So traurig können Komödien sein
Von Pascal ReisNeun Jahre sind vergangen, seit mit dem bildgewaltigen Liebesdrama „The Light Between The Oceans“ der bislang letzte Film von Derek Cianfrance auf der großen Leinwand zu sehen war. Untätig war der Regisseur in dieser Zeit jedoch keineswegs: Mit der gefeierten Mini-Serie „I Know This Much Is True“ stellte er auch im Fernsehen sein Talent für komplexe Charakterstudien unter Beweis, zudem arbeitete er am oscarnominierten Drehbuch zu „Sound Of Metal“ mit.
Nun aber meldet sich Cianfrance mit dem tollen „Der Hochstapler – Roofman“ im Kino zurück. Der Trailer ließ noch vermuten, dass der für seinen Schwermut bekannte Filmemacher nun offenbar deutlich leichtfüßigere Töne anschlägt – doch weit gefehlt. Zwar steckt in der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte zweifellos auch eine Komödie, die mindestens melancholische, gerne aber auch ziemlich bedrückende Handschrift des Machers von „Blue Valentine“ und „The Place Beyond The Pines“ bleibt aber unverkennbar.
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Nach dem Ende seines Militärdienstes muss Jeffrey Manchester (Channing Tatum) ernüchtert feststellen, dass das Geld kaum ausreicht, um seiner kleinen Tochter ein Fahrrad zu schenken. Verzweifelt fasst er einen folgenschweren Entschluss: Er beginnt, McDonald's-Filialen auszurauben. Dafür bohrt er Löcher in die Dächer der Fast-Food-Restaurants, steigt hinein und leert die Kassen – während das anwesende Personal in den Kühlraum gesperrt wird. Über mehr als 40 Einbrüche hinweg macht sich Jeffrey so einen berüchtigten Namen und geht als „Roofman“ durch die Medien.
Doch schließlich wird er geschnappt und wegen bewaffneten Raubüberfalls und Freiheitsberaubung zu 45 Jahren Haft verurteilt. Jeffrey aber ist nicht nur gerissen, sondern auch geduldig: Er tüftelt einen ausgeklügelten Fluchtplan aus – und setzt ihn eines Tages tatsächlich um. In Freiheit taucht er an einem ungewöhnlichen Ort unter: einer Filiale von Toys “R” Us. Dort begegnet er Leigh (Kirsten Dunst), einer alleinerziehenden Mutter, die ihn in ein neues Leben hineinzieht. Für einen Moment scheint eine Zukunft für beide greifbar...
Keine Frage, die wahre Geschichte von Jeffrey Manchester hätte vielen Regisseur*innen den idealen Nährboden geboten, um eine launige Thriller-Komödie mit romantischen Anwandlungen in Szene zu setzen. Tatsächlich sind auch all diese Elemente in „Der Hochstapler – Roofman“ vorhanden, denn Derek Cianfrances neues Werk ist immer wieder so lustig wie temporeich, und natürlich geht es – wie für den Filmemacher obligatorisch – auch um Liebe.
All diese deutlichen Zuschreibungen dienen hier jedoch nur als atmosphärischer Genre-Überbau. Denn Cianfrance, der das Drehbuch gemeinsam mit Kirt Gunn verfasste, interessiert sich weit mehr dafür, was unter der Oberfläche dieser abenteuerlichen Geschichte lauert – und welche Verletzungen Jeffrey Manchester sich und seinem Umfeld durch eine Aneinanderreihung falscher Entscheidungen zufügte.
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Wurden in der ersten halben Stunde also die Weichen gestellt – inklusive klassisch inszeniertem Gefängnisausbruch –, geht es im Anschluss an das Innenleben des Räubers. Denn hinter der Fassade des charismatischen, mit einem regelrechten Röntgenblick für Details ausgestatteten Jeffrey steckt eine gebrochene, perspektivlose Seele, die sich letzten Endes eigentlich nur wünscht, irgendwo dazuzugehören. Genau dieser Umstand macht ihn auch zu einem schlechten Kriminellen: Er ist genial, wenn es um das Berechnen geht, aber einfach nicht kaltherzig genug.
