Ich habe die Disney-Plus-Serie „Andor“ nun zwei Mal komplett gesehen – und viele einzelne Episoden sogar noch häufiger. Für mich nimmt diese Serie eine absolute Ausnahmestellung im „Star Wars“-Kanon ein.
Rein visuell ist aus der gesamten Saga vielleicht sogar nur Rian Johnsons „Star Wars 8: Die letzten Jedi“ besser. Hier übertrifft die Disney-Plus-Serie von Tony Gilroy auch dank größerer Möglichkeiten für mich sogar George Lucas' Originalfilme. In der Erzähldichte, den Themen, der Figurenvielfalt ist „Andor“ womöglich – auch dank des gegenüber den Kinofilmen größeren Raums – sogar unerreicht. Doch wir dürfen daraus nicht die falschen Schlüsse ziehen.
Immer und immer wieder höre ich aktuell Aussagen in Richtung: An „Andor“ wird sich jede künftige „Star Wars“-Produktion messen lassen müssen. Doch das ist für mich ein völlig falscher Gedanke, der zum Problem werden kann – und das auf vielfältige Weise. Lasst es mich genauer erklären.
Keine Serie bekommt mehr die Möglichkeiten von "Andor"
Nach Recherchen des Wirtschaftsmagazins Forbes haben Tony Gilroy und sein Team mindestens 645 Millionen Dollar für „Andor“ ausgegeben. Das umfasst sogar nur die Ausgaben, die bis Ende 2023 schon bei den britischen Behörden für Steuervergünstigungen geltend gemacht wurden. Man geht fest davon aus, dass 2024 noch weitere Belege eingereicht wurden, welche die Summe weiter nach oben treiben. Es wird am Ende auf jeden Fall eine absurd hohe Zahl, die nur der Verkettung einiger Umstände zu verdanken ist.
Selbst Serienmacher Tony Gilroy hat eingestanden, dass niemand mehr dieselben Möglichkeiten bekommen wird wie er. Die Bestellung der ersten Staffel erfolgte zu einer Zeit, als Disney auf dem Streamingmarkt groß angreifen wollte und man ihm fast einen Blankoscheck ausstellte.
Bei der zweiten Season sah das eigentlich anders aus. Hier war bei Disney längst ein Sparkurs angesagt. Gilroy thematisierte mehrfach, dass man deswegen nicht alle Ideen umsetzen konnte und Abstriche machen musste. Doch aus rein finanzieller Sicht hätte es vielleicht gar keine zweite Staffel geben dürfen – zumindest nicht für die rund 300 Millionen Dollar, die Forbes recherchiert hat. Gilroy verwies darauf, wie Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy für sein Projekt gekämpft hat – und eine zweite „Andor“-Staffel so als Prestigeprojekt möglich machte.
Die Industrie-Insiderin Katey Rich fasste es in ihrem Branchennewsletter The Ankler vielleicht perfekt zusammen: Man müsse „Gott danken, dass der Geldschlauch für Streaming-Inhalte – so kurzlebig er sich letztlich auch erwies – im exakt richtigen Moment auf ‚Andor‛ gerichtet war“.
"Andor" ist bislang kein Mega-Hit!
Denn wir müssen uns auch vor Augen führen, dass „Andor“ wahrscheinlich nicht der gigantische finanzielle Erfolg ist. Streamingzahlen sind größtenteils leider weiterhin eine Black Box, da alle Unternehmen nur das veröffentlichen, was sie kommunizieren wollen. Doch die erste Staffel der „Star Wars“-Serie erreichte laut unabhängiger Institute, denen wir vertrauen, kein so großes Publikum, wie es eigentlich für eine Produktion mit diesen Ausgaben nötig wäre.
Aktuell deutet viel darauf hin, dass sich das bei der zweiten Season etwas gebessert hat. Gerade im Verlauf der Ausstrahlung gingen die Zahlen, die zum Beispiel die Quotenmesser von Nielsen in den USA gemessen haben, nach oben. Wahrscheinlich hat sich herumgesprochen, dass man „Andor“ einfach schauen muss, wenn man sich nur ein klein wenig für „Star Wars“ interessiert.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Trotzdem muss man zum Beispiel festhalten, dass „Andor“ selbst in den Disney-Plus-Charts lange hinter der Mini-Serie „Good American Family“ lag. Laut Nielsen wurde auch zum Beispiel die Netflix-Serie „The Four Seasons“ in der bislang besten (!) Woche von „Andor“ allein in den USA von drei Mal so viel Menschen angeschaut wie die „Star Wars“-Geschichte.
