Ein Mädchen namens Willow
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ein Mädchen namens Willow

Ein lebendiges Hexenbuch stiehlt allen die Show

Von Christoph Petersen

Sabine Bohlmann ist nicht nur die deutsche Stimme von Lisa Simpson, sondern auch von der 13-jährigen Tiny Tina, einer psychisch instabilen Sprengstoffexpertin, die ihre Feinde in den USK-18-Videospielen der „Borderlands“-Reihe bevorzugt mit Dynamit in die Luft jagt. Aber wo die schon seit 1984 viel beschäftigte Synchronsprecherin stimmlich auch gerne mal eine Ecke subversiver unterwegs ist, sind ihre Erziehungsratgeber und Kindergeschichten um „Frau Honig“ oder den „Kleinen Siebenschläfer“ garantiert immer „pädagogisch wertvoll“. Besonders große Erfolge feiern auch ihre „Willow“-Bücher um einen Zirkel von naturverbundenen Junghexen, von denen zwischen 2020 und 2024 bereits fünf Bände erschienen sind.

Selbst wer die Geschichten des rothaarigen Mädchens mit den verborgenen Hexenkräften bislang noch nicht kennt, dem dürfte jetzt trotzdem vieles bekannt vorkommen. Schließlich gehört auch „Willow“ zu den zahllosen Young-Adult-Fantasy-Stoffen, die nach dem Erfolg von „Harry Potter“ & Co. längst die Vorherrschaft in den Bücherladenregalen übernommen haben, wobei sich viele Details eben stark ähneln, wenn nicht gar gleichen. Und weil es so viele erfolgreiche Bücher in diesem Genre gibt, schaffen es davon eben auch immer mehr ins Kino. Trotzdem sticht „Ein Mädchen namens Willow“ von „Die Chaosschwestern“-Regisseur Mike Marzuk aus der Masse heraus – nicht wegen seiner Geschichte, sondern wegen der liebevollen Umsetzung.

Willow (Ava Petsch) muss erst noch ihre drei Co-Junghexen finden, um ihr volles Zauberpotenzial zu entfalten. Constantin Film
Willow (Ava Petsch) muss erst noch ihre drei Co-Junghexen finden, um ihr volles Zauberpotenzial zu entfalten.

Willow (richtig gut: Ava Petsch) und ihr alleinerziehender Vater Adam (Golo Euler) haben geerbt. Großtante Alwina (Sibylle Canonica) hat den beiden das Haus hinterlassen, in dem Willow bis zum Tod ihrer Mutter aufgewachsen ist, auch wenn sie sich an diese Zeit kaum noch erinnern kann. Zudem hat Willow ihren eigenen Wald – samt windschiefer Hütte – bekommen. Zunächst kann die Elfjährige mit den Bäumen und Moosen wenig anfangen, aber schon bald kennt sie jedes Tier und jeden Strauch wie ihre Westentasche – und dann stößt sie auf Grimmoor (Max Giermann), ein lebendiges Hexenbuch mit „Doppel-m und Doppel-o“.

Grimmoor erklärt Willow, dass Hexenkräfte in ihr schlummern – und ein erster Test ergibt, dass sie eine besondere Beziehung zu Feuer zu haben scheint. Aber um ihr volles Potenzial ausschöpfen zu können, muss sie zunächst den Zirkel vervollständigen – und dafür drei andere Junghexen finden, die sich auf die fehlenden Elemente Luft, Erde und Wasser spezialisiert haben. Und die Zeit drängt: Weil das Finanzamt plötzlich Erbschaftssteuern einfordert, soll Willows Wald verkauft werden – und zwar an das Spekulanten-Ehepaar Geier & Geier (Melika Foroutan, Michael Ostrowski), die mitten in der Natur ein Einkaufszentrum errichten wollen…

Handgemacht statt Pixelkunst

Es gibt in „Ein Mädchen namens Willow“ eine magische Weide, einen Baum voller Schlüssel und ein pflanzenbewuchertes Klavier, das nach ein paar Tastenanschlägen einfach von allein weiterspielt. Aber der Hingucker schlechthin bleibt dennoch „LOL“-Dauergast Max Giermann als Grimmoor: Haare, Augenbrauen, Bart, Haut und Kleidung sehen allesamt aus, als würden sie tatsächlich aus altertümlich handbeschriebenen Seiten bestehen (weshalb das lebendige Hexenbuch auch am liebsten Buchbinderleim trinkt). Natürlich hätte man so einen Effekt auch am Computer irgendwie hinbekommen, aber stattdessen kann man nur erahnen, wie lange der Arme wohl jeden Morgen vor Drehbeginn in der Maske sitzen musste. Aber egal wie lange es auch war, die „Leiden“ haben sich definitiv gelohnt.

Es gibt zwar auch CGI-Effekte, etwa wenn die vier Junghexen ihre Zauberkräfte zum ersten Mal vereinen und verschiedenfarbige Elementarfunken den Nachthimmel erhellen. Aber weil sie sparsam eingesetzt werden, entfalten sie eine stärkere Wirkung, als wenn man mit Effekten überflutet würde – und man spürt einfach, dass die Macher*innen lieber den einen Schritt extra gegangen sind, statt einfach auf die simple Aus-dem-Computer-Lösung zurückzugreifen. Das wäre sonst sicherlich auch der ganzen Zurück-zu-den-elementaren-Kräften-der-Natur-Thematik eher abträglich gewesen.

Das visuelle Highlight des Films: Bei Grimmoor (Max Giermann) sind die Kostümverantwortlichen wirklich keinerlei Kompromisse eingegangen. Constantin Film
Das visuelle Highlight des Films: Bei Grimmoor (Max Giermann) sind die Kostümverantwortlichen wirklich keinerlei Kompromisse eingegangen.

Ähnlich sorgsam wurde offenbar auch beim Casting agiert: Mit Ava Petsch als Willow (Feuer), Cora Traube als Valentina (Luft), Anna von Seld als Gretchen (Wasser) und Mary Tölle als Lotti (Erde) habe die Verantwortlichen gleich vier echte Typen für ihren Hexenzirkel gefunden. Einziger Wermutstropfen: Weil es erst mal den halben Film lang dauert, bis Willow ihre Mitstreiterinnen überhaupt identifiziert hat, und dann auch sofort der Wald gerettet werden muss, gibt es bislang nur wenige Szenen, die die Verbundenheit der Mädchen ins Zentrum stellen. Dabei ist gerade diese für einen Hexenzirkel buchstäblich elementar. Gerade hier wäre in möglichen Sequels definitiv noch Luft nach oben.

Und für die erwachsenen Begleitungen hält die Besetzungsliste ebenfalls noch ein Schmankerl bereit: Diana Amft brilliert nach siebenjähriger Leinwandabstinenz (seit „Der Junge muss an die frische Luft“) als leicht vertrottelte, aber supercharmante Nachbarin – und zaubert damit allen „Mädchen, Mädchen!“- und/oder „Doctor’s Diary“-Fans unter uns direkt ein Lächeln ins Gesicht.

Fazit: Young-Adult-Geschichten mit magischen Fantasy-Elementen gibt es inzwischen wie Sand am Meer. So liebevolle Verfilmungen wie „Ein Mädchen namens Willow“ sind da schon sehr viel seltener.

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