Mit 13 bzw. zehn Oscarnominierungen galten „Emilia Pérez“ und „Der Brutalist“ vorab als große Favoriten bei der 97. Oscarverleihung, die vor wenigen Tagen stattfand. Doch beide Filme waren nicht frei von Kontroversen: Die Hauptdarstellerin des einen machte mit zweifelhaften Äußerungen im Netz von sich reden, die Macher des anderen halfen bei ihrem Film mit Künstlicher Intelligenz nach, um die Akzente ihres Casts zu perfektionieren. Doch es hatte sicherlich auch andere Gründe, warum „Anora“ zum großen Abräumer der jüngsten Oscarverleihung avancierte – und bei sechs Nominierungen ganze fünfmal als Sieger hervorging.
Das – um die FILMSTARTS-Kritik zu zitieren – „'Pretty Woman'-Update, von dem wir nicht wussten, dass wir es brauchten“ wurde unter anderem in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin prämiert. Ein beachtlicher Erfolg, der allerdings nicht ganz überraschend kam. Schließlich wurden traditionsgemäß in den Tagen und Wochen vor den Academy Awards diverse Preise verliehen, etwa von der Autoren- sowie der Schauspieler-Gewerkschaft. Und diese ließen bereits vermuten, dass die ungewöhnliche Lovestory auch große Chancen auf den wichtigsten Filmpreis der Welt haben dürfte. Aber wie geriet der neuste Streich des gefeierten Indiefilmers Sean Baker („The Florida Project“) eigentlich auf die Überholspur?
Neon gab 18 Millionen Dollar für Werbung aus
Wie nun unter anderem von Variety berichtet wird, ließ es sich der US-Verleiher Neon einiges kosten, um für den Film die Werbetrommel zu rühren. Demzufolge beliefen sich die Marketingkosten für „Anora“ auf stolze 18 Millionen Dollar. Eine Info, die im Netz bereits für hitzige Diskussionen sorgt. „Man kann den Oscar also einfach kaufen?“, fragen sich so etwa viele User auf Instagram. Doch nein, so einfach ist das nicht.
Jeder Film hat von Haus aus ein Werbebudget, das zusätzlich zu den Produktionskosten ausgegeben wird – und vor allem bei großen Hollywood-Filmen immer wieder regelrechte Unsummen verschlingt. Nicht umsonst gilt für jene Filme auch die Faustregel, dass sie am Ende zumindest das Doppelte ihres reinen Produktionsbudgets einspielen müssen, um schwarze Zahlen an den Kinokassen zu schreiben (schließlich müssen auch noch die Abgaben an die Kinobetreiber berücksichtigt werden). Doch zu jenen regulären Ausgaben kommt nochmal ein gesondertes Werbebudget hinzu, wenn sich ein Studio für einen seiner Filme Oscarchancen ausrechnet.
Zum Vergleich: Für den koreanischen Über-Hit „Parasite“ gab Neon sogar 20 Millionen Dollar aus. Rein für Werbezwecke! Das ist somit längst nichts Neues – und Neon befindet sich im Vergleich zu den großen, traditionsreichen Hollywoodstudios sogar noch am unteren Ende jenes finanziellen Spektrums. Und doch ist „Anora“ ein besonderer Fall.
Mit vollem Risiko zum Erfolg!
Außergewöhnlich an der ganzen Sache ist, dass der Film mit Mikey Madison, die bereits in Quentin Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“ zur Szenendiebin avancierte, Sean-Beaker-typisch für kleines Geld realisiert wurde. Denn die Produktion von „Anora“ kostete gerade einmal sechs Millionen Dollar. Damit kam die ausgefallene RomCom nicht nur weitaus günstiger als der Großteil ihrer Oscar-Konkurrenz. Der Film war auch noch halb so teuer wie sein eigenes Werbebudget!
Und dieses Investment war durchaus mit Risiko verbunden, schließlich spielte der Film in den USA nur etwas mehr als 16 Millionen Dollar ein! International stehen mittlerweile zwar mehr als 40 Millionen zu buche, doch ist in den meisten Ländern eben nicht Neon, sondern Universal Pictures der Verleiher – der an dem Film mitverdient.
Neon glaubte an den Erfolg des Ausnahmefilms. Dennoch zielte man keineswegs bloß darauf ab, die stimmberechtigten Mitgliedern der Academy zu erreichen und in weiterer Folge deren Votes zu kassieren. Während andere Studios, wie Variety es auf den Punkt bringt, Geld für „altbewährte Strategien“ ausgaben und auf Vorführungen mit ausgewähltem Publikum und Hochglanzanzeigen setzten, schlugen die „Anora“-Macher einen unorthodoxen Weg ein:
So stellte man vergangenen November vor einer Autowerkstatt in Los Angeles einen Abschleppwagen ab, der zu einem spontanen „Anora“-Merchandise-Shop umfunktioniert wurde. Noch bevor das Gefährt vor Ort eintraf, standen bereits hunderte Fans – und eben nicht Filmschaffende aus der Branche – Schlange. Und auch zu den ersten Vorführungen wurden eben nicht, wie man es erwarten könnte, vor allem Oscar-Wähler*innen eingeladen, sondern standesgemäß in Anlehnung an die titelgebende Prostituierte im Film Sexarbeiterinnen.
FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen vergibt in seiner Kritik zu „Anora“ übrigens herausragende 4,5 Sterne. Es lohnt sich also in jedem Fall, schnell noch ein Ticket zu lösen – denn in vielen Bewegtbildtempeln gibt es den Streifen nach wie vor zu sehen! Alternativ könnt ihr mittlerweile aber auch schon auf Streaming sowie demnächst auch auf DVD, Blu-ray und 4K-Blu-ray ausweichen:
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