Auge in Auge mit dem Riesen-Oktopus
Von Lutz GranertIn den letzten Jahre rumpelte es in einigen ambitionierten norwegischen Produktionen ordentlich. Neben dem wegen seiner Fjord-Landschaft und soliden CGI-Effekten international breit rezipierten und von Publikum und Kritik weitgehend goutierten Katastrophenszenario in „The Wave – Die Todeswelle“ (2015) sorgte etwa „The Tunnel – Die Todesfalle“ (2019) für großes Aufsehen. Der Plot des ebenfalls grundsoliden Streifens von Regisseur Pål Øie wies zwar einige deutliche Parallelen zu Sylvester Stallones Einsatz in „Daylight“ (1996) auf, sorgte aber für eine durchaus spannende Rettungsaktion.
Nach der über 100 Millionen Mal auf Netflix abgerufenen Fantasy-Action „Troll“ und der Fortsetzung „Troll 2“ seines Kollegen Roar Uthaug wagt sich nun auch Øie an ein Creature-Feature mit einer zutiefst skandinavischen Mythengestalt. Schließlich war es der Bischof von Bergen, der Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals eine Legende um einen Riesen-Oktopus niederschrieb. „Kraken – Erwachen der Tiefe“ ist zwar weitgehend spannend, verschenkt aber mit arg holzschnittartig geratenen Charakteren und einem öden Plot viel von seinem Potenzial.
Splendid Film
Nach dem Verschwinden zweier Jetski-Touristen und zahlreichen Fischen, die aus dem Sognefjord regelrecht an Land gesprungen sind, wird die Meeresbiologin Johanne (schon in „Troll 2“ mit dabei: Sara Khorami) zur Inspektion einer Lachszucht beordert, auf der auch ihr Ex-Freund Erik (Mikkel Bratt Silset) tätig ist. Die Station arbeitet mit einer Technologie, die mittels Schallwellen einer bestimmten Frequenz unerwünschte Lachsläuse abtötet, während die Speisefische dadurch keinerlei Schaden nehmen und prächtig gedeihen können. Bald stellt sich jedoch heraus, dass die Anlage von Besitzer Avaldsnes (Øyvind Brandtzæg) absichtlich falsch kalibriert wurde, um japanische Investoren für eine Expansion zu gewinnen. Dumm nur, dass das Signal auch eine riesige Krake von Parasiten befreit, die sich von Menschen äußert genervt fühlt…
Fernweh weckende Luftaufnahmen einer malerischen Fjordlandschaft – und dann plötzlich: eine leichte, längliche Verfärbung der Wasseroberfläche, die schon in Steven Spielbergs Klassiker „Der weiße Hai“ (1975) für Frösteln sorgte. „Kraken – Erwachen der Tiefe“ braucht in der ersten halben Stunde nicht viel, um eine große suggestive Spannung aufzubauen und hohe Erwartungen an Tentakel-Monster-Action zu schüren.
Die bricht sich nach etwas mehr als der Hälfte der Laufzeit tatsächlich auch Bahn, wenn der Riesen-Tintenfisch mit seinen überzeugend getricksten Tentakeln (eine Mischung aus schleimig-glitschigen praktischen und CGI-Effekten) auf der Jagd nach seiner Beute auch in die hintersten Winkel der aus Kriegsschiffteilen zusammengezimmerten Zuchtstation dringt. Erinnerungen an „Aliens“ (1986) werden spätestens dann wach, wenn auch die krabbelnden Parasiten mit ihren scharfen Zähnen auf der Unterseite zum Angriff übergehen. Wie bei Ellen Ripleys Begegnung mit der Alien-Königin gibt es auch hier einen Moment, in dem sich Johanne und die monströse Krake Auge in Auge gegenüberstehen – auch wenn das natürlich, mit Verlaub, etwas albern ist.
Splendid Film
Die gut 20-minütige Monster-Action entschädigt für einen recht überraschungsfrei abgespulten Plot rund um Johannes' eher schleppende Erkenntnisgewinne bei ihren umfassenden Probenanalysen, eine Nebenhandlung um kabbelnde junge Umweltaktivisten sowie die austauschbar bleibenden Opfer der Monster-Krake. Zu Letzteren zählt etwa eine ängstliche Kajakfahrerin, die das Ungeheuer beim Versuch einer Eskimo-Rolle zum Fressen gern hat.
Während man die Dramaturgie noch als funktional durchwinken kann, so sind die allesamt eindimensional bleibenden Klischee-Figuren regelrecht enttäuschend – von der unterkühlten Wissenschaftlerin über den beleibten Computernerd mit Vorliebe für asiatisches Fast Food bis hin zum gierig-gewissenlosen Geschäftsmann. Diesen Umstand versucht das Drehbuchautor*innen-Trio mit einem unnötig komplexen und reichlich hanebüchenen Beziehungsgeflecht zu kaschieren:
Der verantwortungslose Besitzer der Lachsfarm ist mit der örtlichen Polizeichefin verheiratet, die regelmäßig die Leichen aus dem Wasser zieht. Deren gemeinsame Tochter Maria (Jenny Evensen) engagiert sich als Umweltaktivistin und verbreitet in den sozialen Medien jenes Video, das Johanne überhaupt erst auf die Lachsfarm aufmerksam macht. Pikant dabei: Johanne war einst Marias Babysitterin und entwickelte mit ihrem Ex-Partner früher selbst an jener fragwürdigen Technologie mit. Aha. Glaubwürdig ist das nicht, passt aber zu einem monströsen Riesenoktopus, dem – zweideutiger Cliffhanger sei Dank – vielleicht sogar ein weiterer Auftritt vergönnt ist.
Fazit: Hübsche Originalschauplätze in Norwegen und Finnland und 20 Minuten temporeiche und solide getrickste Oktopus-Action entschädigen für ein hölzernes Skript und flache Charaktere.