"Wir sind sowas von zurück!": Die "Daredevil: Born Again"-Macher über das wohl größte Marvel-Comeback des Jahres
Markus Trutt
Markus Trutt
-Redakteur
Das Mammut-Projekt MCU hat Markus bis heute in seinem Bann, sodass er alles, was Film und Serie dazu hergeben, genüsslich aufsaugt.

Der Weg zu „Daredevil: Born Again“ war holprig. Das Ergebnis ist nun aber ein Geschenk für Fans der Vorgänger-Serie – und genau das war die Absicht, wie aus unserem Interview mit Showrunner Dario Scardapane und Produzentin Sana Amanat hervorgeht.

Es musste erst zur Zwangspause in Folge der Streiks von Autoren- und Schauspiel-Gewerkschaft im Jahr 2023 kommen, ehe man sich bei Marvel das bis dato gedrehte Material der heißerwarteten Serie „Daredevil: Born Again“ einmal genau anschaute und feststellte, dass der geplante Reboot-Ansatz doch nicht so recht funktioniere. Folglich trennte man sich vom bisherigen Kreativteam und holte den durch seine Arbeit an der „The Punisher“-Serie bereits mit der harten Street-Level-Ecke des Marvel-Universums vertrauten Dario Scardapane als neuen Showrunner an Bord.

Der sorgte schließlich dafür, dass „Born Again“ zu einer direkten Fortführung der alten „Daredevil“-Netflix-Serie umgemodelt wurde. Im FILMSTARTS-Interview geben Scardapane und Produzentin Sana Amanat (die übrigens den Comic-Fanliebling Kamala Khan mitkreiert hat) einen kleinen Einblick in diesen ungewöhnlichen Entstehungsprozess und verraten zudem, wo die größten Herausforderungen lagen und welche Highlight-Szenen selbst die größten Skeptiker des Revivals verstummen lassen sollten.

Vollwertige "Daredevil"-Fortsetzung dank Hollywood-Streiks

FILMSTARTS: Waren die Streiks in Hollywood am Ende vielleicht sogar ein Glücksfall für eure Serie, wenn man sich anschaut, wie sich dadurch alles entwickelt hat?

Sana Amanat: Ich würde niemals sagen, dass es ein Glücksfall war. Es war eine wirklich harte Zeit für so viele Menschen. Aber wir konnten diese Zeit nutzen, um das Material gründlich zu analysieren. Viele Dinge, über die wir schon nachgedacht hatten, wurden klarer, als wir uns die Aufnahmen genauer ansahen. Die Zuschauer mochten die Episoden, die sie gesehen hatten. Wir haben sie getestet, und es ging eher darum, dass bestimmte Elemente fehlten.

Es fehlten einige Konflikte, Reibungspunkte und der Kontext. Genau danach mussten wir suchen. Natürlich bin ich froh, dass wir diese Zeit hatten. Ich hasse es, wie es dazu gekommen ist, aber wir hatten die Möglichkeit, das Ganze wirklich zu evaluieren und großartige Mitwirkende wie Dario, Justin [Benson] und Aaron [Moorhead], unsere Regisseure, hinzuzuziehen, um die Serie auf ein höheres Niveau zu bringen und sie mehr in Einklang mit der alten Serie zu bringen.

Dario Scardapane: Lustigerweise war das früher ja sogar die Norm. Man hat einen Piloten gedreht, hatte dann Zeit, ihn zu überarbeiten, und hat Änderungen vorgenommen. Heutzutage, im Zeitalter des Streamings, heißt es nur noch „go, go, go“.

Sana Amanat und Dario Scardapane im Gespräch mit FILMSTARTS-Redakteur Markus Trutt Junket Productions, Inc.
Sana Amanat und Dario Scardapane im Gespräch mit FILMSTARTS-Redakteur Markus Trutt

FILMSTARTS: Wie würdet ihr „Born Again“ im Vergleich zur Originalserie „Daredevil“ nun beschreiben? Ist es eher eine vierte Staffel oder etwas Neues – oder eine Mischung aus beidem?

