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    Ist "The Last Of Us" auch als Serie ein Meisterwerk? So gut ist die langersehnte Videospieladaption
    15.01.2023 um 15:00
    Markus Trutt
    Markus Trutt
    -Redakteur
    Seit „Silent Hill“ ihm gezeigt hat, dass es doch auch gute Videospieladaptionen geben kann, hält Gamer Markus sehnsüchtig Ausschau nach weiteren.

    „The Last Of Us“ gehört zu den wohl meisterwarteten Serien 2023. Wir haben die komplette erste Staffel mit Pedro Pascal und Bella Ramsey vorab gesehen und verraten euch in unserer Kritik, ob sich das Warten gelohnt hat.

    HBO

    „The Last Of Us“ eroberte die Videospielwelt (und auch das Herz des Autors dieser Zeilen) 2013 im Sturm. Vor dem simplen, aber ungemein atmosphärischen Hintergrund einer rauen postapokalyptischen Welt präsentierten uns Autor Neil Druckmann und die auch hinter der „Uncharted“-Reihe steckende Firma Naughty Dog eine der bewegendsten und bestgeschriebenen Figurenbeziehungen der Gaming-Geschichte – und zugleich eine ebenso an die Nieren wie zu Herzen gehende Studie über die ambivalente menschliche Natur und die verheerende Spirale der Gewalt (was 2020 mit der meisterlichen Fortsetzung sogar noch schonungsloser auf die Spitze getrieben wurde).

    Umso größer war die Herausforderung, den schnell zum Hit mit gigantischer Fangemeinde avancierten Titel adäquat in ein anderes Medium zu transportieren – was angesichts des enormen Erfolgs aber bald fast schon unvermeidlich schien. Nach einem gescheiterten Verfilmungsanlauf durch Sam Raimi („Evil Dead“, „Spider-Man“) mussten erst Neil Druckmann höchstpersönlich und „Chernobyl“-Macher Craig Mazin als Co-Showrunner zusammenfinden, um mit dem Prestige-Sender HBO im Rücken aus „The Last Of Us“ nicht bloß einen zweistündigen Film, sondern eine epische Serie zu zimmern, die der Vorlage auch gerecht wird. Und wie das langersehnte Ergebnis nun zeigt, ist ihnen genau das tatsächlich mit Bravour gelungen – zumindest größtenteils...

    Düstere Zukunft

    Im Jahr 2003 verwandelt eine mysteriöse Pilzinfektion einen Großteil der Menschheit in blutrünstige Mutanten, die zahllose Leben fordern. Auch 20 Jahre später hat sich die Welt davon noch nicht erholt. Während die zombieähnlichen Kreaturen und nicht minder brutale Plünderer weite Landstriche der USA unbewohnbar machen, haben sich viele Überlebende unter einem strengen Militär-Regime in versprenkelte Quarantänezonen zurückgezogen.

    In einer solchen fristen auch der bärbeißige Schmuggler Joel (Pedro Pascal) und seine Partnerin Tess (Anna Torv) ein tristes Dasein – bis sie eines Tages einen ganz besonderen Auftrag erhalten: Für die gegen die herrschenden Militärs aufbegehrende Gruppierung der Fireflies soll das Duo die junge Ellie (Bella Ramsey) aus der Stadt schaffen, scheint sie doch den Schlüssel zur Beendigung der verheerenden Pandemie in sich zu tragen. Das zunächst so einfach scheinende Unterfangen weitet sich jedoch schon bald zu einer Odyssee quer durchs Land aus, die viele Opfer fordert...

    Näher an der Vorlage geht kaum

    The Last Of Us“ beginnt mit einem Talkshow-Prolog im Jahr 1968, der auch für Kenner*innen der Videospiel-Vorlage neu ist und uns den biologischen Unterbau der drohenden Pilz-Pandemie vorstellt. Das wirkt durch das etwas plumpe Foreshadowing ein wenig ungelenk, etabliert aber bereits eine schön unbehagliche Stimmung – und geht schließlich in den ersten großen Gänsehaut-Moment für Spiele-Fans über: den fantastischen Vorspann.

