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    Jagdfieber
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Jagdfieber
    Von Carsten Baumgardt
    Der gute alte Zeichentrick ist im Mainstream-Geschäft längst beerdigt, der Animationsfilm fährt für die Major-Studios stattdessen scheinbar mühelos einen Blockbuster nach dem anderen ein. Diese Erkenntnis ist nun offenbar auch bei Sony angekommen, die eigens für diese Sparte das neue Produktionsstudio Sony Pictures Animation gegründet haben. Und dessen Debüt-Film „Jagdfieber“ ist gleich ein köstlicher Spaß. Das junge Studio hat bei der Konkurrenz genau hingesehen und begriffen, was einen massenkompatiblen CGI-Film auszeichnen muss: Charaktere, die zum Mitfühlen animieren und eine pfiffige, gaglastige Story. Technische Perfektion gehört bereits zum Genre-Standard.

    Der 900 Pfund schwere Grizzly Boog (Stimme: Martin Lawrence) lebt ein traumhaftes Leben in dem beschaulichen Bergstädtchen Timberline in der sorgsamen Obhut seiner menschlichen „Mutter“ Beth (Debra Messing), die ihren massigen Liebling abgöttisch verehrt, aber das Regiment mit liebevoll-preußischer Disziplin führt und mit Boog in einer Bärenshow auftritt. Als eines Tages der forsch-freche Hirsch Elliot (Ashton Kutcher) seinen Weg kreuzt, ist dies der Anfang einer abenteuerlichen Reise. Der fanatische, fiese Jäger Shaw (Gary Sinise) hat Elliot überfahren und ihn als Trophäe auf den Kühler seines Pick-Ups gefesselt. Doch Elliot ist gar nicht wie erwartet tot. Widerwillig nutzt Boog die Chance, den jungen Hirsch zu befreien. Elliot folgt dem Grizzly zu seiner Garage und überredet ihn zu einem spaßigen Ausflug in die Stadt. Das endet in einem Desaster, die beiden verwüsten vor lauter Übermut einen Laden. Das Ergebnis: Boog soll ausgewildert werden... Der Grizzly ist nur in der Wildnis völlig hilflos, was einige Probleme mit sich bringt. Elliot, der sich generös als „Reiseleiter“ anbietet, will seinen neuen Kumpel zurück in die Stadt führen... und das zum Start der Jagdsaison...

    Sony Pictures will auch etwas abbekommen vom großen, leckeren Animationsfilm-Kuchen. Fast egal, was die Studios auf den Markt schmeißen, die Leute rennen blind rein. Selbst minderwertige Ware wie Himmel und Huhn avanciert noch zu einem Box-Office-Erfolg. Höchste Zeit also für Sony, sich mit der neuen Studioabteilung in der Familiensparte ein saftiges Stück vom Braten abzuschneiden. Bei der Regie-Auswahl bewiesen die Produzenten ein glückliches Händchen. Roger Allers führte „Der König der Löwen“ zu einem der größten Hits der Zeichentrickgeschichte, Storyboardspezialisten Jill Culton (Die Monster AG, „Toy Story“, „Toy Story 2“) wurde von Pixar abgeworben und Anthony Stacchi sorgte für die Effekte bei „Hook“, „Ghost“ und „Meteor Man“.

    „Jagdfieber“ wendet die allseits beliebte Sprechende-Tiere-Formel konsequent an und hat damit einen unschätzbaren Charmevorteil gegenüber quasselnden Blechbüchsen à la Cars oder Robots. Besonders das deutsche Publikum weiß dies zu schätzen, blieben doch beide genannten Filme hierzulande hinter den Erwartungen zurück, während simple Tiergeschichten wie Ice Age, Ice Age 2 oder Madagascar in Deutschland zu monströsen Besucherhits aufstiegen. „Jagdfieber“ wartet mit zwei unschlagbaren Sympathieträgern auf, hier hat Sony Pictures Animation bei Foxs „Ice Age“-Konzeption sinnvoll abgekupfert. Das famose Duo Boog und Elliot ist wunderbar amüsant, schlagfertig, die Gags sind urkomisch, der Film verbreitet einfach einen Riesenspaß. Situationskomik und Wortwitz harmonieren hervorragend. Boog ist zwar der Anker der Story, aber der quirlige Tausendsassa Elliot sorgt für die ganz große Show. Dabei ist seine Figur so liebevoll-skurril (das letzte Einhorn der Hirschwelt) animiert, dass der Zuschauer einfach mit ihm mitfiebern muss.

    Boogs Charakter lebt vor allem von dem inszenierten Culture Clash der besonderen Art. Der Grizzly liebt das Leben unter Menschen und fühlt sich in der freien Wildbahn unwohl – schlimmer noch: Trotz seines imposanten Äußeren ist er dort nur schwerlich lebensfähig, was ihn in die Arme seiner Menschen-Mutter Beth zurück treibt. Doch der Weg dorthin ist mühsam und lebensgefährlich. Das ungleiche Duo muss sich finsteren Jägern erwehren und in der Tierwelt erst einmal seinen Platz finden, um dort nicht unterzugehen. Die Story aus der Feder von Steve Bencich (Himmel und Huhn, Bärenbrüder) und seinem Partner Ron J. Friedman (Himmel und Huhn, Bärenbrüder) erfindet das Rad keineswegs neu, wandelt gar auf altbekannten Pfaden, macht dies aber trittsicher. Die Buddy-Nummer ist so alt, wie das Kino selbst, es kommt auf den Charmefaktor an... und der stimmt auf den Punkt.

    „Jagdfieber“ wendet sich an ein breitgefächertes Publikum. Das mag sich arg abgedroschen anhören, ist aber so. Wer gerne lacht, ist hier richtig. Auch wenn ganz kleine Besucher nicht jeden kleinen ironischen Seitenhieb auf die moderne Zivilisation verstehen werden, so hält der Film auch für die junge Zielgruppe eine Menge für’s Auge bereit, worüber sich lauthals lachen lässt. Den großen erhobenen Zeigefinger erspart sich das Regietrio dankenswerterweise. Die unterschwellige Botschaft, sich am Tierleben zu erfreuen und es nicht zu zerstören, ist eine Selbstverständlichkeit, die keiner weiteren Vertiefung bedarf.

    Allers, Culton und Stacchi revolutionieren das Genre mit „Jagdfieber“ nicht. Sie suchen sich nur die richtigen Zutaten und rühren diese extrem schmackhaft zusammen. Einen Innovationspreis gewinnt Sony somit nicht, aber das ist auch nicht nötig. Nicht nur für Animationsfans ist „Jagdfieber“ ein Pflichttermin. Wer sich im Kino mal wieder so richtig gut zwanglos amüsieren will, sollte ein Ticket lösen...
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