Mein Konto
    Junebug
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Junebug
    Von Carsten Baumgardt

    Die US-Präsidentschaftswahl des Jahres 2004 machte auch für den letzten Außenstehenden offensichtlich, was spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends in der amerikanischen Volksseele schwelt: Die Vereinigten Staaten von Amerika, die einzig verbliebende Supermacht der Erde, ist im Jetztzustand ein zutiefst gespaltenes Land, das auch der war on terror nicht vereinen konnte. Red states (Republikaner) and blue states (Demokraten)… darauf lässt sich diese stolze Nation mittlerweile substanziell reduzieren. Zwischen diesen Extremen gibt es wenig bis nichts. Wer diesem Phänomen auf den Grund gehen möchte, sollte sich unbedingt Phil Morrisons Independent-Juwel „Junebug“ anschauen. Die bittersüße Tragikomödie legt das Herz Amerikas auf unaufdringliche, bezaubernde Weise offen.

    Chicago: Er taucht einfach, wie aus dem Nichts auf und danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Die Kunsthändlerin Madeleine (Embeth Davidtz) verliebt sich bei einer Ausstellung auf den ersten Blick in den smarten George (Alessandro Nivola). Die Enddreißigerin ist ein Kind der Großstadt, was man von ihrem etwas jüngeren Partner nicht sagen kann. Aufgewachsen im ländlichen North Carolina hat er sich jedoch an das Leben in der Metropole angepasst, so dass er nicht negativ als Landei auffällt. Die beiden heiraten. Madeleine muss beruflich nach North Carolina, um dort das provinzielle Maler-Genie David Wark (Frank Hoyt Taylor, Spiel auf Sieg, Big Fish) dazu zu überreden, bei ihrer Agentur einen Exklusivvertrag zu unterschreiben. Diese Reise verbinden die jung Verheirateten mit einem Besuch bei Georges Eltern, die er schon längere Zeit nicht mehr gesehen hat. Madeleine ist nervös und unsicher, ob Mutter Peg (Celia Weston, The Village), Vater Eugene (Scott Wilson, Last Samurai) sowie Georges Bruder Johnny (Benjamin McKenzie) und dessen hochschwangere Frau Ashley (Amy Adams) sie als neues Familienmitglied akzeptieren werden. Ihre Befürchtungen bestätigen sich. Auch wenn die Familie Johnsten es nicht beabsichtigt und sich Mühe gibt, prallen hier zwei Welten relativ unsanft aufeinander...

    Wer zynisch ist, kann Madeleine eine Reise ins Herz der Finsternis attestieren. Die gebildete Chicagoerin trifft auf die einfachen Hinterwäldler des amerikanischen Landes. Was sich in der Theorie wie die Vorlage für eine x-beliebige 08/15-Komödie anhört, entpuppt sich in den Händen von Debüt-Regisseur Phil Morrison als Goldstück des amerikanischen Independentkinos. „’Junebug’ is a great film because it is a true film”, adelt Kritikerpapst Roger Ebert das Werk und trifft damit exakt den simplen Kern. „Junebug“ ist eine fiktive Geschichte über fiktive Charaktere, die aber mehr Wahrheit über dieses Land enthält, als Hollywood in seiner Summe jemals vorbringen wird.

    Die Charakterzeichnung von Drehbuchautor Angus MacLachlan, ebenfalls Kinodebütant, ist schonungslos ehrlich und zielgenau. Obwohl beide Seiten Vorurteile gegenüber der anderen Fraktion haben, wollen sie diese nicht zulassen und sie überwinden - im Sinne des harmonischen Familienlebens. Die Missverständnisse, die sich ergeben, sind nicht selbstverschuldet, sie liegen vielmehr im Naturell der jeweiligen Personen. Madeleine ist eine emanzipierte, intelligente Frau, die sich zu behaupten weiß, sie geht auf die Leute zu, wickelt sie ein, lässt ihren Charme spielen. Doch diese unbeabsichtigte „Masche“ zieht bei den geerdeten Johnstens nicht, stößt vielmehr auf Befremden. Johnny, Georges Bruder schlichten Gemüts, ist so irritiert von Madeleines Verhalten, dass er dies gar als Annäherungsversuch missdeutet und ihr an den Hintern grabbelt, weil er denkt, sie wolle ihn verführen. Einzig dessen schwangere Frau Ashley ist Madeleine wohlgesonnen, aber dies in einer beinahe unterwürfigen, aufgedrehten Art. Sie will sich mit dem neuen Familienmitglied auf Biegen und Brechen verstehen, biedert sich an, in der Hoffnung von der „gebildeten Großstädterin“ anerkannt zu werden.