    In hübsch animierten Kamerafahrten sehen wir, wie Pilzgewächse unheilvoll das Land überwuchern und ganze Städte formen – und all das zu den wundervollen Klängen des Original-Themas vom zweifachen Oscarpreisträger Gustavo Santaolalla, der wie schon bei den Spielen nun auch für die Serie die Musik beigesteuert hat. Allein in dieser einen Minute keimt die wohlige Vermutung auf, dass der Geist der Vorlage hier wirklich verlustfrei den Sprung in die Adaption geschafft haben könnte – und die wird in den anschließenden rund neun Stunden zum Glück bestätigt.

    Denn was folgt, ist die wohl mit Abstand vorlagentreuste Videospieladaption, die es bis dato gegeben hat. Klar, auch hier wurden ein paar Dinge (meist sinnvoll und mit viel Bedacht) geändert, um dem Wegfall der Gameplay-Passagen Rechnung zu tragen: Einige Schauplätze wurden abgewandelt, gestrichen oder zusammengelegt, so manches wurde dafür aber auch neu hinzugedichtet (dazu später mehr).

    Etwas bedauerlich ist dabei allenfalls, dass ein charakteristisches Element aus den Spielen rund um die Infizierten (Stichwort: Sporen) gegen eine weniger bedrohliche (und zudem allzu sehr an das Upside Down aus „Stranger Things“ erinnernde) Gefahr eingetauscht wurde und wir so in der Serie auf einige besonders beklemmende Horror-Passagen verzichten müssen. Doch mindert das die restlichen Stärken keineswegs, liegt der Fokus der Adaption doch ohnehin woanders als auf reinem Horror.

    Von dieser kleinen Änderung abgesehen bildet die erste „Last Of Us“-Staffel nahezu die komplette Handlung des ersten Spiels (inklusive der Erweiterung „Left Behind“) ab, und sogar eine kleine Passage aus Teil 2 hat es schon jetzt in die Adaption geschafft. Viele Dialoge, Szenen und sogar Einstellungen wurden eins zu eins übernommen. Und das liegt eigentlich ja auch nahe, ist die Spielevorlage doch bereits so filmisch und auf den Punkt erzählt, dass sich allzu große Abweichungen erübrigen.

    Lohnt es sich für Fans überhaupt?

    Dadurch stellt sich aber natürlich die Frage, für wen die Serie überhaupt gemacht ist, wenn es das Ganze in sehr ähnlicher Form (und obendrein zum Selberspielen) bereits gibt. Allerdings ist eine über weite Strecken so nahe Adaption wohl genau das, was sich nicht wenige Fans gewünscht haben dürften. Und immer wieder gibt es sie dann eben doch: kleinere und größere Story-Ergänzungen, die selbst für „Last Of Us“-Expert*innen Überraschungen bereithalten.

    Die fallen zum Teil unnötig aus (wie etwa im Fall der Passagen rund um die Ursprünge der Pilz-Pandemie), sind an anderer Stelle aber tatsächlich eine schöne Bereicherung. Insbesondere die wesentlich ausgebaute Hintergrundgeschichte zu Fanliebling Bill (in der Serie gespielt vom wie immer grandiosen Nick Offerman) sorgt für einige der rührendsten Momente von Staffel 1, auch wenn dafür die gesamte Sequenz um seine Stadt zu den größten Änderungen gegenüber der Vorlage gehört.

    Uneingeschränkt empfehlenswert ist die Serie jedenfalls für die komplett neue Zielgruppe derjenigen, die mit Gaming nichts am Hut haben, nun aber auch einmal wissen wollen, was es mit dem Phänomen „The Last Of Us“ denn eigentlich auf sich hat – und darauf mit der Serie auch eine mitreißende Antwort bekommen.