Das führt uns noch einmal vor Augen, dass es aus rein finanzieller Sicht bislang vielleicht nicht unbedingt die allerbeste Entscheidung war, „Andor“ zu machen (wobei es natürlich auch langfristige Effekte gibt). Auch das meint Tony Gilroy, wenn er sich in Interviews teilweise dankbar und verwundert zeigt, dass man ihn sein Ding hat machen lassen – und wenn er klar sagt, dass es so eine Serie nicht mehr geben wird.
Die einzigartige Optik von "Andor"
Natürlich muss man mit viel Geld auch entsprechend etwas anfangen – und das ist dem „Andor“-Team herausragend gelungen. Als Tony Gilroy grünes Licht bekam, die Serie zu machen, war angeblich seine erste Forderung: Ich will den Produktionsdesigner von „Chernobyl“ – egal, was es kostet. Und der für die gefeierte HBO-Serie mit einem Emmy ausgezeichnete Luke Hull lieferte mit seinem Team ab – aber auch, weil er verrückte Dinge macht.
Die Sets von „Andor“ sind eine Sensation, weil Hull und sein Team sich nicht fragen: „Was ist möglich?“, sondern: „Was wollen wir und wie kriegen wir das hin?“ Und so haben sie für den nur drei Episoden und eine kurze Szene am Ende wichtigen Farmplaneten Mina-Rau halt auch einfach mal über Monate Getreide angebaut, damit das alles perfekt aussieht, statt nach bereits existierenden Feldern zu suchen.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Diese Freiheit wird so schnell niemand mehr bekommen, weil es in der heutigen Zeit und den Möglichkeiten der Computertechnik eigentlich Irrsinn ist, so an eine Serie heranzugehen. Es war eine absolute Ausnahme. Wenn wir also künftige „Star Wars“-Projekte in dieser Hinsicht mit „Andor“ vergleichen, können sie nur verlieren.
Wir wollen weiter Vielfalt bei "Star Wars"
Auch inhaltlich sollten wir nicht bei jedem „Star Wars“-Projekt künftig sofort Vergleiche mit „Andor“ anstellen. Hier will ich noch einmal auf Tony Gilroy verweisen, der gepriesen hat, wie vielfältig das „Star Wars“-Universum ist, und sich sogar noch mehr Vielfalt wünscht. Hier kann man wirklich alles erzählen – das kann ein politisches, komplexes Charakterdrama wie „Andor“ sein, das kann aber auch ein kurzweilig-spaßiges Action-Abenteuer werden (oder vielleicht irgendwann doch eine Horror-Story).
Es ist wichtig, dass auch die künftigen Filme und Serien für sich betrachtet werden. Natürlich darf und soll man dann kritisch hinterfragen, ob sie gut oder schlecht ausschauen, ob ihnen das, was sie machen wollen, gelingt oder nicht gelingt. Aber man sollte nicht sagen: „Bei ,Andor‘ war das aber besser ...“
Feiert "Andor", nehmt es aber nicht als Referenz
Daher ist mein Appell: Seid glücklich, dass so etwas wie „Andor“ bei „Star Wars“ passiert ist, weil all diese Umstände zusammenkamen. Feiert es! Schaut die Serie ein zweites Mal (man entdeckt noch einmal so viele Dinge und Zusammenhänge)! Schaut noch einmal „Rogue One“, der ohnehin schon herausragend war, aber mit der „Andor“-Vorarbeit noch einmal besser ist! Gebt vielleicht auch mal der Animationsserie „Star Wars Rebels“ eine Chance, die ganz anders als „Andor“ ist, aber gerade in den starken späteren Staffeln erwachsener wird und durch die parallel verlaufenden Ereignisse die Erzählung über die Entstehung der Rebellion wunderbar abrundet.
Aber, egal was ihr macht: Vergleicht nicht jedes kommende Projekt zwingend mit diesem Serien-Meisterwerk, sondern nehmt es für sich selbst kritisch unter die Lupe. Und lasst uns gemeinsam hoffen, dass noch viele „Star Wars“-Titel erscheinen, die vielleicht anders als „Andor“ sind, aber ihre eigenen Stärken haben und auf ihre eigene Weise zu begeistern wissen! Denn „Andor“ ist ein Geschenk – aber kein Maßstab.
Wenn euch noch interessiert, warum Tony Gilroy in der zweiten Staffel auf bestimmte Figuren verzichtet hat, haben wir den folgenden Artikel für euch:
"Alles, was ich tun würde, wäre, diesen Moment zu schmälern": Darum fehlt ein Fan-Liebling in der 2. Staffel "Star Wars: Andor"