Alles bloß kein langweiliger Themenfilm
Von Jochen WernerAm Anfang von „Maysoon“ ist alles so harmonisch, dass wir direkt ahnen: Das kann nicht so bleiben. Ein Tag am See mit den Kindern – Schwimmen, Fußballspielen, Dösen in der Sonne, dazu Wassermelone und Pommes mit Ketchup. Glücklich scheint dieses Paar, bestehend aus der Ägypterin Maysoon (Sabrina Amali) und dem Deutschen Tobi (Florian Stetter). Und doch steht die Eskalation da bereits vor der Tür. In den Augen von Tobi kann man das vielleicht sogar schon erahnen, zumindest dann, wenn gerade keiner hinschaut.
Dann trifft er tatsächlich ein, der Bruch, und es stellt sich heraus, dass weder Tobi noch Maysoon auch nur ansatzweise darauf vorbereitet sind. Es beginnt als normaler Streit, irgendwie aus heiterem Himmel und scheinbar anlasslos, und dann ist es ausgesprochen: Tobi hat eine Affäre, schon seit längerem, mit seiner Chefin Julia (Susanne Bormann). Zwischenzeitlich scheint es kurz, als ließe sich noch etwas retten: Ein Seitensprung könne ja immer mal passieren, so Maysoon, man ist ja ein erwachsenes, modernes Paar, sie hätte nur lieber nichts davon gewusst. Aber allmählich stellt sich die Erkenntnis ein: Es ist etwas Ernstes, Tobi will raus aus dieser Beziehung.
Grandfilm
Von diesem Punkt an eskaliert alles, und Maysoon verliert die Kontrolle. Nicht nur die Trennung von Tobi wird zum Krieg, in dessen Verlauf sie ihrem Ex den Kontakt zu den Kindern verbietet. Auch in anderen Situationen kommt es zu unwillkürlichen Wutausbrüchen: den Kindern gegenüber ebenso wie im beruflichen Zusammenhang. Hier verschärft sich dann Maysoons Lage essenziell, denn aus ihrer Stelle als Museumsführerin im Neuen Museum in Berlin wird sie gefeuert, und ohne Anstellung gerät ihre Aufenthaltsgenehmigung in Gefahr. Und dies wiederum bricht alte Traumata auf, denn vor ihrer Ankunft in Deutschland war Maysoon Aktivistin im Rahmen des Arabischen Frühlings.
Zurück kann sie nicht, und auch ihre Familie hat den Kontakt zur Tochter abgebrochen, nachdem Maysoons Bruder qua Kontaktschuld festgenommen und im Gefängnis ermordet wurde. Es kommt also nicht nur einiges, sondern irgendwie sogar alles zusammen im Film von Nancy Biniadaki. Aber die Frage, wie genau das alles zusammenpassen soll, bleibt auch zum Ende hin weitgehend offen. Was für ein Film will „Maysoon“ sein? Ein Familien- und Trennungsdrama? Eine Aufarbeitung politischer Verwerfungen? Ein Film über die prekäre Situation in einem Leben mit begrenztem Duldungsstatus? Ein bisschen von alldem? So richtig finden die verschiedenen Handlungsstränge nie zusammen, und alles verbleibt in einem seltsamen inhaltlichen Schwebezustand.
Gerade dieser allerdings ist wiederum gar nicht nur negativ zu bewerten – verhindert er doch auch, dass aus „Maysoon“ ein bloßer, papierener Themen- und Problemfilm wird. Stattdessen bleibt er mit einer eigenen Energie in Erinnerung. Die größte Stärke von Biniadakis Inszenierung besteht nämlich darin, dass sie sich über weite Strecken einigermaßen rückhaltlos auf den selbstzerstörerischen Trip ihrer Protagonistin einlässt. Den Preis, dass Maysoon damit auch als uneingeschränkte Sympathieträgerin eher untauglich wird, zahlt der Film anscheinend gern, und diese grundambivalente Tönung seiner Erzählung macht ihn im Grunde nur interessanter.
So sind Maysoons Ausraster und ihr zornerfüllter Feldzug gegen Tobi in ihren existenziellen Nöten zwar begründet, aber wir als Zuschauer*innen werden keineswegs emotional dazu genötigt, diese gutzuheißen. Vielmehr sind wir gezwungen, viele verschiedene Ebenen jeweils für sich zu betrachten und zu differenzieren: zwischen Politik und Liebe, früheren Traumatisierungen und gegenwärtigen Verletzungen, systemischen Ungerechtigkeiten und den Dingen, die man gelassener hinnehmen müsste, weil das Leben eben so spielt.
Grandfilm
In seinen besten Momenten ist „Maysoon“ ein Energiebündel, das unberechenbar mal hierhin, mal dorthin ausschlägt. Er entwickelt eine destruktive Kraft, die vielleicht zuvorderst an Michael Hofmanns weitgehend vergessenen und – auch als Schule der Ambivalenz in oft allzu eindeutigen Zeiten – dringend wiederentdeckenswerten „Sophiiiie!“ (2002) erinnert. In seinen schwächeren Momenten hingegen ist „Maysoon“ ein Film, der sich nicht so recht entscheiden mag, ob er nun lieber dieses oder jenes erzählen möchte. So oder so: Den ganz einfachen, erwartbaren Weg geht Regisseurin Biniadaki nie, und allein das macht diesen vielleicht nicht ganz geglückten, aber doch ambitionierten Film am Ende schon sehenswert.
Fazit: So ganz richtig weiß „Maysoon“ nie, was für ein Film er eigentlich sein will, aber das Irrlichtern zwischen verschiedenen, nie so ganz zusammenfindenden Erzählsträngen in Verbindung mit einer ungerichteten und durchaus destruktiven Energie hebt ihn wohltuend aus dem erwartbaren Themenfilmeinerlei heraus. Nicht ganz geglückt, aber interessant.