Kurz nach dem Release der zweiten Staffel von „Squid Game“ Ende 2024 machten einige Bilder im Internet die Runde, die verlassene Häuser zeigten, deren Inneres Erinnerungen an den Look der Squid-Game-Spielstätten weckte. Haben ähnliche Wettkämpfe also tatsächlich mal in Südkorea stattgefunden und der Serie als Vorlage gedient? Das muss klar verneint werden, stellten sich die vermeintlichen Fotos doch schnell als KI-Spielereien heraus.
Dennoch hält sich die Annahme hartnäckig, dass „Squid Game“ von schockierenden wahren Ereignissen inspiriert ist, allen voran den menschenunwürdigen Zuständen im sogenannten Brothers-Home-Internierungslager im koreanischen Busan. Und besieht man sich die grausame Geschichte dieses Ortes, leuchten die Vergleiche durchaus ein...
Das war das Brothers Home in Südkorea
Während der faschistoiden Amtszeit des Präsidenten Park Chung-hee wurde im Südkorea der 1960er Jahre eine Politik vorangetrieben, bei der arme Teile der Bevölkerung und sogenannte Herumtreiber als Schandfleck für die Städte betrachtet wurden. Im Zuge dessen wurden nicht nur entsprechende Gesetze erlassen, sondern auch eigens „Haftanstalten für Landstreicher“ gebaut, mithilfe derer man die Straßen von Obdachlosen, Suchtkranken, Menschen mit Behinderungen oder Kriminellen „säubern“ wollte.
Dabei wurde die Definition für diese „Herumtreiber“ teilweise aber so weit gefasst, dass oft auch sehr willkürlich Menschen mitgenommen wurden, die sich länger auf offener Straße aufhielten, darunter auch verlassene oder mitunter gar nur vorübergehend unbeaufsichtigte Kinder.
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Das in der Großstadt Busan errichtete Brothers Home – noch beschönigender auch als Hyeongje-Wohlfahrtsheim bezeichnet – war das größte dieser Internierungslager in Südkorea, das von lokalen Medien bisweilen gar als „Auschwitz Koreas“ bezeichnet wurde. In der Zeit von 1975 bis zur endgültigen Schließung im Jahr 1987 sollen hier schätzungsweise rund 40.000 Leute eingesperrt worden sein, die sich Zwangsarbeit, Folter, Missbrauch und psychischer Gewalt ausgesetzt sahen. Von diesen sollen späteren Ermittlungen zufolge im besagten Zeitraum mindestens 657 Menschen ums Leben gekommen sein.
Laut Schilderungen von Insassen selbst sollen diese dabei Kleidung getragen haben, die ein wenig an die Trainingsanzüge der Spieler und Spielerinnen aus „Squid Game“ erinnert. Und angeblich bekamen die Häftlinge ebenfalls Nummern zugeteilt, die ihre richtigen Namen ersetzten. Die perfiden Foltermethoden wurden in den Berichten zudem mitunter gar als brutale Spiele bezeichnet, bei denen sich die Häftlinge bisweilen auch untereinander Leid zufügen sollten.
Massenentlassungen statt Brothers Home als Inspiration für "Squid Game"
Ob die letzteren Details wirklich stimmen, ist unklar. Die Vergleiche mit „Squid Game“ haben sie aber erst recht befeuert. Allerdings hat Regisseur und Autor Hwang Dong-hyuk bestritten, dass das Brothers-Home-Lager als Inspirationsquelle für seinen Serien-Hit diente.
Stattdessen erklärte der „Squid Game“-Schöpfer, dass unter anderem die aufsehenerregenden Massenentlassungen beim koreanischen Autobauer Ssangyong im Jahr 2009 ein Ideengeber für die Handlung waren. Damals wurden etwa 40 Prozent der Angestellten entlassen, woraufhin 30 der ehemaligen Mitarbeitenden Selbstmord begangen haben sollen. Laut Hwang Dong-hyuk wären solch verzweifelte Menschen auch dazu bereit, ihr Leben bei einem gefährlichen Wettbewerb wie in „Squid Game“ aufs Spiel zu setzen, um ihre Existenzgrundlage zurückzugewinnen.
Ein direkter Verweis auf das damalige Ereignis hat sogar den Weg in die Serie gefunden, haben wir in Staffel 1 doch erfahren, dass Protagonist Seong Gi-hun (Lee Jung-jae) lange Zeit bei einer Firma namens Dragon Motors arbeitete, bis er – zusammen mit vielen anderen – entlassen wurde. Der Firmenname dürfte dabei eine Anspielung auf den Konzern Ssangyong sein, dessen Name übersetzt so viel wie „Zwillingsdrache“ bedeutet.
So oder so hat Hwang Dong-hyuk mit „Squid Game“ eine schonungslose Abrechnung mit dem Kapitalismus und den darauf bisweilen fußenden (a)moralischen Auswüchsen (nicht nur) in der koreanischen Gesellschaft geschaffen. Und apropos Hwang Dong-hyuk: Das Mastermind hinter „Squid Game“ hat sich in der finalen Staffel auch in der Serie selbst verewigt. In welcher Form und an welcher Stelle, erfahrt ihr im folgenden Artikel:
Versteckter Cameo in "Squid Game" Staffel 3: Hier hat sich der Macher des Netflix-Hits selbst verewigt