Wenn ein Film den Zeitgeist des Landes wieder spiegelt...
„Der Schuh des Manitu“ von 2001 hatte die deutsche Kinolandschaft geprägt und tut es offenbar immer noch. Für mich als elfjährigen Jungen war der Film ein Feuerwerk an Witzen und hatte gleichzeitig etwas Charmantes und Warmherziges, trotz aller Blödelei. Dass der Film aus heutiger Sicht vielleicht nicht mehr so gut gealtert ist, sei mal dahin gestellt, aber der Erfolg und der Einfluss ist unbestreitbar. Bully und seine beiden Paraden-Buddys, Christina Tramitz und Rick Kavanian, hatten etwas Großes geschaffen und das mit einer Parodie auf altbackene „Winnetou“-Filme von Karl May.
Seitdem ist ein Vierteljahrhundert vergangen und wir als Gesellschaft haben uns weiterentwickelt, oder? Offenbar nicht. Wenn es um Bully geht, dann ist „Der Schuh des Manitu“ nach wie vor sein Magnum Opus und eine Fortsetzung gab es sogar mehrere Male. Da wäre das Segment in „(T)Raumschiff Surprise“ (2004), wobei die beiden Protagonisten nicht vorkamen. 2016 erschien dann der unsägliche Film der „Bullyparade“ und hier gab es Abahachi und Ranger wieder zu sehen. Und es war… vollkommen überflüssig. Und eigentlich dachte ich, dass sich die Sache damit erledigt hätte und wir als Kinopublikum weiter wären, aber nope. 2025 war es soweit, 24 Jahre nach dem ersten Teil, kam die Fortsetzung ins Kino: „Das Kanu des Manitu“. Genau so einfallslos wie der Titel, war auch das Timing dieses Films. Wen interessiert denn bitte noch eine Fortsetzung zu „Der Schuh des Manitu“ nach fast 25 Jahren? Nun ja, offenbar über 5 Millionen deutsche Zuschauer*innen, womit die Fortsetzung zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres wurde… Wow. Das allein sagt schon viel über die Mentalität der deutschen Kinogänger*innen aus. Und selbst Bully, den ich damals wirklich schätzte, bewies, wie konservativ und festgefahren er als Filmemacher ist. In einem Interview sagte er, dass man Leuten heutzutage viel schneller auf den Fuß tritt, wenn es um Comedy geht, denn man darf ja nicht mehr alles sagen und sich über alles lustig machen. Und damit bedient Bully leider das Klischee des alten, weißen Mannes, der wie ein Gottschalk oder Raab keine Lust hat sich weiter zu entwickeln und stattdessen genau das Gleiche wie immer macht. Dass das Publikum darauf anspringt, zeigt, was für ein rückschrittlicher Zeitgeist in Deutschland herrscht. Doch bevor ich mich in Rage schreibe, schauen wir uns den Film genauer an, denn kurioserweise ist „Das Kanu des Manitu“ keine absolute Vollkatastrophe geworden, wie ich im Vorhinein gedacht hatte…
Abahachi und Ranger sollen für einige Überfälle verantwortlich sein, doch die beiden Trantüten kriegen sich stattdessen immer noch in die Haare und sind dabei nicht unbedingt immer ehrlich. So hat Ranger beispielsweise eine Tochter, während Abahachi eine düstere Vergangenheit verschweigt. Währenddessen sucht eine gemeine Bande das sagenumwobene Kanu des Manitu…
Die Handlung ist nicht mehr als Mittel zum Zweck und das spürt man auch in jeder Sekunde. Das Kanu des Manitu ist im Grunde das lächerlichste MacGuffin, den ich seit Langem in einem Film gesehen habe…
Doch kommen wir erst mal zu den tatsächlich guten Dingen, denn so fair will ich sein. Ein paar Witze waren tatsächlich witzig und einige der neuen Nebendarsteller*innen brachten durcheis einen frischen Wind in das Ganze. Sehr unterhaltsam sind auch die Outtakes im Abspann. Und als Fan der Musik des ersten Films, hab ich mich sehr über die Rückkehr von Ralf Wengenmayr und seinem tollen Abahachi-Thema gefreut. Da hat die Nostalgie-Falle auch bei mir zugeschnappt…
