Die Blutgräfin
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die Blutgräfin

Vampirische Schnitzeljagd

Von Michael Bendix

Zwischen drei Dutzend und mehreren hundert Frauen – die überlieferten Zahlen variieren hier erheblich – soll sie gequält und grausam getötet haben. Anschließend badete sie in ihrem Blut, dem sie angeblich eine verjüngende Wirkung attestierte. Das muss man wissen über Erzsébet Báthory, genannt „Die Blutgräfin“, bevor man Ulrike Ottingers gleichnamigen Film schaut – denn viel Kontext gibt die Regisseurin dem Publikum ihres ersten nichtdokumentarischen Films seit 36 Jahren nicht an die Hand. So ist es auch nicht etwa eine historische Eckdaten aufzählende Texttafel, die uns die von Isabelle Huppert mehr verkörperte als gespielte, nun ja, Protagonistin vorstellt, sondern ein Bild.

In der ersten Einstellung des Films driftet ein kleines Boot lautlos durch ein unterirdisches Gewässer. Erzsébet Báthory thront wie eine Galionsfigur am Bug – eine mythische Erscheinung. Ihr pompöses Kleid, der Sarg, der sie zum Teil einschließt, das Wasserfahrzeug selbst – alles geht im selben Blutrot nahtlos ineinander über, sodass zwischen Hupperts Körper und der sie umgebenden Materie kaum noch Trennlinien auszumachen sind. Es ist eine Umkehrung der Überfahrt ins Totenreich: Die 1614 verstorbene ungarische Adlige kehrt – wie sie das alle 25 Jahre tut – als Vampirin in die Jetztzeit zurück.

Gräfin Erzsébet Báthory (Isabelle Huppert) ist aus dem Totenreich zurückgekehrt – und giert nach Blut! Neue Visionen
Gräfin Erzsébet Báthory (Isabelle Huppert) ist aus dem Totenreich zurückgekehrt – und giert nach Blut!

Gemeinsam mit ihrer Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) sucht Erzsébet Báthory (Isabelle Huppert) in Wien nach einem mysteriösen Buch, das die Macht besitzt, alles Böse von der Erde zu tilgen – und so auch das Reich der Vampire ein für allemal zu vernichten. Doch auch Báthorys Neffe, Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert), ist hinter dem Artefakt her – wenn auch aus völlig gegensätzlichen Gründen: Er ist Vegetarier und lehnt aus diesem Grund alle vampirischen Aktivitäten strikt ab. Derweil heften sich im Zuge der plötzlichen Zunahme blutiger Morde auch Inspektor Unglaube (Karl Markovics) und sein Assistent an ihre Fersen, während die Vampirologen Theobastus Bombastus (André Jung) und Nepomuk Nachbiss (Marco Lorenzini) als „Herren der ungesicherten Wissenschaften“ vor allem theoretische Interessen verfolgen.

Vollkommen freies Kino

Bereits der eingangs beschriebene Auftakt ist programmatisch für den Film: Denn hinter dem Boot taucht bald ein weiteres auf. Es ist eine Ausflugsbarke mit einer Gruppe bunt zusammengewürfelter Touristen, die im Rahmen einer Führung lernen, dass sie sich in der Seegrotte Hinterbrühl befinden, dem größten unterirdischen See Europas. So wie Ottingers Version (oder besser: Fantasie) von Báthory mehrere Jahrhunderte in sich vereint, existieren Vergangenheit und Gegenwart auch im Film völlig selbstverständlich nebeneinander – oft in einem einzigen Bild.

Wien ist als Ort, an dem Geschichte nahezu überall sicht- und erlebbar ist, der eigentliche Nabel dieser „Schnitzeljagd im Dreivierteltakt“ (so der sprechende Zusatztitel). Der Film inszeniert die Stadt allerdings nicht als Freilichtmuseum, sondern als verspielten Möglichkeitsraum und barocke Wunderkammer. Während sich frühere Spielfilme von Ulrike Ottinger oftmals eher wie akademische Übungen („Bildnis einer Trinkerin“) oder verfilmtes Performance-Theater („Freak Orlando“) angefühlt haben, kommt bei „Die Blutgräfin“, dessen Drehbuch sie gemeinsam mit Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek („Die Klavierspielerin“) erarbeitet hat, etwas völlig anderes heraus: gänzlich freies, inhaltlich und formal überbordendes, vor allem aber fast durchweg aberwitzig komisches Kino.

