No Good Men
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
No Good Men

Definitiv einer der besseren Berlinale-Eröffnungsfilme

Von Michael Meyns

Zum ersten Mal wurde die Berlinale mit einem afghanischen Film eröffnet. Oder zumindest mit dem Film einer afghanischen Filmemacherin. Denn Regisseurin Shahrbanoo Sadat lebt seit der neuerlichen Machtübernahme durch die Taliban im Jahre 2021 im westlichen Exil, weswegen ihre Tragikomödie „No Good Men“ dann auch eine größtenteils deutsche Produktion ist, die zwar in Kabul spielt, tatsächlich aber weitestgehend in Hamburg gedreht wurde.

Dass man das der Geschichte einer Kamerafrau, die sich in der patriarchalischen afghanischen Gesellschaft durchschlägt, keineswegs anmerkt, zählt zu den größten Qualitäten des engagierten, bisweilen etwas naiven Films. „No Good Men“ basiert lose auf wahren Begebenheiten, die Hauptdarsteller*innen spielen Variationen ihrer selbst. Dabei agieren zwar manchmal etwas hölzern, aber doch in einem Maße authentisch, dass man manche filmische Schwäche gerne übersieht.

Die letzten Tage vor den Taliban

Kabul, 2021. Naru (Shahrbanoo Sadat) arbeitet als Kamerafrau für den lokalen Fernsehsender Kabul TV, bislang bei banalen Ratgeber-Sendungen. Als Frau hat sie es in der patriarchalischen afghanischen Kultur schwer und auch bei der Arbeit in dem von Männern dominierten Sender werden ihre Fähigkeiten nicht geschätzt. Das ändert sich erst, als es ihr gelingt, auf den Straßen der Stadt O-Töne von Frauen einzusammeln, die bei ihrem männlichen Kollegen immer stumm geblieben sind – und die den Berichten über das Leben in dem vom Krieg gebeutelten Land besondere Authentizität verleihen.

Plötzlich findet auch der erfahrene TV-Berichterstatter Qodrat (Anwar Hashimi) Interesse an Naru, unterstützt sie beruflich, aber auch im Privaten: Naru lebt seit einiger Zeit getrennt von ihrem Mann und sorgt sich um das Sorgerecht für ihren fünfjährigen Sohn. Und über allem schwebt der drohende Abzug der amerikanischen Truppen und mit ihnen die Eroberung Kabuls durch die Taliban. Ist Qodrat wirklich der eine gute Mann, der sich in Afghanistan finden lässt?

Naru (Shahrbanoo Sadat) ist regelrecht euphorisch, als ihr mit Qodrat (Anwar Hashimi) ein Mann erstmals wirklichen Respekt entgegenbringt. Virginie Surdej
Naru (Shahrbanoo Sadat) ist regelrecht euphorisch, als ihr mit Qodrat (Anwar Hashimi) ein Mann erstmals wirklichen Respekt entgegenbringt.

Mit dem Satz „Unsere Freiheit wird am Hindukusch verteidigt“ begründete der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck 2002 die Beteiligung am NATO-Einsatz in Afghanistan, der als Folge der Anschläge vom elften September 2001 begann und im Herbst 2021 mit einem desolat organisierten Abzug kläglich endete. Verzweifelt versuchten damals Afghan*innen einen der letzten Flüge zu erwischen, die sie nach draußen und damit in Sicherheit vor den anrückenden Taliban bringen sollte. Mit diesen tragischen Bildern endet „No Good Men“, der vorher eine oft erstaunlich leichtfüßige Geschichte erzählt, in der Momente der Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit der zunehmend fragilen Realität kollidieren.

Als Co-Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin in Personalunion agiert dabei Shahrbanoo Sadat, die selbst im August 2021 endgültig aus ihrer Heimat flüchten musste. Schon zuvor hatte sie mit den Filmen „Kabul Kinderheim“ und „Wolf And Sheep“ zwei Festivalerfolge gelandet, die weitestgehend mit Laiendarsteller*innen realisiert und dann in Cannes uraufgeführt wurden. Bei all diesen Filmen dienten Skripte von Anwar Hashimi als Vorlage, der diesmal auch selbst die männliche Hauptrolle spielt – ebenso wie die Regisseurin kein erfahrener Schauspieler. Das merkt man dem Film an, gerade in dramatischeren Szenen wirken die Performances nur bedingt überzeugend.

Ein Vibrator als Moment der Befreiung

Ganz anders, wenn Sadat sich im Umgang mit anderen afghanischen Frauen inszeniert, wenn über Beziehungen und Intimität geredet wird und eine Freundin, die gerade aus den USA zu Besuch in Kabul ist, die frisch getrennte Sadat mit einem Vibrator beglückt, so als wäre man bei „Sex & The City“. Es sind solche Momente, die auf überraschende, erfrischende Weise vom alltäglichen Leben in einem Land erzählen, das meistens nur in den Nachrichten präsent ist, wenn einmal mehr eine Bombe explodierte oder die Taliban vorrücken.

Auch wenn aus offensichtlichen Gründen nicht vor Ort gedreht werden konnte, gelingt es Sadat und ihren Produktionsdesignern auf bemerkenswerte Weise, das Leben auf den Straßen des zentralasiatischen Staates in Deutschland nachzubauen – inklusive viel Staub, zerfallenden westlichen Autos und einem lebendigen Treiben auf den Märkten. Alltägliches Leben eben, das für eine kurze Zeit wieder entstehen konnte, bevor auch durch den Abzug der westlichen Truppen wieder Chaos und die totalitär agierenden Taliban einzogen. Wenn man sich fragt, warum Deutschland afghanische Flüchtlinge aufnehmen sollte, könnte „No Good Men“ einen Teil der Antwort liefern.

Fazit: In ihrem semi-autobiografischen Film „No Good Men“ erzählt die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat vom Leben in Kabul kurz vor der erneuten Machtübernahme durch die Taliban. Schauspielerisch und dramaturgisch wirkt das in Momenten zwar etwas holprig, überzeugt aber durch einen oft leichten Ton, der authentisch wirkt und einen erfrischend anderen Blick auf Afghanistan ermöglicht, als man ihn aus den deutschen Nachrichten gewohnt ist.

Wir haben „No Good Men“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm seine Weltpremiere gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren