Krasse Kindheit – flaches Drama
Von Lutz GranertWenn Nathaniel Williams in den ersten 20 Minuten eines langen YouTube-Interviews ebenso verstörend detailreich wie sichtlich bewegt über ein enorm traumatisierendes Erlebnis aus seiner Kindheit berichtet, bleibt auch einem hartgesottenen Publikum schnell die Spucke weg. Schon im Vorschulalter war der US-Amerikaner auf sich allein gestellt, wobei ihm seine Großeltern und ein christliches Waisenhaus keinen wirklichen Halt geben konnten. Diese Lücke vermochte erst Stan Deen auszufüllen, ein enorm engagierter High-School-Lehrer, der den Teenager nicht nur unterrichtete, sondern auch förderte und bei sich einziehen ließ. Der Pädagoge starb 2016, und der gläubige Nathaniel Williams nahm nicht nur dessen Nachnamen an, sondern gründete auch eine Stiftung, die sich der Bildung und Förderung künstlerischer Talente unter benachteiligten Kindern und Jugendlichen verschrieben hat.
Regisseur Damian Harris („Gardens Of The Night“) adaptierte diese wahre (Lebens-)Geschichte nach der autobiografischen Drehbuchvorlage von Nathaniel Deen selbst, der am Ende des Films in einer kleinen Rolle als Mitarbeiter eines Waisenhauses auftritt. „Brave The Dark“ wurde 2023 auf mehreren US-Filmfestivals aufgeführt, fand jedoch lange keinen Verleih, bis die auf christliche und glaubensbasierte Inhalte spezialisierten Angel Studios die Rechte an dem Drama erwarben, das nun mit zwei Jahren Verspätung doch noch international in den Kinos startet. Die Independent-Produktion punktet zwar mit zwei stark agierenden Hauptdarstellern, vermag jedoch durch viel dramaturgischen Leerlauf nur selten wirklich zu berühren.
Angel Studios
1986 in Lancaster County, Pennsylvania: Der 17-jährige Nathaniel „Nate“ Williams (Nicholas Hamilton) ist an der Garden Spot High School ein Ass im Sprint und hat mit Tina (Sasha Bhasin) auch eine attraktive Freundin gefunden. Nachdem er bei einem Einbruch ertappt wird und im Knast landet, kommt heraus, dass der Junge ohne festen Wohnsitz prekär in seinem Auto lebt. Der engagierte Englisch- und Theaterlehrer Stan Deen (Jared Harris) nimmt den leicht aufbrausenden Teenager trotz Gegenwind aus dem Kollegium unter seine Fittiche, lässt ihn auch bei sich zu Hause einziehen. Doch die WG birgt reichlich Konfliktpotenzial, weil Nate an einem nie überwundenen, starken Trauma knabbert...
Auch wenn die Figur in ihrem durchweg gutherzigen Wesen etwas flach bleibt: Mit feiner Ironie, aber großer Gestik verkörpert Jared Harris („Morbius“) durchaus glaubwürdig einen Pädagogen, der – wie die von Robin Williams verkörperte Figur des John Keating in „Der Club der toten Dichter“ (1989) – seinen Beruf lebt und an die Talente seiner Schüler glaubt. Eine Szene unterm Weihnachtsbaum gerät dabei besonders witzig, als sich der in hässlichstem Weihnachts-Hausanzug gekleidete Stan mit gespielter Überraschung von dem überforderten Nate mit einem eigenen Präsent beschenken lässt.
Solche herzigen Momente sind jedoch selten, auch und gerade weil Nicholas Hamilton („Captain Fantastic“) seinen Teenager-Delinquenten realistisch, aber auch als verschlossenes, wahlweise grimmig oder unbedarft dreinblickendes Nervenbündel mit kurzer Zündschnur anlegt – gerade, wenn er nach einem Schultheaterstück vergeblich versucht, seine entfremdete Freundin Tina zurückzuerobern. Was jedoch enttäuscht, gerade weil sich Harris und Hamilton redlich bemühen: Das Innenleben beider Figuren bleibt unter zaghaften Andeutungen rätselhaft, Nates innere Dämonen psychologisch weitgehend unergründet.
Die Story selbst dümpelt zwischen kleinen Fortschritten von Nate auf den Weg zu einem geregelten Leben und ihn zurückwerfenden Konflikten, wenn er etwa einen wichtigen Termin absichtlich versäumt, weil er mit seinem falschen Kumpel Johnny (Will Price) wild Party macht, lange ziemlich dröge, wenig ergiebig und auch zäh vor sich hin. Erst zum Ende fügen sich die zuvor eher rätselhaft für sich stehenden Flashbacks zur Geschichte eines Traumas, das dann auch mit jedem Detail seiner gruseligen Geschichte rekonstruiert wird und tief bewegt.
Angel Studios
Damian Harris schert bis dahin nur selten aus seiner auch optisch biederen Inszenierung aus. Vor allem eine Szene, in der er das (musikalische) 80er-Jahre-Zeitkolorit einmal nutzt, bleibt dabei im Gedächtnis haften: Da tanzt der entfesselte Nate zum träumerischen „Space Age Love Song“ von A Flock of Seagulls in einem flüchtigen magischen Moment gedankenverloren im Scheinwerferlicht einer Bühne – bis ihn die nahende Theatertruppe in die Realität zurückholt. Dabei zeigt sich: Etwas mehr Gespür für Atmosphäre und starke Bilder hätten dem zuweilen etwas kraftlos wirkenden Drama gut getan.
Fazit: Die tatsächliche Kindheit von Nathaniel Williams alias Nathaniel Deen verlief äußerst krass. „Brave The Dark“ macht daraus ein solide gespieltes, aber weitgehend bieder inszeniertes und wässriges Drama, dem es an emotionaler und psychologischer Tiefe fehlt.