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    Barton Fink
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Barton Fink
    Von Martin Thoma

    „Barton Fink“ ist ein Film, an dessen Ende man als Zuschauer genauso wenig wie der titelgebende Protagonist weiß, wo einem der Kopf steht. Man weiß nur, dass der Kopf voller Bilder ist, die so bald nicht mehr verschwinden werden. Das surrealistische Drama um den ambitionierten Jungschriftsteller Barton Fink, der sich als Drehbuchschreiber in den Mühlen von Hollywoods Studiosystem verliert, war nach Miller´s Crossing ein Jahr zuvor das zweite ganz große Werk der Coen-Brüder (Blood Simple, Fargo, No Country For Old Men, The Big Lebowski, Burn After Reading), den Meistern des filmischen Stilempfindens und der ergreifend mitleidlosen Charakterstudie. Dafür gab es zu Recht die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes. Spätestens nach „Barton Fink“ durfte man darauf hoffen, dass das filmische Schaffen der Brüder Joel und Ethan weitere großartige Früchte tragen würde.

    1941: Barton Fink (John Turturro) ist ein junger Dramenschreiber mit Idealen. Er möchte den einfachen Mann von der Straße agitieren. Damit hat er bei Publikum und Kritik am Broadway Erfolg. Und zwar so großen, dass ihm sein Manager ein Angebot aus Hollywood an Land zieht. Barton zaudert kurz, ob er tatsächlich in die Traumfabrik wechseln soll, weil er ahnt, dass man dort nicht an ihm als autonomen Künstler interessiert ist. Aber egal, dafür zahlt Hollywood gut. Untergebracht wird Barton in einem Art-Deko-Hotel von verblichener Eleganz. Und obwohl die Schuhe, die vor den Zimmertüren im schier endlosen Flur auf seiner Etage aufgereiht stehen, von vielen weiteren Hotelgästen zeugen, begegnet er doch nur einem einzigen: dem furchterregend-bulligen Versicherungsvertreter Charley Meadows (John Goodman). Vor seiner Reiseschreibmaschine ist Barton auf sich selbst, seine Einsamkeit und seine großen Ambitionen zurückgeworfen, zu denen nicht passen will, dass man von ihm ein Drehbuch für einen Catcher-Film erwartet, das möglichst dumpf, brutal, verlogen und vor allen Dingen schnell fertig sein sollte…

    Barton Fink erscheint als eine Art Wiedergänger von Jack Torrance, dem von Jack Nicholson verkörperten Autor aus Stanley Kubricks Stephen-King-Verfilmung Shining, der im Overlook-Hotel und in seinem eigenen Kopf (was im Endeffekt das gleiche bedeutet) zugrunde geht. Allerdings wird Bartons diabolische Seite hier nicht axtschwingend von ihm selbst, sondern von seinem Zimmernachbarn Charley verkörpert. Außerdem ist der New Yorker Schreiberling nicht faktisch isoliert, sondern tatsächlich nur in seinem Kopf. Während sich Kubrick souverän und großartig in den Grenzen des Horrorkinos bewegte, führen die Coen-Brüder mit „Barton Fink“ jedes Genredenken ad absurdum.

    Viele Filme hat man bereits wieder vergessen, wenn der Abspann läuft. „Barton Fink“ braucht man hingegen nur einmal gesehen zu haben, damit sich die surrealen Bilder und seltsamen Protagonisten für Jahre im Gedächtnis festsetzen. Etwa der Hotelboy (Steve Buscemi), der - nachdem die Glocke an der leeren Rezeption fast eine Ewigkeit nachhallt - aus einer Luke im Boden steigt. Oder der reglose alte Mann, der den Lift bedient und dabei ein rasselndes Atmen von sich gibt, das klingt, als würde der ganze Fahrstuhl mitröcheln. Oder der Kampf mit den fetten Tapeten, die sich in der Hitze von den Zimmerwänden ablösen, so dass es scheint, als würde das Hotel selbst schwitzen. Am meisten bleibt jedoch Bartons Zimmernachbar im Gedächtnis hängen. John Goodman spielt hier die Rolle seines Lebens, selbst als diabolischer Bibelverkäufer, Ku-Klux-Klan-Leader und Zyklop in O Brother Where Art Thou? war er nicht furchteinflößender. Die Mischung aus jovialem Kumpeltyp, schmierigem Vertreter, verschwitztem Energiebündel, tragikomischer Figur und Psychopathen ist unübertroffen.

