Der Kultroman kommt ins Kino
Von Christoph PetersenEs ist zwar etwas peinlich, aber wir spielen ja mit offenen Karten. Meine spontane Reaktion nach „Allegro Pastell“ war jedenfalls: „Ein spürbar superpräziser Einblick in die Weltsicht einer Generation, die mir trotzdem merkwürdig fremd bleibt.“ Beim nochmaligen Nachrechnen habe ich dann allerdings erschrocken festgestellt: „Moment mal, die Protagonist*innen sind ja exakt so alt wie ich, auch örtlich trennen uns nur einige hundert Meter Luftlinie.“ Es ist kein Wunder, dass der 2020 erschienene Roman* von Leif Randt, der auch selbst das Drehbuch verfasst hat, auf Anhieb zum absoluten Kulthit avanciert ist. Endlich hat mal jemand ernsthaft, aber ungeschönt dieses hyper-reflektierte Milieu getroffen, das in Literatur und Kino ansonsten meist nur einfältig als hedonistisch-achtsame (Berliner) Blase weggekalauert wird.
Trotzdem kommt man bei der zentralen Liebesgeschichte – selbst wenn man mit größtmöglicher Aufgeschlossenheit an die Sache herangeht – im ersten Moment kaum um die Frage herum: Was zum Teufel haben die eigentlich für ein Problem? Bislang waren Romanzen im Künstlermilieu in der Regel eine simple Angelegenheit: eine alles versengende Liebe – und dazu die existenzielle Frage, wo man das nächste Stück Brot herbekommt. In „Allegro Pastell“ hingegen spielen finanzielle Sorgen für die Kreativen anscheinend überhaupt keine Rolle mehr – und die Liebe wird bereits durch eine etwas zu aufgeräumt designte Website infrage gestellt. Da muss man schon genauer hinschauen, um an den MDMA-Klischees vorbei zum Kern vorzudringen – und zum Glück tun Leif Randt und „Dead Girls Dancing“-Regisseurin Anna Roller genau das.
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Frühjahr 2018: Der Webdesigner Jerome Daimler (Jannis Niewöhner) hat zwar ihr Buch noch nicht gelesen, ist aber trotzdem sofort fasziniert. Also lässt er es sich bei einer Lesung von der in Bremen aufgewachsenen, aber inzwischen in Neukölln lebenden Autorin Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) signieren. Es folgt erst ein One-Night-Stand („Der Sex […] war nicht besonders gut, aber es war spürbar, dass er einmal gut werden könnte, […] also war es letztlich doch guter Sex.“) und dann eine Fernbeziehung zwischen Berlin und dem Maintal, wo Jerome noch immer im spießigen Haus seiner ins Ausland verzogenen Eltern lebt.
So richtig festlegen will sich jedoch niemand – und dann kommt Tanjas 30. Geburtstag, zu dem Jerome ihr eine von ihm designte Website schenkt: Auf dieser ist ihr Leben feinsäuberlich in Kacheln gegliedert, was vielleicht eine nette Geste ist, die Beschenkte in ihrer Aufgeräumtheit aber so verschreckt, dass sie ihren Freund erst einmal von sich wegstößt …
Tanja ist zwar im beschaulichen Bremen im Wohlstandshaushalt einer Psychologen-Mutter (gespielt von Martina Gedeck) aufgewachsen, wird in der Verfilmung aber trotzdem von der deutsch-französischen Schauspielerin Sylvaine Faligant (absolut grandios in ihrer ersten Kinorolle!) verkörpert. Ihr kaum verborgener Akzent, der ganz anders klingt als der ihrer von Luna Wedler („Silent Friend“) verkörperten Schwester, ist allerdings nur ein weiterer unaufgelöster Widerspruch, der in diesen schwer festlegbaren Figuren steckt.
Das zentrale Paradoxon dieses neuen sozialen Milieus lautet: „Genuss wird zur Arbeit und Arbeit zum Genuss“, wenn nicht nur jeder Job, sondern auch jeder Drogenkonsum und jeder Sex zunächst einmal ausgiebig auf sein Potenzial zur persönlichen Entfaltung abgeklopft wird. Da fällt es allzu leicht, mit einem Hinweis auf die Selbstbezogenheit und Weltfremdheit abzuwinken. Aber wie so viele Widersprüche erweisen sich auch diese als ausgesprochen fruchtbar, wenn man sich nur auf sie einlässt. Bei einer „typischen“ Millennial-Analyse nach zeitlichem Aufwand und persönlichen Wachstumschancen würde also rauskommen: „Ruhig ins Kino gehen!“
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Verhandelt wird all das zumindest in der ersten Hälfte vornehmlich in selbstanalytischen Kommentaren, die fast wörtlich aus dem Roman übernommen wurden, während die Handlung und Bilder lange Zeit betont fragmentarisch bleiben. Eine schön designte, rau-kühle Oberflächlichkeit, die die Zuschauenden immer auch ein Stück weit abstößt, ganz genau so, wie sich die romantischen (?!) Protagonist*innen selbst auf – längst nicht nur räumlicher – Distanz halten. Anna Roller setzt das spezifische Gefühl der Vorlage visuell kongenial um, womit die (Einstiegs-)Hürden des oft nahezu klinisch beobachtenden Romans aber auch im Kino keinesfalls abgebaut werden.
Denn das muss man „Allegro Pastell“ definitiv lassen: Obwohl die Verkaufszahlen der Vorlage die Idee nahelegen, sich in der Verfilmung mehr in Richtung Mainstream zu öffnen, gibt es keine faulen Kompromisse!
Fazit: „Allegro Pastell“ – der Roman wie die Verfilmung – bekommt ein ganz spezifisches Millennial-Milieu zwischen Selbstverwirklichung und Bindungsunverbindlichkeit zu fassen, über das sich sonst oft lustig gemacht wird, ohne es zu verstehen (oder in den allermeisten Fällen auch nur verstehen zu wollen). Sylvaine Faligant ist in der Hauptrolle eine Offenbarung, für Uneingeweihte birgt die (vermeintliche) Konfliktlosigkeit der (erst auf den zweiten oder gar dritten Blick existenziellen) Liebesgeschichte aber dennoch ein nicht unerhebliches Frustpotenzial.
Wir haben „Allegro Pastell“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film in der Sektion Berlinale Special seine Weltpremiere gefeiert hat.
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