerische Arbeit geringschätzt.

Auch die Balletttänzerin Julika (Paula Beer) ist sich sicher, in dem Mann ihren Ex-Gatten Stiller zu erkennen. StudioCanal
Auch die Balletttänzerin Julika (Paula Beer) ist sich sicher, in dem Mann ihren Ex-Gatten Stiller zu erkennen.

Bis ins Letzte konsequent wirkt das aber nicht immer: Einige Rückblicke (etwa Stillers Kennenlernen mit Sibylle auf einem Maskenball) sind dann doch wieder in Farbe gehalten – und während der in U-Haft sitzende White anfangs noch munter zwischen englischen und deutschen Sätzen hin und her switcht, legt er diese Verschleierung seiner Alltagssprache irgendwann einfach ab. Auch das humorvoll angehauchte Verhältnis zu seinem Wärter läuft in der zweiten Filmhälfte zunehmend ins Leere: Hängt der gutgläubige Knobel anfangs noch an seinen Lippen, um Abenteuergeschichten aus den Staaten zu lauschen, fristet die Figur in der zweiten Filmhälfte fast ein Komparsendasein und kommt erst auf der Zielgeraden des Dramas noch einmal zu ihrem Recht.

Dennoch langweilt die an prachtvollen Schauplätzen wie den Schweizer Alpen oder dem Zürisee gedrehte Frisch-Adaption selten – und das liegt auch am tollen Cast. Mit Albrecht Schuch („Lieber Thomas“) und Paula Beer („Miroirs No. 3“) spielen zwei der größten Stars des deutschen Arthousekinos in vorderster Reihe – und auch in den Nebenrollen ist das Sieben-Personen-Stück, das der feierfreudige Jugendfreund Sturzenegger (Martin Vischer) komplettiert, fabelhaft besetzt. In manchen Momenten wirkt die anfangs große Liebe zwischen Stiller und Julika allerdings etwas behauptet: Vergleicht man den Film etwa mit Florian Henckel von Donnersmarcks epochalem „Werk ohne Autor“, in dem Beer ebenfalls eine junge Frau in einer leidenschaftlichen Beziehung mit einem jungen Künstler mimt, springt der Funke zwischen Schuch und Beer nicht immer über.

Kann man seine eigene Vergangenheit abschütteln?

Manchmal soll er genau das aber auch gar nicht tun: Mit zunehmender Spieldauer konzentriert sich „Stiller“ immer stärker auf die Frage, ob seine Mitmenschen den selbstkritischen Bildhauer vielleicht nie richtig gekannt und verstanden haben – und ob sich ein Mensch, der mit dem vermeintlichen Versagen seiner Vergangenheit hadert, wohl je von dieser emanzipieren kann. Wie soll man beweisen, dass man nicht mehr der ist, für den einen alle halten? Die „Smyrnov-Affäre“, in die Stiller angeblich verwickelt war, spielt dabei übrigens wie auch schon im Roman nur eine sehr untergeordnete Rolle – dafür addieren die Filmemacher noch eine pfiffige Schlusspointe, wie wir sie aus klassischen Whodunit-Krimis kennen.

Fazit: „Ich bin nicht Stiller!“ – Stefan Haupt übersetzt die sperrige Romanvorlage von Max Frisch in eine deutlich leichter verdauliche, in kompakte 99 Minuten gegossene Kinoversion. Sein stark besetztes Identitätsdrama punktet mit einer vielschichtigen Studie seiner Hauptfigur, wagt erzählerisch aber wenig Neues und wirkt handwerklich nicht immer ganz konsequent.

Wir haben „Stiller“ beim Filmfest München 2025 gesehen, wo er in der Reihe „Wettbewerb CineCoPro“ seine Weltpremiere feierte.

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