Tja, das war es dann aber auch schon. „Kanu“ ist kein sonderlich katastrophaler Film, dafür ist er zu… gewöhnlich. Aber genau da liegt irgendwie auch das Problem. Man merkt dem Ganzen an, dass Bully kein einziges Risiko eingegangen ist. Mehr vom Alten, das war die Devise. Und tatsächlich bestehen 80% des Films aus mehr oder weniger peinlichen Verweisen auf den ersten Teil. Egal, ob das Sinn ergibt oder nicht. Die tolle „Superperforator“-Melodie aus dem ersten Film wird einfach ohne Kontext oder Sinn gespielt. Es ist einfach dazu da, damit der gelangweilte Zuschauer sagen kann: „Ach schau, das kenn´ ich doch!“ Viel mehr wird dem Publikum nicht zugetraut und viel mehr wollte der Film offenbar auch nicht sein. Das ist ok, aber dennoch schwingt die ganze Zeit eine beleidigende Trivialität mit, denn selbst wenn der Cast seine Späßchen beim Dreh hatte, so überträgt dieser sich kaum. Besonders Christian Tramitz, den ich eigentlich sehr mag, wirkt teilnahmslos, so als ob er schnell nach Hause gehen möchte. Und die Jüngeren bringen zwar eine hübsche Energie mit, können das sinkende Kanu aber nicht vor dem Untergang retten. Auch Story und das Drehbuch sind einfalls- und lustlos zusammengebastelt. Der ganze Film wirkt wie ein Auftrag, den man schnell erledigen wollte, um sein Geld zu bekommen. Hier steckte keine Leidenschaft dahinter, keine Liebe zum Projekt, hier ging es nur um die Hoffnung auf eine Zuschauerschaft, die man mit leeren Nostalgie-Versprechen ins Kino locken konnte… Und es hat ja geklappt.
Richtig peinlich werden dann die krampfhaften Versuche das Ganze politisch zu kommentieren. Da wird sich nicht selten indirekt über die „Sprachpolizei“ der heutigen Zeit aufgeregt („Indianer sagt man nicht“), Witze über Hafermilch dürfen auch nicht fehlen und eine kleine Portion Rassismus gibt es gratis mit dazu. Dabei will Bully mit seinem Film allen gefallen und versucht sich auf unangenehme und mutlose Weise beiden Seiten anzubiedern…
Fazit: Ich bin mir sicher, dass die meisten Zuschauer*innen sagen werden, dass der Film nicht so gut wie Teil 1, aber dennoch ganz nett war. Und das reicht heutzutage in der Filmwelt allemal aus. Solche lieblosen Fortsetzungen zu alten Filmen wirken nicht mehr wie ernstgemeinte Kinoerlebnisse, sondern wie geldgierige und manipulative Scam-Produkte. Wie eine schlechte KI-Werbung, die einen ködern will, nur dass hier bei „Das Kanu des Manitu“ deutlich mehr Geld drin steckt. Dass man ab und zu auch einen leichten, albernen Blödelfilm schauen will, versteh ich sehr gut und jeder, der Spaß an „Kanu“ hat, dem gönne ich es auch. Nur wenn nahezu alle Filme so aufgebaut sind, dann sieht das Ganze schon deutlich düsterer aus für unsere Kulturlandschaft. Schaut man sich die Liste der zehn erfolgreichsten Filme in Deutschland von 2025 an, dann gibt es dort keinen einzigen Film, der weder ein Sequel/Prequel ist noch auf irgendeinem anderen Franchise basiert.
Aber nun ja, was soll´s? Die deutsche Filmlandschaft ist eh seit Langem ein armseliger Witz und dieses Produkt beweist das mehr als deutlich. Wofür braucht man noch Originalität, wenn man einfach an bessere Filmerlebnisse erinnert werden kann?