Zwischen Pathos und Parodie
Von Pavao VlajcicDer Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, so der Titel eines der bekanntesten Werke des spanischen Ausnahmemalers Francisco de Goya. Schaut man sich die politische Großwetterlage und das zunehmende Auseinanderbrechen der regelbasierten Nachkriegsordnung an, dürfte man kaum überrascht sein, dass im Horrorkino aktuell irrationale Monster, Vampire und Mischwesen den spätkapitalistisch optimierten Killermaschinen des Slasher-Films den Rang ablaufen. Selbst „Weapons“, wohl DER Horror-Hype des Jahres 2025, sucht das Grauen nicht mehr in harten ökonomischen Realitäten, sondern in einer diffus omnipräsenten, irrationalen und urzeitlich klassischen Bedrohung.
Robert Eggers läutete die Rückkehr der klassischen Monster Ende 2024 mit seinem bierernst-monochromen Überraschungshit „Nosferatu – Der Untote“ ein. Wie wir bereits seit den Universal-Monsterfilmen der 1930er, den Hammer-Studios-Produktionen ab den späten 1950ern oder den Big-Budget-Beiträgen der 1990er-Jahre wissen, kommt ein Monster selten allein: Ende August feiert Guillermo del Toros für Netflix gedrehte „Frankenstein“-Bearbeitung bei den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere, „Nosferatu“-Regisseur Eggers wagt sich als Nächstes an einen Werwolf-Stoff, und mit „Dracula“ des Autorenfilmers Radu Jude steht uns die erste rumänische Version des Stoffes ins Haus.
LEONINE
Doch zuvor schickt Luc Besson seinen „Dracula – Die Auferstehung“ ins Rennen. Der „León – Der Profi“-Regisseur war nach dem Flop von „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (2017) finanziell angeschlagen und sah sich anschließend mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert, von denen er gerichtlich freigesprochen wurde. 2023 meldete er sich mit der Außenseiterballade „Dogman“ relativ erfolgreich zurück. Die Zusammenarbeit mit Hauptdarsteller Caleb Landry Jones verlief dabei so gut, dass sich dieser nun in die mehr oder weniger illustre Reihe der Dracula-Interpreten stellen darf.
Die Geschichte ist bekannt und schnell erzählt: Prinz Vladimir kämpft auf Geheiß der Kirche gegen Christenfeinde in Rumänien, was seine Angebetete Elisabeta (Zoë Bleu) aber nicht vor dem Tod schützen kann. Von der Kirche enttäuscht und vom Kreuz im Stich gelassen, entsagt er Gott und verwandelt sich in einen ewig dahinsiechenden Blutsauger. Als er 400 Jahre später in seinem Schloss im Rahmen eines Immobiliendeals in der Verlobten seines Anwalts die Reinkarnation der verstorbenen Geliebten zu erkennen glaubt, packt er seine Koffer Richtung Paris.
Bereits in den allerersten Sekunden dieser neuen Verfilmung bestätigt sich der Eindruck, den man bereits nach dem Trailer hatte: Besson hat wohl einmal zu viel Francis Ford Coppolas „Dracula“-Verfilmung aus dem Jahr 1992 geschaut. Kostüme, Bilder, Farben, Handlungsverlauf, selbst Danny Elfmans dröhnender orchestraler Score scheinen rotzfrech aus Coppolas Film abgekupfert, in den Mixer geworfen und wahllos zusammengerührt worden zu sein. Dass dabei nicht nur ungenießbarer Matsch entsteht, liegt an der Energie, dem Elan und einer wohltuenden Unbekümmertheit, mit der Besson die altbekannten Zutaten vermengt. War Coppolas Verfilmung eine hochstilisierte, streng durchkomponierte Barockoper, zieht Besson den Stoff eher als eine Operette oder ein Musical auf, stets zwischen Pathos und Parodie, Ernst und komplettem Irrsinn changierend.
Dafür sinnbildlich steht der erste Auftritt Draculas im Schloss, wo er Harker im Spotlight stehend begrüßt, wie eine Drag Queen mit Perückenproblemen, die gleich mit ihrem Lipsynch-Auftritt loslegt. Es ist Besson in diesem Zusammenhang zugute zu halten, dass er keine Berührungsängste mit Camp hat und frei und fröhlich einfach alles auf die Leinwand knallt, was ihm gerade einfällt. In seiner Fantasiewelt grenzt Rumänien an Frankreich, lösen sich Gargoyles aus Steinfassaden, um Draculas Verfolger zu bekämpfen, und Massen an nackten Nonnen vereinigen sich zu einem Organismus, der Dracula emporträgt.
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Auch wenn dramaturgische und ästhetische Stringenz fehlen, gelingen ihm dabei immer wieder beeindruckende Bilder. In Zeiten, wo selbst fantastische Stoffe einem oft fehlgeleiteten Realismus frönen, ist das erfrischend. Die Darsteller haben bei der eher undisziplinierten Regie keinen so leichten Stand. Landry Jones passt sich dem zerfransten Rhythmus des Films im Laufe der Handlung immerhin gut an, auch wenn ihm in der Hauptrolle keine besonderen Akzente gelingen. Die Love Interests bleiben blass. Christoph Waltz als Priester und Van-Helsing-Stand-in allerdings kann in einer seiner besten Rollen seit einiger Zeit überzeugen.
Hier wirkt der zweifache Oscar-Gewinner („Inglourious Basterds“, „Django Unchained“) ein bisschen wie ein englischer Lord, der in einen kontinentalen Sündenpfuhl gefallen ist und nicht so recht weiß, ob er mitmachen, sich amüsieren oder still davonschleichen soll. Bessons „Dracula“ ist trotz blutiger Einlagen und bizarrer Bilder kein besonders furchterregender Film. Wie bei Coppola ist die grenz- und zeitüberschreitende Liebe Bessons Thema, und dieses dekliniert er – trotz Schwächen in der Handlungsführung – ernst, berührend und leidenschaftlich durch. Es ist genau diese Art beinahe naiver Leidenschaft ohne Häme, die seinen Film trotz aller Brüche sehenswert macht und zeigt, dass man elementare Themen und Fragestellungen in bunte Genrefilme voller ideenreichen Schabernacks gießen kann.
Fazit: Luc Besson hat sich für seinen „Dracula“ ganz offensichtlich von Francis Ford Coppolas opulenter 90er-Jahre-Version inspirieren lassen. Was ihm dabei an erzählerischer Stringenz fehlt, macht er mit Lust am Camp, inszenatorischer Energie und grenzenlosem Wahnwitz wett.