"Dogville" trifft "Amrum"
Von Christoph PetersenIn seinem Meisterwerk „Dogville“ (2003) genügen Lars von Trier neben einigen Bühnenrequisiten lediglich Kreidestriche auf dem Boden, um das titelgebende Dorf in den Rocky Mountains samt Häusern und Straßen auf der Leinwand entstehen zu lassen. 23 Jahre später verfolgt Kai Stänicke in seinem Debüt als Autor und Regisseur einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so radikalen Ansatz: „Der Heimatlose“ wurde zwar nicht auf einer Theaterbühne, sondern auf der Insel Norderney gedreht – aber auch hier steht die Abstraktion im Vordergrund. Von den Hütten der Dorfgemeinschaft wurden nur die Vorderseiten errichtet, während die übrigen Wände und die Dächer fehlen. Ganz so wie bei jenen Potemkin’schen Dörfern, die einst der Fürst Potjomkin – wohl nur der Legende nach – errichten ließ, um die russische Zarin Katharina die Große über den Zustand der Region Neurussland zu täuschen.
In der ersten Szene des Films kehrt Hein (Paul Boche) auf die Insel zurück, die er vor 14 Jahren als junger Mann verlassen hat, um sich auf dem Festland zum Lehrer ausbilden zu lassen. Aber die Bewohner*innen des Dorfes erkennen ihn nicht – oder sie wollen ihn zumindest nicht erkennen. Seine Mutter Mechthild (Irene Kleinschmidt) ist dement und seine Schwester Heide (Stephanie Amarell) war bei seinem Abschied noch so jung, dass es nicht weiter verwundern würde, wenn sie sich nicht an ihren großen Bruder erinnern kann. Aber was ist mit seiner damaligen Geliebten Greta (Emilia Schüle) und seinem besten Freund Friedemann (Philip Froissant)? Zumindest die müssten ihn doch identifizieren können? Unter der Leitung der Dorfvorsteherin Gertrud (Julika Jenkins) wird ein dreitägiger, nach strengen Regeln ablaufender Prozess anberaumt, an dessen Ende darüber entschieden werden soll, ob der Ankömmling tatsächlich Hein ist oder ob er die Insel wieder verlassen muss …
DCM
Man kann herrlich darüber spekulieren, was das reduzierte Setdesign wohl bedeuten soll – und viele der Interpretationsmöglichkeiten erinnern stark an das, was uns damals schon bei „Dogville“ in den Kopf gekommen ist. Denn wie Lars von Trier steht auch Kai Stänicke klar in der Tradition von Bertolt Brecht – und der war ja nicht nur für seine klarsichtigen moralischen Versuchsanordnungen bekannt, sondern auch für eine betonte Künstlichkeit, die verhindern soll, sich allein emotional in einer Geschichte zu verlieren. Stattdessen wird man durch den ausgestellten Verfremdungseffekt regelrecht dazu gezwungen, das Geschehen stets auch rational zu hinterfragen. Zugleich wird die immanente Heuchelei des Dorflebens angeklagt: Zwar bekommt jeder von jedem alles mit, vor allem auch das Leid und die Ungerechtigkeiten – weil aber eine der vier Wände geschlossen ist, kann man zumindest so tun, als ginge das alles einen nichts an.
Die eingeschworene Dorfgemeinschaft ist nur so stabil wie die Fake-Fassaden der Hütten – statt tatsächlich füreinander einzustehen, hat man sich vielmehr darauf geeinigt, gemeinsam den Schein zu wahren. So verläuft auch der Prozess: Jeden Tag geht es um die Erinnerung an ein einschneidendes Ereignis aus der damaligen Zeit – und darum, ob die Erinnerungen der Bewohner*innen mit jenen von Hein übereinstimmen. Aber während sich der Rückkehrer vor allem an die dunklen Seiten seiner Kindheit und Jugend erinnert, ist bei den Erzählungen der übrigen Zeug*innen alles eitel Sonnenschein. Fast scheint es so, als ginge es bei dem Prozess gar nicht um eine Identitätsfeststellung – sondern vielmehr darum, zu testen, ob der Angeklagte bereit ist, das Schein-statt-Sein-Spiel des Dorfes mitzutragen.
Wäre es nicht zugleich auch so erschreckend, könnte man es fast rührend finden, wie sich die Dorfbewohner*innen bemühen, ihrem Prozess einen Anschein von Legitimität zu verleihen. Es wird sogar extra ein Wartebereich für den Angeklagten und die Zeugen gebaut – und wenn es so weit ist, werden sie mit roten Fahnen herbeigewunken, obwohl man die paar Meter auch einfach hätte hinüberrufen können. Gerade Paul Boche („Wunderschöner“) zieht einen dabei mit einer wahnsinnig konzentrierten und intensiven Performance von Anfang an in seinen Bann – und auch der übrige Cast ist durch die Bank hervorragend.
Aber das ist auch ein Stück weit nötig, denn trotz der starken Bilder von Kameramann Florian Mag („Es gilt das gesprochene Wort“) hat man den Verlauf des Prozesses, den wahren Grund für Heins damaligen Abschied sowie das wahrscheinliche Ende von „Der Heimatlose“ weitestgehend durchschaut. Da gab es sowohl bei Lars von Trier als auch bei Bertolt Brecht dann doch noch den einen oder anderen Widerhaken mehr.
Fazit: Mit seiner deutschen Antwort auf „Dogville“ gelingt Kai Stänicke ein vielversprechendes Debüt mit einer starken Vision und einem herausragenden Cast, selbst wenn das Brecht’sche Moralstück im Zentrum ab einem gewissen Zeitpunkt doch einigermaßen durchschaubar und deswegen weitestgehend überraschungsfrei geraten ist.
Wir haben „Der Heimatlose“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm der Sektion „Perspectives“ seine Weltpremiere gefeiert hat.