Ein Hoch auf die Very Best Ager
Von Christoph PetersenIch bin 42 Jahre alt, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter, ganz im Gegenteil. Der romantische Held aus „Ein fast perfekter Antrag“ ist ein ehemaliger Diplomingenieur, der trotz Verrentung anfängt, Kunstgeschichte zu studieren, um das Herz seiner inzwischen als Professorin erfolgreichen Jugendliebe Alice zu erobern. Als „Very Best Ager“, so der ursprüngliche Titel des Films, fände ich das womöglich wahnsinnig charmant. Im Alter von Walters Erstsemester-Mitstudierenden hingegen würde wohl selbst das Fazit „totaler cringe“ noch untertrieben erscheinen. Natürlich reduziere ich damit gerade beide Generationen auf die üblichen Klischees – aber keine Sorge, das machen Marc Rothemund (Regie) und Richard Kropf (Skript) auch nicht anders.
Das eigentliche Problem ist auch vielmehr, dass sich das Duo nach seinem gemeinsamen Kinohit „Wochenendrebellen“ (4 Sterne von FILMSTARTS) diesmal stellenweise ganz schön faul anstellt – und im Gegensatz zu ihrem Protagonisten nicht den geringsten Willen zeigt, die junge Generation wirklich verstehen zu wollen. Heraus kommt so ein Film für Best Ager von Best Agern – mit jungen Leuten, wie sie sich Best Ager offenbar vorstellen. Das ist mitunter richtiggehend ärgerlich. Da müssen die komödienerprobten Stars Heiner Lauterbach („Enkel für Fortgeschrittene“) und Iris Berben („Der Spitzname“) schon ihren ganzen Charme auffahren, um uns dennoch für ihre herbstromantischen Eskapaden zu interessieren.
LEONINE
„Ein fast perfekter Antrag“ ist ein ziemlicher Euphemismus. „Ein absolut katastrophaler Antrag“ wäre schließlich eine sehr viel passendere Bezeichnung dafür, wie der pedantische Kleinbürger Walter (Heiner Lauterbach) vor mehr als 40 Jahren versucht hat, seine Freundin Alice (Iris Berben) davon zu überzeugen, ihn zu ehelichen. Statt in den Flitterwochen endete der Heiratsantrag damals für SIE mit allerlei schmerzhaften Beulen – und für IHN mit einer knallharten Abfuhr. Aber nun treffen sich die beiden zufällig in einem Sushi-Restaurant in der Regensburger Altstadt wieder: ER freut sich, während SIE eher Panik schiebt, womöglich einen Stalker an der Backe zu haben.
Und tatsächlich: Walter lässt sich auch mit klaren „Neins“ nicht abschütteln – und schreibt sich stattdessen sogar als Gaststudent für Kunstgeschichte ein, um an Alices Vorlesungen teilnehmen zu können. Zugleich bleibt er ein durch und durch kleinbürgerlicher Ex-Ingenieur, der zwar die Maße der Bilder benennen kann, aber krachend an der Aufgabe scheitert, zu beschreiben, was das Ansehen eines Gemäldes in ihm auslöst. Vielleicht könnten ihm ja seine deutlich jüngeren Mitstudierenden dabei helfen, seinen Blick für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu weiten – und er sie im Gegenzug mit ein wenig Altersweisheit beglücken?
Natürlich sind die anfänglichen Stalker-Sorgen im Film nur ein Gag. Aber ganz ehrlich: Wenn ER sich nach mehrfachen klaren Absagen an IHREM Arbeitsplatz einnistet, damit SIE IHN nicht mehr ohne Weiteres ignorieren kann, hat sich Walter damit beim Gros des Publikums unter 45 wohl endgültig als romantischer Held disqualifiziert. Und tatsächlich: Heiner Lauterbach und Iris Berben müssen sich im weiteren Verlauf schon wahnsinnig ins Zeug legen, um uns doch noch auf ihre Seite zu ziehen, statt Alice einfach nur den Rat zurufen zu wollen, doch bitte möglichst schnell das Weite zu suchen.
Das Skript tut den beiden Stars dabei allerdings kaum einen Gefallen: Statt Walters Entwicklung nachvollziehbar zu begründen, muss es ausreichen, dass er nach dem Ansehen von Édouard Manets „Olympia“ eben plötzlich ein ganz neuer Mensch ist. Aber weil das als romantischer Gestus nicht ausreicht, wird zudem noch umständlich (und für Kenner*innen des akademischen Betriebs unglaubwürdig) eine Situation kreiert, in welcher sich der Protagonist für die offensichtlich mit beiden Beinen fest im Leben stehende Alice als Karriere-Retter bewähren kann.
LEONINE
Zumindest auf dem Papier ist „Ein fast perfekter Antrag“ einer dieser Filme in der Tradition von „Der Club der toten Dichter“, in dem die Generationen voneinander lernen. Aber schon beim ersten Betreten der Uni wird Walter sofort von einer jungen Frau zurechtgewiesen, weil er es gewagt hat, ihr die Tür aufzuhalten – und auch danach sind die Uni-Szenen ein einziges Bullshit-Bingo-Dauerfeuer, wenn nahezu im Sekundentakt mit Begriffen wie „People Of Color“, „Fatshaming“ oder „non-binär“ um sich geschmissen wird. Natürlich ist die Thematik gerade im deutschen Komödienkino schwer angesagt. Aber auch, wenn man sich darüber streiten mag, wie entlarvend etwa „Alter weißer Mann“ wirklich ist, hat Simon Verhoeven zumindest versucht, die schon wieder weitgehend ausgelutschten Debatten in Pointen zu übersetzen.
„Ein fast perfekter Antrag“ begnügt sich hingegen in den meisten Fällen damit, dass diese Buzzwords einfach nur fallen. Warum das witzig ist, muss man sich dann schon selbst dazu denken. Aber es gibt eine positive Ausnahme, über die sich zumindest all jene, die das ikonische Granteln schon einmal am eigenen Leib erlebt haben, freuen werden: Auf der semesterabschließenden Studienfahrt fragt sich Walter, ob man sich denn nun der berühmten schlechten Laune der Wiener*innen anpassen sollte – oder ob das nicht womöglich schon kulturelle Aneignung wäre.
Fazit: Leider muss man sich zunächst durch eine dicke Schicht Cringe wühlen, um bis zum zweifelsfrei vorhandenen Charme durchzustoßen.