    Neben Goodman gibt es eine ganze Reihe weiterer brutal komischer Nebenrollen. Allen voran den Filmproduzenten Jack Lipnick (Michael Lerner), der einem Künstler, für den er sich interessiert, auch schon mal die Füße küsst. In seiner Selbstinszenierung - egal ob als Förderer der Kunst, als guter Patriot oder als Mann mit dem großen Geld – legt sich Lipnick keinerlei Grenzen auf. Eine Szene, in der Barton seinem Idol, dem ebenfalls in Hollywood gestrandeten Schriftsteller W.P. Mayhew (John Mahoney), auf einer öffentlichen Toilette begegnet, ist von den Coens unvergesslich böse und gekonnt inszeniert. Bartons Bewunderung für den tobsüchtigen Alkoholiker Mayhew lässt allerdings stark nach, als er sich in dessen persönliche Sekretärin und Geliebte Audrey Tayler (Judy Davis) verguckt. Audrey hat ein fatales Helfersyndrom gegenüber Männern, die sich selbst für Genies halten. Genau wie Mayhew passt also auch Barton perfekt in ihr eigentümliches Beuteschema. Schließlich gibt es auch noch den folgenschwersten Mückenstich der Filmgeschichte sowie ein Inferno, das die meisten anderen Filmemacher – und hätten sie zehn Mal so viel Kerosin zur Verfügung – niemals so höllisch hinkriegen würden.

    Barton Fink schlurft durch dieses surreale Hollywood: naiv, unbeholfen, arrogant und doch mit den Sympathien des Zuschauers auf seiner Seite, weil er in seinem Beruf, den er als Berufung versteht, noch Ideale verfolgt – auch wenn es schlussendlich nur noch zur Karikatur eines Idealisten langt. Ausgerechnet in Bartons Gesprächen mit seinem psychopathischen Zimmernachbarn verlagern sich die Sympathien des Publikums plötzlich auf die Seite des offensichtlich wahnsinnigen Charley Meadows, der recht damit hat, wenn er Barton vorwirft, dass er nie zuhört. Das menschliche Interesse, nach dem sich der grobe Charley in seinen stilleren Momenten sehnt, kann sein Gegenüber nicht aufbringen. Charley konfrontiert Barton mit sich selbst, aber in den Gesprächen der beiden konfrontiert auch der Film seine Zuschauer damit, wie sich diese zum Geschehen auf der Leinwand eigentlich positionieren wollen.

    Am Ende fragt Barton eine Schönheit im Bikini: „Are you in pictures?“ Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt selbst ausgestiegen ist, bleibt er dennoch ein Gefangener des Filmgeschäfts und vor allem der Bilder in seinem Kopf. Auch der Zuschauer bleibt gefangen in den Bildern dieses Films, in denen die menschliche Seele ein leeres Hotel ist, das in Flammen aufgeht und in dem sich die Geschichte in der Geschichte auf einmal (fast) von selbst in die Tasten der Reiseschreibmaschine haut. Über der Schreibmaschine hängt ein Bild, das den Eingang zu einer anderen Welt darstellt. Diese kann aber auch nicht seltsamer sein als jene, in der sich Barton bisher bewegt hat oder Hollywood-Mogule Catcher-Filme produzieren.

    Schließlich steckt der Kopf in einer Schachtel. Aber eigentlich weiß niemand so genau, was in der Schachtel ist. Mit Ausnahme einiger Filme von David Lynch hat postmodernes Rätselkino nie so großartig funktioniert wie in diesem Meisterwerk der Coen-Brüder.

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