Der Mann, der immer kleiner wurde - Die unglaubliche Geschichte des Mr. C
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Der Mann, der immer kleiner wurde - Die unglaubliche Geschichte des Mr. C

Die überfällige Neuauflage eines Sci-Fi-Klassikers

Von Pavao Vlajcic

Anfang der 1950er Jahre hatte Science Fiction den Horrorfilm als erfolgreichsten Vertreter des phantastischen Genres an den Kinokassen abgelöst. Im Zeitalter des Kalten Krieges und der nuklearen Bedrohung waren Zuschauer*innen weniger an diffuser Bedrohung durch Schattenwesen interessiert als vielmehr am zerstörerischen Potenzial rationaler Wissenschaft. Einer der Schlüsselfilme der Ära bleibt Jack ArnoldsDie unglaubliche Geschichte des Mr. C“ (1957), in dem ein Familienvater einem seltsamen Nebel und Pestiziden ausgesetzt wird, daraufhin schrumpft und den Kampf gegen ehemals harmlose Hausgenossen wie Katzen und Spinnen aufnehmen muss.

Viele Szenen aus dem Film haben bis heute einen ikonischen Charakter, und es verwundert etwas, das Hollywood im Zuge seiner Remake-Wut den Stoff bislang links liegen gelassen hat. Vor dem Hintergrund aktueller nuklearer Planspiele weltweit könnte man dem Stoff durchaus neuerliche Relevanz bescheinigen. Nun waren die Franzosen schneller – und Jan Kounen („39,90“) hat die Geschichte mit Jean Dujardin („The Artist“) in der Hauptrolle neu verfilmt. Auch wenn das Original als Blaupause dient, hat man bei „Der Mann, der immer kleiner wurde“ laut Eigenaussage des Regisseurs besonderes Augenmerk auf die Werktreue zur Romanvorlage von Richard Matheson, „The Shrinking Man“*, gelegt.

Familienvater Paul (Jean Dujardin) wird immer kleiner – doch kein Arzt findet eine Ursache für sein ungewöhnliches Leiden. LEONINE
Familienvater Paul (Jean Dujardin) wird immer kleiner – doch kein Arzt findet eine Ursache für sein ungewöhnliches Leiden.

An der Ausgangssituation ändert sich dabei zunächst wenig. Paul (Jean Dujardin) ist Schiffsbauunternehmer und führt ein behagliches Bilderbuchleben mit Frau und Tocher an der französischen Küste. Bei seinen Schwimmrunden im Ozean beobachtet er gelegentlich seltsame Wetterphänomene, denkt sich aber nichts dabei. Eines Tages stellt er bei dem morgendlichen Ritual fest, dass ihm viele seiner Hemden nicht mehr passen – die Krägen sind zu weit, die Ärmel zu lang.

Er ignoriert das Phänomen zunächst, aber als unübersehbar wird, dass er immer mehr in sich zusammenfällt, absolviert er eine Odyssee durch diverse Gesundheitseinrichtungen. Die Ärzte können aber keine Ursache für sein Leiden finden, sämtliche körperlichen Untersuchungen ergeben keinen verdächtigen Befund. Und dennoch schrumpft Paul weiter. Bald ist er so winzig, dass er in das Puppenhaus seiner Tochter einzieht und die Hauskatze für ihn zur Lebensgefahr wird. Das vormals idyllische Familienleben entwickelt sich immer mehr zum Albtraum...

Vom häuslichen Drama zum Sci-Fi-Spektakel

Jan Kounen stürmte 1997 in die Filmszene mit dem wilden und blutigen europäischen Tarantino-Derivat „Dobermann“ mit Vincent Cassel und Monica Bellucci in den Hauptrollen. Später konnte er kaum noch an seinen ersten Achtungserfolg anknüpfen, seine Karriere als Regisseur führte ihn danach von Comicverfilmungen über Künstlerbiografien zu französischen Komödien. Eine klare Handschrift war eher bedingt zu erkennen. Im aktuellen Fall macht sich die Erfahrung in unterschiedlichen Genres aber mit einer angenehm altmodischen Ruhe und formaler Versiertheit bezahlt.

Kounen imaginiert den Film zunächst noch viel mehr als Arnold als häuslich-klaustrophobes Drama, das beinahe komplett von der Außenwelt abgeschnitten wirkt. Der ausgestellte Medienzirkus des Originalfilms fehlt komplett, Ärzte und Familie reagieren bestenfalls mit einem Schulterzucken auf Pauls Situation, der sozio-ökonomische Aspekt gerät irgendwann komplett in den Hintergrund. Erklärungen für Pauls Situation gibt es im Gegensatz zum Original auch keine – die eingangs erwähnten Wetterphänomene bleiben eine Fußnote.

Bald muss Paul sogar vor seiner eigenen Katze flüchten! LEONINE
Bald muss Paul sogar vor seiner eigenen Katze flüchten!

Der Film deutet einige Erklärungen an, formuliert aber keine von diesen zwingend aus. Die Tatsache, dass wir als Held einen Mann mittleren Alters haben, der vor Frau und Tochter in die Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpft, ließe sich auch als Kommentar zur Krise der Männlichkeit lesen. Doch festnageln kann man die Neuinterpretation darauf nicht. Er ist zuallererst von einer melancholisch-existentialistischen Stimmung durchzogen, die sogar die filmisch überzeugend inszenierten Action- und Spannungsmomente durchwirkt.

Formal bietet der Film einige Qualitäten. Die Widescreen-Kamera von Christophe Nuyens fängt die lichtdurchfluteten Räume und Außenaufnahmen im Anfangsdrittel des Films attraktiv ein und meistert den Wechsel zu dunkeln Räumlichkeiten im letzten Drittel meisterhaft. Dabei ist sie nah am Protagonisten, dennoch agil und punktet mit variantenreichen Blickwinkeln. Das äußert sich in rasant inszenierten, aber jederzeit übersichtlichen Actionszenen. Der zweifache Oscar-Preisträger Alexandre Desplat (u.a. „Grand Budapest Hotel“) steuert zudem einen einprägsamen, wenn auch bisweilen etwas zu laut tönenden Score bei, und auch die Ausstattung sowie die Effektarbeit können ebenfalls überzeugen.

Jean Dujardin ist das Highlight des Films

Das größte Spezialeffekt des Films ist allerdings sein Hauptdarsteller, Jean Dujardin. Er steckt tapfer die Schicksalsschläge ein, die auf ihn einprügeln, wird nie so wütend wie sein Gegenpart im Original und bietet so eine ideale Projektionsfläche für existentialistischen Weltschmerz. Man fühlt und leidet in jeder Sekunde des Film mit ihm. Manche wird die melancholische Note, die die Blockbuster-Ambitionen des Films immer wieder dämpft, sicher stören. Mich hat sie eher für den Film eingenommen.

Fazit: Jan Kounen und Jean Dujardin liefern im französischen Update des US-amerikanischen Science-Fiction-Klassikers rasante Unterhaltung, die vielleicht manchmal etwas zu unentschlossen zwischen parabelhaftem Mystizismus und Big Budget-Action hin- und herpendelt. Dafür punktet der Film mit formal sorgfältiger Inszenierung und einem bestens aufgelegten Hauptdarsteller.

Wir haben „Der Mann, der immer kleiner wurde“ auf dem Fantastique Film Festival in Straßburg gesehen.

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