"Wenn der gut genug für Christopher Nolan ist, dann ist er auch gut genug für mich": FILMSTARTS-Interview mit Fatih Akin zum Kinostart von "Amrum"
Pascal Reis
Pascal Reis
-Redakteur
Pascal liebt das Kino von „Vertigo“ bis „Daniel, der Zauberer“. Allergisch reagiert er allerdings auf Jump Scares, Popcornraschler und den Irrglauben, „Joker“ wäre gelungen.

Am 9. Oktober startet mit „Amrum“ der neue Film von „Der goldene Handschuh“-Macher Fatih Akin in den Kinos. Zu diesem Anlass hatte FILMSTARTS-Redakteur Pascal Reis die Möglichkeit, ein Interview mit dem Filmemacher zu führen.

Eigentlich war Fatih Akin bei „Amrum“ zunächst nur als Produzent vorgesehen. Die Regie sollte ursprünglich sein langjähriger Freund und Mentor Hark Bohm übernehmen, der mit dem Film seine eigene Kindheit auf die Leinwand bringen wollte. Doch dann sah sich Bohm schließlich nicht mehr in der Lage, die Inszenierung selbst zu übernehmen – und so trat Akin an seine Stelle und nahm auf dem Regiestuhl Platz. Entstanden ist daraus „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“, wie es zu Beginn des Films treffend heißt.

Anlässlich des Kinostarts von „Amrum“ am 9. Oktober 2023 hatte FILMSTARTS-Redakteur Pascal Reis die Gelegenheit, ein Interview mit Fatih Akin zu führen. Darin gewährt der Macher von „Gegen die Wand“ und „Der goldene Handschuh“ nicht nur spannende Einblicke in die Entstehung des Films, sondern erzählt auch, wie es dazu kam, dass Matthias Schweighöfer in einem Mini-Cameo in seinem Werk auftaucht…

Amrum
Amrum
Starttermin 9. Oktober 2025 | 1 Std. 33 Min.
Von Fatih Akın
Mit Jasper Billerbeck, Laura Tonke, Diane Kruger
User-Wertung
3,6
Filmstarts
3,5
Vorführungen (36)

Wie fühlt man sich in den Film einer anderen Person hinein?

FILMSTARTS: Wie arbeitet man an einem Film, der so explizit von den Erinnerungen einer anderen Person lebt?

Fatih Akin: Das ist ja eine komplexe Aufgabe. Es gab natürlich ein Drehbuch und ich bin da ganz professionell herangegangen: Was steht da drin, was wird verlangt, wovon handelt die Szene, wie filme ich das Ganze, wo positioniere ich die Kamera, was tun die Schauspieler?

Im Falle von „Amrum“ gab es eine Fassung von Hark Bohm, der Film basiert ja auf seinen biografischen Erinnerungen. Er hatte dieses lange, episodenhafte Drehbuch und ich habe es dann zusammengestampft. Die Episode mit dem Brot war nur eine Episode aus dem Buch. Irgendwann habe ich es dann gemacht wie Sidney Lumet und geschaut, was das Drehbuch von mir verlangt. Es war nicht so, dass ich mich gefragt habe: „Wie fühle ich mich jetzt in Hark hinein?“

FILMSTARTS: Kann es nicht viel schwieriger sein, wenn man jemandem so nahe steht und einen Film für ihn macht?

Fatih Akin: Man darf nicht vergessen, hier sind zwei Filmemacher aufeinandergestoßen. Zwei stahlharte Profis. Es war meine Idee, dass er den Film macht. Ich wollte ihn nur produzieren. Er hat mir von seiner Kindheit erzählt und ich hab ihm gesagt: „Mann, mach das! Alle machen gerade Filme über ihre Kindheit.“ Das hat ihn dann überzeugt und er hat das Drehbuch von über 200 Seiten geschrieben. Mit der Hand. Seine Frau hat es dann abgetippt auf Word und wir haben es dann in den Final Draft übersetzt.

Dann habe ich zu Hark gesagt, dass wir einen Rewrite brauchen und ihn gefragt, ob ich ihn nicht einfach machen könnte. Und er meinte nur: „Ja, okay.“ Und dann fing ich an, sehr redaktionell an das Drehbuch heranzugehen. Wie kann ich aus all dem Stoff einen 90-minütigen Film machen? Für ihn war das befremdlich. Klar, er ist ja auch Drehbuchprofessor. Der Bertolucci in ihm war dann vielleicht irgendwie gekränkt, aber er hat sich nie irgendwie mir gegenüber gekränkt verhalten.

Und ich sage dir: Jeder Film ist ein Wunder. Dass ein Film gemacht wird, ist viel seltener der Fall, als dass er nicht gemacht wird. Und dieser Film wollte gemacht werden. Es war nicht Hark, es war nicht ich, es war der Film!

Jesper Billerbeck in Warner Bros.
Jesper Billerbeck in "Amrum".

FILMSTARTS: In einem Interview hast du mal gesagt, dass du entweder einen Wie-Film oder einen Was-Film drehst. Auf „Amrum“ bezogen: Ist das dein erster Wie- und Was-Film geworden? [Anm. d. Red.: Ein Wie-Film ist stark auf die Inszenierung ausgelegt, was Was-Film auf den Inhalt].

Fatih Akin: Es begann als Wie und wurde zu einem Was.

FILMSTARTS: Ist das ein Novum in deiner Karriere? Zum Beispiel ist „Der goldene Handschuh“ ein ganz klarer Wie-Film, „Gegen die Wand“ ein ganz klarer Was-Film.