Erzsébet Báthory und ihre Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) suchen händeringend nach einem machtvollen Buch. Neue Visionen
Erzsébet Báthory und ihre Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) suchen händeringend nach einem machtvollen Buch.

„Die Blutgräfin“ ist randvoll mit kultur- und geistesgeschichtlichen Verweisen – so auf den Schweizer Arzt und Alchemisten Paracelsus (der mit bürgerlichem Namen Theophrastus Bombastus Von Hohenheim hieß) oder den Philosophen Walter Benjamin (die Vampirologen arbeiten an einem Aufsatz namens „Vampire und ihre Identität im Zeitalter der virtuellen Reproduzierbarkeit“). Zugleich ist der Film aber geprägt von einer großen Lust an der Albernheit: Der Humor speist sich aus spezifisch Wienerischer Idiomatik, schreckt aber auch vor Kalauern nicht zurück – und die meisten Mitglieder des Ensembles üben sich, analog zu ihren mit sichtbarem Genuss ausgesprochenen Rollennamen, in vergnüglichem Chargieren. Bezeichnenderweise ist es ausgerechnet Lars Eidinger, der normalerweise keine Gelegenheit scheut, sich als transgressive Rampensau ins Zentrum zu spielen, der dem Film als Therapeut Theobald Tandem einen Hauch von Bodenhaftung verleiht.

Die französische Filmlegende Huppert spielt den Witz mit, stattet Erzsébet Báthory mit der ihr eigenen enigmatischen Aura aus, während sie ihre Ikonenhaftigkeit (und die ihrer Figur) im selben Moment süffisant ironisiert. Ottinger spricht nicht aus, dass es am gewalttätigen Mythos um die „Blutgräfin“ erhebliche Zweifel gibt – doch wer würde dieser wundersamen Wiedergängerin, die eine CGI-Fledermaus namens Pipi (kurz für Pipistrello) Botenflüge verrichten und sie mehrmals in die Kamera fliegen lässt, als befänden wir uns in Dario ArgentosDracula 3D“, wirklich ein solches Maß an Bestialität zutrauen?

Conchita Wurst ist auch dabei

Gedreht wurde fast ausschließlich an Originalschauplätzen in Wien – darunter der Narrenturm, die Strudlhofstiege, die Nationalbibliothek, das Café Havelka (in dem die besten Buchteln serviert werden – „a echter Seelentröster“) und zahlreiche Katakomben und Gruften. Auf diese Weise entsteht eine filmische Kartografie der österreichischen Hauptstadt, die als verwunschener, morbider Schwellenort erscheint, an dem jederzeit alles passieren kann – auch ESC-Gewinnerin Conchita Wurst schaut mehrmals vorbei, um als Zeremonienmeisterin durch einen klandestinen Vampirball zu führen und im Beisein u.a. von Feldmarschall Radetzky einen furiosen Überraschungsauftritt hinzulegen.

„Die Blutgräfin“ findet im Zwischenbereich von wildwüchsigem Camp, entschieden ulkiger Genre-Persiflage, intellektueller Spielerei, alternativem Stadtarchiv und urbanem Erkundungsgang seine ganz eigene Form. Und wenn am Ende auf dem Prater alle Fäden zusammenlaufen und in einer Gondel des Riesenrads ein Mitternachtsdinner stattfindet, führt Ottinger ihr Kino sogar an seine Wurzeln als Jahrmarktsattraktion und Illusionsmaschine zurück.

Fazit: Nachdem er fast 30 Jahre lang in der Entwicklung war, ist „Die Blutgräfin“ nun der womöglich beste Spielfilm von Regisseurin Ulrike Ottinger – und definitiv der lustigste.

Wir haben „Die Blutgräfin“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Reihe Berlinale Special Gala seine Weltpremiere gefeiert hat.

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