Dario Scardapane: Am Ende der letzten Episode der vorherigen Serie sieht man drei Namen auf einer Serviette. Wir wussten, dass wir diese neue Serie mit genau diesen drei Namen beginnen würden – sieben Jahre später. Es ist also nicht wirklich eine vierte Staffel, sondern vielmehr ein gewaltiger Zeitsprung. Alles, was in dieser Zeit passiert ist, das ganze Gewicht, das auf diesen Charakteren lastet, wird in die Gegenwart getragen. Ein neuer Konflikt tritt in ihr Leben, aber mit einem sehr vertrauten Gesicht – und genau das macht es so schön. Das, was Wilson Fisk in dieser Staffel macht, bringt alles ins Rollen.

Wir wollten alles, was wir an der früheren Serie geliebt haben, ins Hier und Jetzt bringen – mit den Möglichkeiten, die wir jetzt auf Disney+ haben, und den technischen Entwicklungen, die es uns heute erlauben, Dinge anders umzusetzen. Es ging darum, den Geist der alten Serie zu bewahren und gleichzeitig ein völlig neues Erlebnis mit alten Freunden zu schaffen.

Keine Gewalt zum Selbstzweck

FILMSTARTS: Die rohe Gewalt ist ein Teil der DNA von Charakteren wie Daredevil und dem Punisher. Aber natürlich macht Gewalt allein einen Film oder eine Serie nicht besser. Wo zieht ihr die Grenze zwischen notwendiger Intensität und Übermaß? Gab es Momente, in denen ihr euch gesagt habt: Dient diese Brutalität wirklich der Geschichte oder gehen wir zu weit?

Dario Scardapane: Wenn man an Projekten wie „The Punisher“ oder „Daredevil“ arbeitet, muss die Gewalt und Action immer eine Geschichte erzählen und eine Wirkung haben. Ich habe schon reine Actionszenen geschrieben, einfach nur um der Action willen – nicht für diese Serie, aber in der Vergangenheit. Und wenn man es sich dann ansieht oder darüber nachdenkt, merkt man: Okay, das ist unnötig. Aber wenn Action eine Geschichte hat und Gewalt Konsequenzen nach sich zieht, spürt man das.

Ich finde, dass Marvel und Disney+ da wirklich großartig waren. Sie haben gesagt: „Lasst es raus!“ Aber gleichzeitig geht es darum, eine Geschichte zu erzählen, die Spannung und Gänsehautmomente liefert, sodass man denkt: „Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade gesehen habe.“ Aber es muss einen Grund haben, es muss um die Figuren gehen.

Sana Amanat: Ja, alles hat eine klare Absicht. Man darf nicht vergessen, dass es in dieser Geschichte um die Beziehung der Figuren zur Gewalt und ihre inneren Kämpfe geht. Diese Figuren sind oft zwiegespalten oder problematisch, und genau das wollten wir erzählen. Am Ende der zweiten Episode – ohne zu viel zu verraten – gibt es eine Szene, die etwas über Matt Murdocks Einstellung zu seinem „Fluch“ und seiner regelrechten „Sucht“. Er kann einfach nicht anders. Es brodelt in ihm, bis es aus ihm herausplatzt. Wir wollen das Publikum nicht einfach nur schocken. Natürlich gibt es diese Momente, aber sie sollen etwas über die Charaktere aussagen.

Action und Gewalt sollen in „Daredevil: Born Again“ stets der Story und den Figuren dienen. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Action und Gewalt sollen in „Daredevil: Born Again“ stets der Story und den Figuren dienen.

FILMSTARTS: Wenn ihr den Fans der Originalserie, die vielleicht skeptisch gegenüber der Fortsetzung sind, nur eine Szene zeigen könntet, um sie zu überzeugen, welche wäre das?

Dario Scardapane: Ich würde zwei Szenen wählen, sorry. Eine wäre die One-Take-Szene, weil sie visuell sagt: „Wir sind zurück!“ Und die andere wäre die Diner-Szene, weil sie alles erzählt, was du über die beiden Personen darin wissen musst.

Sana Amanat: Definitiv die Diner-Szene. Muss es ein Moment aus den ersten beiden Folgen sein oder bezieht sich deine Frage auf die ganze Staffel?

FILMSTARTS: Ihr könnt gerne auch einen späteren Moment wählen, ohne zu viel zu verraten natürlich.

Dario Scardapane: Folge 8 enthält eine Sequenz, in der die gesamte Besetzung zusammenkommt, und das ist etwas, das ich so noch nicht gesehen habe. Es ist so cool. Wenn du die Fans überzeugen willst, dann sagen diese 10 bis 15 Minuten genau das aus: "Wir sind sowas von zurück!" Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was die Leute davon halten.

