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    Genesis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Genesis
    Von Carsten Baumgardt
    Wo und wie nahm die Welt ihren Ursprung und wie entwickelt sich Leben? Das sind die zentralen Themen von Claude Nuridsanys und Marie Perennous Natur-Dokumentation „Genesis“. In ihrem zweiten Kinofilm faszinieren die Franzosen nach dem Welterfolg „Mikrokosmos“ (1996) erneut mit grandiosen, spektakulären Naturaufnahmen, verzetteln sich aber mit der naiven Rahmenhandlung, die den Gesamteindruck trübt.

    „Wir, die Lebenden, überleben, weil wir anderes Leben zerstören. Leben ist kannibalistisch. Leben verschlingt Leben.“ Die Filmemacher Claude Nuridsany und Marie Perennou versteigen sich in „Genesis“ in ihren Bildern nicht in Naturromantik und dokumentieren zum Teil auch die volle Tragweite von Darwins Prinzip („Survival Of The Fittest“). Dieser angenehme Realismus in den gewaltigen Bildkompositionen, die das Duo an Originalschauplätzen in Frankreich, Island, Madagaskar, auf den Galapagos Inseln und in Polynesien drehte, zeichnet den Film aus. Dazu entstanden einige Sequenzen im Studio Éclair in Epinais-sur-Seine sowie im Haus der Regisseure in Aveyron. Nuridsany und Perennou nutzen diese perfekten äußerlichen Bedingungen, um ausgewählte Szenen exakt zu arrangieren. Für andere, wie zum Beispiel die Paarung der beiden Seepferdchen benötigten sie in freier Natur allein zwei Monate, um dieses bisher sehr selten dokumentierte Schauspiel einzufangen. Auf digitale Bilder verzichteten die Franzosen ganz.

    Die Nahansichten des natürlichen Lebens, das beispielsweise einen Seeteufel zeigt, der mit einer „natürlichen Angelschnur“ seine Köder anlockt oder über das kuriose Verhalten von Krebsen beim Scherenspiel berichtet, lässt die Besucher das ein oder andere Mal schmunzeln. Einige der seltensten Geschöpfe der Erde sind in dieser Dokumentation zu bewundern. Die Tiere erscheinen in extremer Großaufnahme teilweise in ihrem Verhalten und ihren Posen allzu menschlich. Daraus bezieht der Film seinen unterschwelligen Witz und seine Stärke. Auch die Faszination von entstehendem Leben können die Filmemacher eindrucksvoll vermitteln. Reine äußerliche Naturgewalten sind in Form von Vulkanausbrüchen oder gigantischen Wasserfällen zu sehen.

    Der Pferdefuß von „Genesis“ liegt in der eigenwilligen zweiten Handlungsebene. Ein afrikanischer Schamane, gespielt von Sotigui Kouyate, übernimmt an der Wiege der Menschheit die Rolle des Erzählers und Erklärers. In einer seltsamen Mischung aus „Löwenzahn“ und „Hocus Pocus“ soll der Schauspieler die bunte Collage zusammenhalten. Doch dies wäre überhaupt nicht nötig gewesen und wirkt zu entrückt und naiv. Ein launiger Off-Kommentar hätte an dieser Stelle sicherlich besser gepasst.

    Die zum Teil urzeitlich anmutenden Tiere werden von Nuridsany und Perennou nicht als Forschungsobjekt missbraucht, sondern zu einer lebenden Metapher des Schreckens oder auch des Wunders, letztlich zu einem Spiegel unserer eigenen Befindlichkeit, unserer Träume und Albträume. Sie deuten an, wie sich das Leben über eine Feuerwüste hin zum Wasserplaneten weiterentwickelt hat und die Kreaturen der Erde sich aus den Fluten erheben und das Land erobern.

    Nuridsany und Perennou haben insgesamt sechs Jahre mit ihrem Projekt „Genesis“ zugebracht. Die Dreharbeiten rund um den Erdball dauerten fast drei Jahre. Das Ergebnis ist einerseits faszinierend, andererseits nicht immer rund. Der Zyklus von Geburt, Leben und Tod zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und wäre als Leitmotiv ausreichend gewesen. Die zentrale menschliche Figur des Erzählers wirkt unangebracht. Die unheimliche Kraft der Bilder wird durch diesen Makel allerdings nicht vollends gebrochen, sodass „Genesis“ trotzdem für weit aufgerissene Augen beim Betrachter sorgen wird. Der Schauwert ist der große Trumpf von „Genesis“...
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