Clint Eastwood ist ein Multitalent: Er wurde durch markante Western-Helden und knallharte Polizisten zur Schauspiellegende, dann entwickelte er sich zum angesehenen Regisseur, der gelegentlich die Musik zu seinen Filmen schreibt! Bei der Wahl seiner Stoffe versuchte sich Eastwood an verschiedenen Genres, doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelte er ein Faible für wahre Geschichten über Männer, die außergewöhnlichen Situationen und ihnen feindlich gestimmten Organisationen trotzen.
Sein 2008 veröffentlichtes Drama „Der fremde Sohn“ ist eine Ausnahme: Auch dieser Film basiert auf wahren Begebenheiten, erneut geht es um eine Person, die von Institutionen drangsaliert wird, die sie eigentlich unterstützen müssten. Doch diese fesselnde, bewegende Geschichte dreht sich um eine alleinerziehende Mutter – intensiv gespielt von Angelina Jolie! „Der fremde Sohn“ ist heute, am 27. April 2025, ab 20.15 Uhr bei arte zu sehen und wird in der arte-Mediathek zur Verfügung gestellt. Wer mag, kann das Drama zudem bei Amazon Prime Video als VOD beziehen:
Darum geht es in "Der fremde Sohn"
Los Angeles, 1928: Christine Collins (Angelina Jolie) ist Abteilungsleiterin in einer Telefonvermittlung und alleinerziehende Mutter. Als eines Tages eine Kollegin ausfällt, sieht sie sich genötigt, ihren neunjährigen Sohn Walter unbeaufsichtigt allein zu lassen. Als Christine heimkehrt, ist ihr Kind spurlos verschwunden. Fünf Monate später: Die örtliche Polizei lässt sich unter Presserummel dafür feiern, dass sie Walter wiedergefunden und Christines Albtraum beendet hat.
Die besorgte, verängstigte Mutter spielt dieses Spiel jedoch nicht mit: Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass ihr ein fremdes Kind vor die Nase gesetzt wurde, damit die Polizei sich in einer Erfolgsgeschichte baden kann. Das bringt Christine erbarmungslosen Gegenwind ein: Sie wird als undankbar, lieblos und irre beschimpft. Zu ihren wenigen Unterstützern gehört der einfühlsame, polizeikritische Pfarrer Briegleb (John Malkovich)...
Ein wahrer Fall, dessen Unterlagen verbrannt werden sollten
Der Fall Walter Collins hat sich tatsächlich ereignet und erregte schon damals mediales Aufsehen. 1951 wurde die Geschichte, mit einigen kreativen Freiheiten, schon in einer Ausgabe der Radiohörspielreihe „Dragnet“ adaptiert. Später wurde dann Autor, „Babylon 5“-Schöpfer und Ex-Journalist J. Michael Straczynski durch eine seiner alten Quellen auf den Fall aufmerksam: Wie Straczynski gesteckt wurde, sollten in Los Angeles zahllose Archivdokumente verbrannt werden – darunter die Transkripte der Anhörungen im Fall Collins.
Straczynski wurde hellhörig und begann damit, intensiver in der Sache zu recherchieren – geschlagene 6.000 Seiten Recherchematerial später beschloss er, seine Lektionen aus ihnen zu ziehen und ihnen in einem Drehbuch gerecht zu werden. Letztendlich spielte Straczynskis Drehbuch in der Rezeption des Films aber nur eine untergeordnete Rolle.
Zwar erhielt er unter anderem eine BAFTA-Nominierung für das beste Original-Drehbuch, bei den Academy Awards hingegen wurde er nicht bedacht. Stattdessen gab es Oscar-Nominierungen für die unaufgeregte, bedachtsame Kameraarbeit, das minutiöse Szenenbild sowie für Jolies Leistung als Hauptdarstellerin.
Eine eindringliche Performance
Es war Jolies zweite Oscar-Nominierung – ihre einzige, seit sie für das 1999 gestartete Psycho-Drama „Durchgeknallt“ den Goldjungen als beste Nebendarstellerin gewann. Und obwohl der Verfasser dieses TV-Tipps zumeist großer Kritiker des Hollywood-Superstars ist, muss er festhalten: Die Würdigung für „Der fremde Sohn“ war vollauf verdient!
Normalerweise stehe ich mit fragenden Blicken daneben, wenn Kolleg*innen Jolie als starke Darstellerin bezeichnen. Viel zu oft kaufe ich ihr ihre Rollen nicht ab und erachte ihr Spiel als affektiert, wenn nicht gar desinteressiert. Aber es gibt sie, diese Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Die meines Erachtens sträflich unterschätzte Romantik-Tragikomödie „Leben und Lieben in L.A.“ zählt dazu – und halt „Der fremde Sohn“!
In diesem Thrillerdrama taucht Jolie komplett in der Rolle einer Mutter ab, die zwischen Angst um ihren Sohn, Wut auf die sie vorführende Polizei, und Panik ob der immer weiter eskalierenden Situation hin- und hergerissen ist. Wie Jolie das Gefühlschaos Christines zur Schau stellt, sowie ihre Bemühungen, widerständig zu bleiben, lässt Verletzlichkeit zu, würdigt mütterlichen Kampfeswillen auf glaubhafte Weise und geht unter die Haut.
Und falls ihr euch wieder Jolie im Actionmodus geben möchtet: Einer ihrer beliebtesten Blockbuster ist taufrisch im Prime-Abo angelangt!
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