The Basics Of Philosophy
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Basics Of Philosophy

Die letzte Einstellung verändert alles

Von Christoph Petersen

„Gibt es denn gar nichts, was wir da machen können?“, flirtet die kurz vor dem Durchfallen stehende Studentin ihren Dozenten an, als wäre es eine Szene aus einem schlechten Pornofilm. Aber mit der Nummer beißt sie sich an ihrem Grundlagen-der-Philosophie-Professor John Jorrisen (Jack Huston) die Zähne aus. Also wagt sie stattdessen noch einen letzten Verzweiflungsversuch: „Ich weiß, was Sie sind. Ich weiß, was Sie getan haben.“ In Wahrheit weiß sie zwar gar nichts, aber irgendwelche Geheimnisse hat ja jeder – und tatsächlich dreht sich ihr Professor kurz um, damit seine Studentin die Fragen für den anstehenden Test vom Schreibtisch stibitzen kann.

John fühlt sich also ertappt und stürzt in eine Krise. Dabei hatte er doch fast selbst schon dran geglaubt, mit der alleinerziehenden Psychologie-Professorin Rebecca (Sofia Boutella) eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Aber nun kommt alles zurück, der Klavierunterricht-Zwischenfall mit Miguel Vasque, dem damals 14-jährigen Sohn des sich ohne Papiere in den USA aufhaltenden Gärtners, und wie Johns Vater Melvyn (Bill Pullman) dafür gesorgt hat, dass die ganze Sache im Gegenzug für eine vollumfängliche Finanzierung von Miguels Ausbildung nicht zur Anzeige kommt. Jetzt müsste er sich also endlich seiner Sexualität stellen – oder findet er womöglich in seinen Philosophieschmökern einen anderen Ausweg?

John (Jack Huston) hat zwar eine Affäre mit seiner Uni-Kollegin Rebecca (Sofia Boutella), aber immer, wenn es intim werden soll, findet er eine Ausrede. Noora Films
John (Jack Huston) hat zwar eine Affäre mit seiner Uni-Kollegin Rebecca (Sofia Boutella), aber immer, wenn es intim werden soll, findet er eine Ausrede.

Seit seinem überraschenden, oscarnominierten Arthouse-Hit „First Reformed“ hat „Taxi Driver“-Autor und Facebook-Polterer Paul Schrader vor allem Filme über gebrochene Männer gedreht, die damit ringen, eine (vermeintlich) unentschuldbare Vergangenheit zu überwinden. Manchmal ist das tragisch geendet wie in „The Card Counter“ oder „Oh, Canada“ – und dem Ex-Nazi Narvel Roth (Joel Edgerton) hat er in „Master Gardener“ sogar ein waschechtes Happy End gegönnt.

In „The Basics Of Philosophy“ wirkt es nun lange so, als sei der inzwischen 80-jährige Paul Schrader, der bereits 2022 fast an Covid-Komplikationen verstorben wäre, endgültig nicht nur altersmilde, sondern auch spürbar saftlos unterwegs. Der zentrale Konflikt entwickelt lange keinen rechten Punch, sondern plätschert eher vor sich hin. Unterdessen sind die Schwarz-Weiß-Rückblenden zur früheren Tat – wohl auch, um Jack Huston ohne Computereffekte jünger aussehen zu lassen – dermaßen überbelichtet, dass sie nichts Anklagendes, sondern eher etwas Verwaschen-Verklärendes an sich haben.

Den Biss erkennt man erst in der Rückschau

Begonnene Thriller-Ansätze wie im Darknet bestellte Euthanasie-Pillen oder ein Sextortion-Versuch verlaufen ohne Knall schnell wieder im Sande. Stattdessen macht John vieles mit sich selbst am heimischen Schreibtisch aus: Offenbar hat er sich wohl vor allem für den niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza entschieden, weil ihn dessen Überlegungen zur Frage, ob es einem Menschen überhaupt möglich ist, sich zu verändern, so wahnsinnig bewegen.

Einmal trifft er den imaginären Spinoza (Karl Glusman) sogar auf einer Parkbank. Nur wirkt „The Basics Of Philosophy“ tatsächlich lange Zeit ziemlich „basic“, ein kammerspielartiges Charakterdrama mit ganz vorsichtigen Thriller-Elementen, das bei seiner Behandlung des Closeted-Gay-Man-Tropes aber mal locker einige Jahre bis Jahrzehnte hinterherhinkt (und dabei mitunter gefährlich nah an den Kurzschluss kommt, Homosexualität mit Pädophilie gleichzusetzen, weshalb es nach der Pressevorstellung in Venedig auch gleich jede Menge 0,5-Sterne-Kritik gehagelt hat).

John schreibt ein Buch über den Philosophen Baruch de Spinoza – und vor allem über die Frage, ob Veränderung möglich ist. Noora Films
John schreibt ein Buch über den Philosophen Baruch de Spinoza – und vor allem über die Frage, ob Veränderung möglich ist.

Zudem agiert Paul Schrader bei seinen philosophischen Überlegungen zu den Themen Veränderung und Vergebung, womöglich auch in Anbetracht des nahenden eigenen Todes, plötzlich erstaunlich nachgiebig und großzügig. Aber dann wirft die allerletzte Einstellung noch einmal alles über den Haufen: Aus dem vermeintlich versöhnlichen Umgang mit seinen Figuren wird allein durch einen kleinen Kameraschwenk eine bitterböse, politisch garantiert nicht korrekte Abrechnung mit so ziemlich allen Beteiligten, die den gesamten Film rückwirkend noch einmal in einem völlig veränderten Licht erscheinen lässt.

Die simple Entscheidung, wen die Kamera in diesem einen kurzen Moment ins Visier nimmt, macht aus einem waschechten Hollywood-Happy-End nach Schema F einen gnadenlosen Schlag in die Magengrube. Paul Schrader hat „The Basics Of Philosophy“ eigens für Jake Gyllenhaal geschrieben, weil dieser einmal gesagt hat, dass er unbedingt mit dem Regisseur zusammenarbeiten will. Aber vermutlich war es gerade diese bitterböse Schlusspointe, die den „Brokeback Mountain“-Star dankend absagen ließ.

Fazit: Der übliche Paul-Schrader-Punch lässt diesmal länger als gewöhnlich auf sich warten – knallt dann aber richtig rein!

Wir haben „The Basics Of Philosophy“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er außer Konkurrenz seine Weltpremiere gefeiert hat.

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