    Amy Adams (The Wedding Date, Catch Me If You Can) wurde für ihre überragende Darstellung der Ashley mit Preisen überhäuft und kassierte eine verdiente Oscarnominierung. Sie liefert die offensichtliche schauspielerische Show des Unternehmens „Junebug“ (kleiner Treppenwitz der Produktion: Während der Promotour zum Film posierte Embeth Davidtz hochschwanger mit Babybauch). Das Schöne: Das ist nur ein Teil der Geschichte. Das restliche Ensemble glänzt in ähnlicher Manier, aber auf differenzierte Weise. Die wunderbare Embeth Davidtz (Schindlers Liste, Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück, Dämon) zeigt ihre Karrierebestleistung, sie ist als Madeleine die Integrationsfigur für die „zivilisierte“ europäische Welt, das weltoffene Publikum fiebert aus ihrer Perspektive mit. Davidtz’ Vorstellung ist der von Adams ebenwürdig, versprüht sie doch einen unglaublichen, spröden Charme. Alessandro Nivola (Jurassic Park 3, Anatomie einer Entführung) ist als Madeleines Mann das Bindeglied zwischen den „Kulturen“. Die Großstadt hat ihn assimiliert, doch die Ereignisse auf „Heimaturlaub“ fördern sein Herz als Kind des Landes, tief verwurzelt in christlicher Tradition, zu Tage. Dieser Spagat berührt.

    Regisseur Morrison verhehlt in keiner Sekunde seines Films, dass er amerikanisches Indie-Kino reinster Prägung inszeniert. Lange Aufnahmen von absoluten Nebensächlichkeiten reizt der Leinwand-Newcomer aus, um zu demonstrieren, dass „Junebug“ nicht Hollywood ist. Ob dies notwendig ist oder reine Spielerei, bleibt Ansichtssache. Der Knackpunkt des Films ist ohnehin ein anderer, nämlich der Charakter des Johnny. Hier trennt sich bei der Betrachtung die Spreu vom Leinwandweizen. Ist die Figur des sperrigen Landgemüts, das alle Welt nicht für voll nimmt und ihn damit verletzt und überfordert, ernst gemeint oder dient sie nur als übersteigerte Karikatur, die den Culture Clash verstärken soll? Diese Frage stellt sich lange Zeit, sie lässt sich aber eindeutig beantworten: Johnny ist authentisch, was sich im Verlauf in Schlüsselszenen der Charakterzeichnung herausstellt und „O.C., California“-Star Benjamin McKenzies Spiel als hervorragend untermauert. Der Texaner, der dem jungen Russell Crowe immer mehr ähnelt, hat das Zeug dazu, ein Leben nach der TV-Karriere zu erleben.

    „Junebug“ beginnt als Tragikomödie mit wundervoll skurrilen Momenten, wenn Verhaltensweisen clever gegeneinander ausgespielt werden, aber mit zunehmender Dauer wird der Ton rauer, um letztendlich doch noch Versöhnlichkeit zu finden. Phil Morrison nimmt alle Charaktere ernst und zeigt sie so, wie sie die Realität hergibt. Wer sich einmal auf dem platten amerikanischen Land umgetan hat, wird feststellen, dass die sich anbietende, simple Schwarz/Weiß-Zeichnung hinterfragt werden muss, weil es sich trotz verschiedener Weltbilder um Menschen handelt, die das Beste aus ihren Möglichkeiten und ihrer Umgebung machen wollen. Es ist Morrison hoch anzurechnen, dass er sich nicht auf die plakative Schiene begibt und stattdessen die Seele seines Personals entblößt und „Junebug“ zu einem sehenswerten, atmosphärisch dichten Anschauungsunterricht über Amerika macht, der sowohl Verständnis für die Blue-States-Wähler der Küstengebiete als auch für die Red-States-Sympathisanten des Innenlandes aufbringt. Kleines Kino ganz groß...

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top