Meine Frau weint
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Meine Frau weint

Ein deutsches Meisterwerk im Berlinale-Wettbewerb

Von Christoph Petersen

Es gibt wohl keine zweite deutsche Regisseurin, die von der – auch internationalen – Hardcore- Cinephilie so ausdauernd abgefeiert wird wie Angela Schanelec („Marseille“). Mit ihren vorherigen beiden Filmen wurde sie, was ohnehin längst überfällig war, endlich auch in den Berlinale-Wettbewerb eingeladen – und gewann dort jeweils einen Silbernen Bären: zunächst für die Beste Regie (2019 für „Ich war zuhause, aber ...“), dann für das Beste Drehbuch (2023 für „Music“). Ein größeres Publikum wird ihr aber selbst dieser Preisregen kaum einbringen, dafür bleibt sie sich, und das ist an dieser Stelle unbedingt als Lob zu verstehen, einfach „zu“ treu.

Man kann ihre Filme leicht als „hemmungslos verkopft“ abstempeln, aber eigentlich spricht aus ihren strengen Bildern und ihren noch strengeren Dialogen vor allem eine ungeheure Präzision. Dabei geht es oft um Kommunikation, beziehungsweise um das Scheitern derselben. Auch in „Meine Frau weint“ verstehen Personen einander nicht – trotz einer Sprache, die „klarer“ kaum sein könnte. Die Figuren sprechen in einem gleichbleibenden Tonfall, als wäre es eine Übungsaufgabe aus einem Theaterworkshop – und zwar in hochgradig konzentrierten Sätzen, die wirken, als hätte die Autorin zuvor mühevoll jedes überflüssige Gramm von ihnen abgeklopft.

Die Kamera verharrt gleich in der ersten Einstellung so lange, dass man fast erschrickt, wenn doch noch eine zweite Figur ins Bild rückt. Grandfilm
Die Kamera verharrt gleich in der ersten Einstellung so lange, dass man fast erschrickt, wenn doch noch eine zweite Figur ins Bild rückt.

Los geht es direkt mit einer jener rigoros-reduzierten, meist statischen, im beengenden 4:3-Format gedrehten Einstellungen, für die Schanelec berühmt (und bei einigen vermutlich auch berüchtigt) ist: eine weiße Wand, in der Mitte ein ebenfalls weißer Klappstuhl, links eine halbe Tür, rechts ein halbes Regal, darauf eine Thermosflasche und ein paar Becher. Der Kranfahrer Thomas (Vladimir Vulević) nimmt Platz – und obwohl wir aus dem Off die Stimmen von zwei Frauen vernehmen, verharrt die Kamera erst einmal bei ihm, bis sich bereits der erste Schnitt wie eine kleine Sensation anfühlt (vom wenige Minuten später folgenden Blick aus dem Fenster auf die Baustelle mal ganz zu schweigen).

Das sich entspinnende Gespräch wirkt auf der einen Seite völlig zufällig und alltäglich, zugleich aber auch so gar nicht wie Small Talk, wenn in pointierten, betont sauber konstruierten Sätzen über Sorgen gesprochen wird, wie man es in dieser Offenheit zumindest auf dem Bau so ganz sicher nicht erwarten würde. Doch selbst diese fast schon philosophische Klarheit scheint beim Verstehen nur bedingt zu helfen. Offenbar gab es auf der Baustelle einen Vorfall mit einem Kran, von dem wir bis zum Ende des Films keine Details erfahren. Stattdessen folgt per Telefon die Bitte von Thomas‘ Frau Carla (Agathe Bonitzer), sie vor der Klinik abzuholen.

Wozu Sprache gut ist

Carla sitzt weinend auf einer Parkbank, beginnt aber erst auf dem Heimweg zu erzählen, was eigentlich geschehen ist: Sie war auf der Autobahn unterwegs mit einem jungen Mann aus dem Tanzkurs, der sich auf dem Land ein Haus ansehen wollte. Nach dem Crash mit einem Sattelschlepper war er sofort tot, während sie unverletzt geblieben ist. Mehr noch als der fatale Unfall scheint Carla jedoch das Gespräch während der Fahrt zuvor zu beschäftigen – erst dabei habe sie verstanden, warum wir eigentlich sprechen, wozu Sprache gut ist.

Das Publikum jedoch wird diese Unterhaltung nie sehen, sie bleibt bloße Utopie und damit womöglich genau das, wonach auch Schanelec in den 31 Jahren seit ihrem Langfilm-Debüt „Das Glück meiner Schwester“ strebt. Währenddessen bekommt Thomas das Gefühl, sein Kopf würde platzen, weshalb eine zufällig in der Nähe auf den Bus wartende Frau sogar (völlig übertrieben) einen Krankenwagen ruft.

Carla (Agathe Bonitzer) fühlt sich nach ihrem ebenso utopisch begonnenen wie fatal geendeten Autoausflug völlig verloren.  Grandfilm
Carla (Agathe Bonitzer) fühlt sich nach ihrem ebenso utopisch begonnenen wie fatal geendeten Autoausflug völlig verloren.

Neben allerlei Anspielungen unter anderem auf frühere eigene Filme, so etwa an einer Stelle auf das steinige Moosbett aus „Der traumhafte Weg“, gibt es trotz aller akademischen Strenge eben auch diesmal wieder eine Menge Humor: von einem sicherlich nicht zufällig in der Buchhandlung herumliegenden „Wo ist Walter?“-Heft über eine vom Regen verscheuchte Blaskapelle bis zu dem ironischen Umstand, dass die im Kindergarten arbeitende Carla ausgerechnet einem Vater von ihrer Sprach-Erleuchtung erzählt, der sich hinterher als Poet mit Nobelpreischancen herausstellt.

Und es wird getanzt, auf der Terrasse, womöglich als endgültige oder zumindest kathartische Kapitulation vor der Sprache – in einer der schönsten Tanzszenen, seit Franz Rogowski für Michael Haneke in „Happy End“ an die Decke gegangen ist …

Fazit: Eine meisterhafte, streng-minimalistische, auf eine betont akademische Art so poetische wie verspielte Erforschung von Sprache und Räumen. Wie bei allen Schanelec-Filmen werden aber auch hier viele bereits an der (vermeintlich) spröden Oberfläche (gnadenlos) abprallen.

Wir haben „Meine Frau weint“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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