    Tolle Joel-und-Ellie-Chemie

    Eine gute Geschichte gut nachzuerzählen, ist dabei allerdings (höchstens) die halbe Miete, vor allem wenn die Story an sich das Rad heutzutage erst recht nicht mehr neu erfindet. Im Fall von „The Last Of Us“ steht und fällt alles vielmehr mit der besagten Dynamik der beiden Hauptfiguren, die das Rückgrat und den emotionalen Kern der Erzählung bildet. Und genau hier landet auch die Adaption einen Volltreffer:Game Of Thrones“-Bad-Ass Bella Ramsey muss sich in ihren ersten Szenen zwar noch ein wenig in ihre Rolle als Ellie einfinden, doch spätestens im zunehmenden Zusammenspiel mit „The Mandalorian“-Star Pedro Pascal glänzt auch sie mit viel Charme und einnehmender Präsenz.

    HBO
    Sind auch in der Adaption das Herzstück von „The Last Of Us“: Joel (Pedro Pascal) und Ellie (Bella Ramsey)

    Der grummelige Überlebenskünstler und die vorlaute Teenagerin ergänzen sich einfach wunderbar, auch wenn es eine Weile dauert, bis auch sie selbst das realisieren. Die Chemie zwischen den beiden steht der ihrer virtuellen Pendants in nichts nach – und das sowohl in den humorvollen als auch in den dramatischen Momenten, die einem mit ihrer intensiven Wucht immer wieder den Boden unter den Füßen wegziehen. Neben den großen Gesten sind es dabei aber auch wiederholt die subtilen kleinen Momente (etwa wenn Joel dann doch mal über einen der vielen schlechten Sprüche aus Ellies herrlich bescheuertem Wortwitzebuch lacht), die leichtfüßig illustrieren, wie sich die Zwei mehr und mehr füreinander erwärmen können.

    Wie auch in den einzelnen Abschnitten des Spiels werden Joel und Ellie in jeder Folge mit neuen Gefahren und Herausforderungen konfrontiert, die die so unterschiedlichen, aber beide auf ihre Weise von schweren Verlusten gezeichneten Menschen inmitten der wunderschönen (und übrigens auch unglaublich stimmungsvoll in Szene gesetzten) Endzeit-Szenerie immer enger zusammenschweißen. In dieser kaputten Welt werden sie so nicht nur zum essenziellen roten Faden, an dem man sich mitfiebernd und mitleidend entlanghangelt, sondern auch zu einem herzerwärmenden Hoffnungsschimmer.

    Fazit

    Der Meisterwerk-Status bleibt zwar der naturgemäß noch immersiveren Vorlage vorbehalten, dennoch funktioniert „The Last Of Us“ auch als Serie hervorragend. Nicht nur weil die schön-schaurige Postapokalypse so aufwändig zu „realem“ Leben erweckt wird, sondern weil die Adaption vor allem beim Kern des Franchises dank der tollen Darsteller*innen genauso punktet wie die Spiele: der so herzzerreißenden (Ersatz-)Vater-(Ersatz-)Tochter-Geschichte. Der Mehrwert für Kenner und Kennerinnen der Story mag sich dabei zwar in Grenzen halten, aber vielleicht ist gerade das auch der Schlüssel zu einer so gelungenen Videospieladaption...

    "The Last Of Us": Darum wird der Überlebenskampf in der HBO-Serie deutlich weniger blutig als in den Spielen

    ›› "The Last Of Us" bei WOW (ehemals Sky Ticket)*

    „The Last Of Us“ startet in Deutschland parallel zum US-Start. Die insgesamt neun Folgen der ersten Staffel erscheinen im Wochenabstand in der Nacht von Sonntag auf Montag beim Sky-Streamingdienst WOW. Den Auftakt gibt es in den (sehr) frühen Morgenstunden des morgigen 16. Januar 2023.

    *Bei diesem Link zu WOW handelt es sich um einen Affiliate-Link. Mit dem Abschluss eines Abos über diesen Link unterstützt ihr FILMSTARTS. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.

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