Fatih Akin: Ja, da hast du Recht. Ich glaube, jeder Film braucht immer etwas Was.

FILMSTARTS: Und manchmal ist das Wie auch das Was.

So wurde "Amrum" zu einem Fatih-Akin-Film

Fatih Akin: Natürlich! Vollkommen richtig! So bin ich an „Amrum“ herangegangen. Ich wollte den Film ja eigentlich gar nicht machen und bin dann nicht mehr aus der Nummer herausgekommen (lacht). Bis zwei Wochen vor Dreh habe ich mich immer gefragt: „Wie muss ich es machen, damit es Hark gefällt?“ Ich habe sein Werk studiert, Einstellung für Einstellung. Und irgendwann wurde mir klar, dass das Quatsch ist. Ich muss den Film so machen, wie er mir gefällt.

Die Herausforderung war, herauszufinden, wie ich den Film nun angehen muss, damit er mir gefällt. Wie ich die Kamera positionieren oder die Schauspieler inszenieren muss. Und im Schnitt habe ich dann gemerkt, dass ich einen Weg gefunden hatte.

FILMSTARTS: Da hast du gemerkt, dass „Amrum“ dein Film ist.

Fatih Akin: Genau. Ich habe parallel zum Schnitt von „Amrum“ ein Drehbuch geschrieben. Und ich war zunächst nicht unglücklich mit dem Ergebnis. Es hat großen Spaß gemacht, den Film zu drehen. Es war eine Herausforderung, es war wie Sport. Extremsport. Rein ins Wasser, Arbeit mit Tieren und Kindern, die ganze Zeit draußen in der Sonne oder im Regen.… Ich war noch nie so gesund wie während der Dreharbeiten zu „Amrum“ (lacht).

Aber ich hatte die Befürchtung, dass mir das Ergebnis nicht gefallen wird. Ich habe mir dann einen Wecker gestellt und habe von 7 Uhr bis 10 Uhr an dem neuen Drehbuch geschrieben und bin dann von 11 Uhr bis abends im Schnitt von „Amrum“. Ich hatte immer das Gefühl, dass das, was ich da schneide, naja... Aber das, was ich da schreibe, wird das nächste dicke Ding! Aber irgendwann drehte sich das Ganze: Der Film auf dem Schneidetisch wurde immer besser und das, was ich schreibe, habe ich irgendwie alles schon einmal gemacht. Am Ende vom „Amrum“-Schnitt habe ich mich dazu entschieden, das Drehbuch nicht mehr zu verfilmen.

Matthias Schweighöfer in Warner Bros.
Matthias Schweighöfer in "Amrum".

FILMSTARTS: Wie war die Zusammenarbeit mit Kameramann Karl Walter Lindenlaub, der ja unter anderem bei „Independence Day“ für die Kamera zuständig war?

Fatih Akin: Ganz toll. „Rheingold“ war der letzte Film, den Rainer Klausmann und ich zusammen gemacht haben. Ich hatte eigentlich schon jemandem anderen im Kopf, aber Hark wollte, dass ich es mit Lindenlaub mache. Als Hark den Film machen wollte, hatte er Lindenlaub nämlich schon an Bord. Es gab auch mal eine Phase, da sah es so als, als würden Hark und ich den Film zusammen drehen. Er hat dabei auf zwei Leute bestanden: die Kostümbildnerin, Birgit Missal, und Karl Walter Lindenlaub, weil der auch Lehrer bei ihm an der Schule war.

Dann war Hark auf einmal weg und Lindenlaub und ich waren allein. (lacht). Er lebt in Amerika und ich hatte die Befürchtung, dass die Entfernung ein Problem werden könnte. Ich wollte es kleiner und bescheiden drehen. Doch ich muss sagen: Ich hab wahnsinnig viel von Lindenlaub gelernt, vor allem über Licht. Er ist ein Freund von mir geworden und es war nicht der letzte Film, den ich mit Lindenlaub gemacht habe.

Wie bekommt man Matthias Schweighöfer für einen Mini-Cameo?

FILMSTARTS: Wie schafft man es, dass Matthias Schweighöfer für 30 Sekunden vorbeischaut?

Fatih Akin (lacht). Also erst mal: Seine Rolle war größer, aber das ist alles auf dem Schneidetisch gelandet. Matthias und ich wollten schon immer miteinander arbeiten. Ich habe die romantische Vorstellung, dass ich mit Matthias das gleiche machen könnte wie die Safdie Brothers mit Adam Sandler bei „Der schwarze Diamant“. Der war ja auch ein Clown vorher und dann taucht der in dem heftigsten Autoren-Thriller überhaupt auf.

FILMSTARTS: Oh ja, einer der besten Filme der letzten Jahre.

Fatih Akin: So ein grandioser Film. Der steht in der Tradition von dem Film auf deinem Shirt.

FILMSTARTS: „Training Day“. Ein Stressfilm.

Fatih Akin: Voll. Und das würde ich gerne mal mit Matthias ausprobieren. Weil Komiker oft ein gutes Timing haben, auch bei ernsten Stoffen. Bei „Amrum“ brauchte ich einen Cameo und weil die Figur ja so ein bisschen bigger than life ist, habe ich mich gefragt, wen es in dem Alter denn so gibt. „Schweighöfer?“. Wenn der gut genug für Christopher Nolan ist, dann ist er auch gut genug für mich (lacht).

FILMSTARTS: Dann hast du angefragt und er hat sofort zugestimmt?

Fatih Akin: Genau. Und es war auch nicht das letzte Mal, dass ich mit ihm zusammenarbeite.

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