Derek Cianfrance arbeitet die Schmerzen, für die Jeffrey letztendlich eigenverantwortlich ist, in präzise beobachteten Momentaufnahmen heraus: Wenn dieser nach dem Gefängnisausbruch in seine Straße zurückkehrt und versteckt hinter einem Busch zusieht, wie seine Tochter mit dem Fahrrad die Einfahrt hoch und runter fährt, dann tut das verdammt weh. Vor allem, weil das vor seinem Haus parkende Polizeiauto deutlich macht, dass Jeffrey kein Teil dieser Welt mehr sein kann.
Hat sich Jeffrey dann kurz darauf in der Hohlwand eines Toys “R” Us samt Unmengen von M&M's und Spider-Man-Bettwäsche eingerichtet, dürften Kinder der 1980er- und 1990er-Jahre an die wohl verführerischste Vorstellung ihrer damaligen Zeit zurückerinnert werden: einmal ganz allein in einem gigantischen Spielzeuggeschäft zu sein und die Möglichkeiten dieser schier unendlichen Vergnügungsweiten ungestört auszuschöpfen.
Und auch wenn es anfangs durchaus unterhaltsam ist, dabei zuzusehen, wie sich Jeffrey seine neue Realität zwischen Playstation-2-Spielen, XXL-Kuscheltieren, Actionfiguren und ferngesteuerten Autos einrichtet, wie er die Überwachungskamera sabotiert und die Dienstpläne manipuliert, schwingt hier doch die Tragik eines Mannes mit, der seine Familie im Stich lässt, obwohl er eigentlich nur für seine Tochter da sein wollte.
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Mit der von Kirsten Dunst gespielten Leigh entwickelt sich „Der Hochstapler – Roofman“ dann auch zu einem Liebesfilm, der auf eine sehr direkte Sprache setzt. Da die Toys-“R”-Us-Mitarbeiterin nun mal alleinerziehend ist, muss sie sich morgens um 8 Uhr mit Jeffrey im Park treffen. Und weil das Date einfach sehr gut läuft, kann zwischen spielenden Kindern und einem Ententeich dann auch direkt die Frage gestellt werden, ob man nicht einfach sofort miteinander ins Bett springen möchte.
Die natürliche Chemie, die zwischen Channing Tatum und Kirsten Dunst entsteht, gibt der Romanze eine erwachsene Aufrichtigkeit, die wirklich zu Herzen geht – und umso deutlicher schmerzt, wenn Jeffrey von der Realität eingeholt wird. Ohnehin schwingt bei all den Momenten von ehrlicher Traut- und Schönheit immer eine bedrückende Tragik mit, die sich in den Augen von Channing Tatum spiegelt: All die Freude, die Jeffrey verspürt, ist nie von Dauer, denn schon mit dem nächsten Wimpernschlag wird ihm bewusst, dass dieses Leben keine Zukunft hat.
Tatum liefert in der Hauptrolle eine der besten Leistungen seiner Karriere. Nicht nur beherrscht er es spielend, den zuvorkommenden Langfinger zu geben, der ein absolutes Verbrechergenie wäre, wenn er denn nur diese ganze Mitmenschlichkeit abschütteln könnte. Mehr noch glänzt er aber als gescheiterter Vater, dessen Lügengebäude langsam einstürzt, der vor Wut auf ein Regal voller Elmos einprügelt oder still ins Telefon weint, wenn er mit anhören muss, wie ein anderer Mann seine Tochter zum Lachen bringt.
Hinzu kommt: „Der Hochstapler – Roofman“ muss unbedingt auf der großen Leinwand gesehen werden. Das gilt natürlich erst mal grundsätzlich für alle Filme, aber Derek Cianfrance jüngster Streich sieht wirklich nach Kino aus! Die 35-Millimeter-Aufnahmen entfesseln eine raue, immersive, wunderbare klare und detailreiche Ästhetik, die gleichzeitig auch die 2000er-Jahre reflektiert, in denen die Geschichte angesiedelt ist.
Fazit: Wer von dem fantastisch fotografierten sowie toll gespielten „Der Hochstapler – Roofman“ eine launige Thriller-Komödie erwartet, wird enttäuscht, auch wenn immer wieder geschmunzelt werden darf. Derek Cianfrance erzählt die wahre Geschichte von Jeffrey Manchester vielmehr als tief berührendes Charakterstück um falsche Entscheidungen und den Wunsch nach Zugehörigkeit.