Sana Amanat: Dann gibt es noch etwas, das am Ende von Folge 6 passiert. Alles, was ich sagen werde, ist: Es geht um Wilson Fisk und Matt Murdock. Sie stehen sich gegenüber. Mehr sage ich nicht. Das ist eine großartige Szene.

So ist die "One-Take"-Action-Szene in Folge 1 entstanden

FILMSTARTS: Ihr habt bereits die One-Take-Szene aus der ersten Folge erwähnt. Könnt ihr uns ein wenig mehr zu ihrer Entstehung erzählen? Und wie viel wurde dabei „geschummelt“?

Sana Amanat: Was meinst du? Wir haben nicht geschummelt. (lacht)

Dario Scardapane: Es ist natürlich eine ganz reale einzelne Einstellung. (lacht) Aber nein, ich habe schon echte One-Take-Szenen gemacht, das ist eine ganz eigene Herausforderung. Als wir zusammenkamen und darüber nachdachten, wie wir die Serie anders gestalten könnten, haben wir Phil Silvera ins Boot geholt. Phil war der Stunt-Koordinator der Originalserie – ein weiteres Element, das aus der alten Serie weitergeführt wurde. Phil designt Action-Sequenzen, wie man es sich kaum vorstellen kann. Die Idee war auf dem Papier. Dann kam sie in Phils Schmiede, dann zu Aaron und Justin.

Man erzählt eine Geschichte, in der jemand durch eine Tür tritt, eine Reise antritt und buchstäblich an einem anderen Ort landet. Diese Geschichte beinhaltet bereits das, was die gesamte Reise dieser Staffel sein wird. Es war ein gemeinsames Projekt: Sana und ich sprachen darüber, ich sprach mit den Regisseuren, Sana, ich, die Regisseure und der Stunt-Koordinator tauschten uns aus. Diese Nacht war eine Herausforderung.

Sana Amanat: Mehrere harte Nächte.

Dario Scardapane: Ja. Es gab aber insbesondere eine Nacht, in der wir uns fragten: „Wie machen wir das nur?“

Sana Amanat: Aber ich liebe die Symbolik dahinter. Die Idee, sich durch das Gebäude zu bewegen, höher zu steigen und dann zu fallen, erzählt wirklich die Geschichte von Daredevils gesamter Existenz. Auf das Dach zu gelangen und die Ereignisse dort kulminieren zu lassen – das passt perfekt. Es ist natürlich auch eine Hommage an die Flur- und Treppenszenen aus der alten Serie. Wir wollten eine Brücke zu diesen Elementen schlagen. Hoffentlich werden die Fans davon begeistert sein.

"Daredevil: Born Again" Staffel 2 ist schon in Arbeit

FILMSTARTS: Was könnt ihr uns über die Zukunft der Serie verraten? Wie weit seid ihr mit Staffel 2?

Dario Scardapane: Wir beginnen in einer Woche mit den Dreharbeiten zu Staffel 2, und die Drehbücher sind so gut wie fertig. Was ich sagen kann, ist, dass Staffel 1 wirklich nur der erste Teil der Geschichte ist. Staffel 2 ist die Kehrseite. Ich kann nicht zu viel verraten, aber am Ende von Staffel 1 werden Karten auf den Tisch gelegt. Man sieht sehr deutlich, was in New York passiert, was mit Matt Murdock und Wilson Fisk geschieht. Von der ersten Folge der zweiten Staffel an werden diese Karten ausgespielt, und es wird ein wahnsinniges Spiel. Es ist ein Schachspiel. Es ist ein Krieg. Es ist ein Abstieg in das eigene Ich. Ich hoffe, dass wir am Ende von Teil 1 und Teil 2 an einem Punkt ankommen, der sowohl überraschend als auch unvermeidlich für beide Charaktere ist.

Was uns derweil Kingpin-Darsteller Vincent D’Onofrio zur Notwendigkeit des düsteren Tons von „Daredevil: Born Again“ zu sagen hatte, erfahrt ihr im folgenden Artikel:

"Daredevil: Born Again"-Star Vincent D'Onofrio verrät uns: Darum ist die Gewalt so wichtig für die Marvel-Serie

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