"In Wirklichkeit sind wir alle beim Geheimdienst": Das FILMSTARTS-Interview mit "Call My Agent: Berlin"-Macher Johann Buchholz
Chantal Neumann
Chantal Neumann
-Redakteurin
Chantal liebt das große Kino genauso wie das Binge-Watching auf dem heimischen Sofa – Hauptsache der Film oder die Serie ist gut.

Seit dem 12. September 2025 können wir nun die neue Disney+-Serie „Call My Agent: Berlin“ streamen. Wie sie entstanden ist, hat Johann Buchholz, Showrunner, Headautor, Produzent und Regisseur der Serie FILMSTARTS-Redakteurin Chantal Neumann verraten.

Einmal Mäuschen spielen und einen Blick hinter die Kulissen der Filmbranche werfen – genau das ist das Konzept des französischen Hits „Call My Agent!“. Von 2015 bis 2020 lief die Serie in Frankreich und versammelte Stars wie Juliette Binoche, Monica Bellucci und Jean Reno vor der Kamera – die sich übrigens alle selbst spielen. Sie alle sind Klient*innen einer fiktiven Schauspielagentur, in der die Agentinnen und Agenten wirklich alles für ihre Schützlinge tun, egal wie chaotisch oder absurd die Situationen werden.

Mit „Call My Agent: Berlin“ gibt es nun seit dem 12. September 2025 endlich auch eine deutsche Version. Wir haben den Showrunner, Headautor, Produzenten und Regisseur Johann Buchholz in Berlin getroffen, um mit ihm über die Entstehung und die Besonderheiten der deutschen Adaption zu sprechen. Im Interview mit FILMSTARTS-Redakteurin Chantal Neumann sprach Buchholz über die Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Produktion, die enge Zusammenarbeit mit Disney+ und die Dreharbeiten mit den deutschen Stars.

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"Call My Agent: Berlin"-Macher Johann Buchholz im Gespräch mit FILMSTARTS-Redakteurin Chantal Neumann

FILMSTARTS: Wie bist du zu „Call My Agent: Berlin“ gekommen?

Johann Buchholz: Vor knapp 10 Jahren habe ich die französische Serie „Dix Pour Cent“ („Call My Agent!“) gesehen und dachte: „Dieses Serienkonzept einer Schauspielagentur, die in die Krise gerät, und deren Klienten von echten berühmten Schauspielern gespielt werden, das ist wirklich sehr, sehr gut“. Als ich dann an der Joyn-Serie „jerks.“ gearbeitet habe, in der Schauspieler auch sich selbst spielten und sah, dass auch deutsche Schauspieler sich selbstironisch spielen können, habe ich beschlossen, es zu probieren. Wir haben sehr lange für die Rechte gekämpft – wirklich sehr gekämpft. Die Franzosen passen sehr auf, wer ihr Originalformat neu aufsetzt, um die Marke „Call My Agent!“ zu schützen. Es war uns wichtig, die Serie groß aufzusetzen. Mit echten berühmten Kinostars als Klienten der Agentur. Aber um das hinzubekommen, brauchten wir einen großen Partner. Einen sehr großen Partner. Und dann kam Disney und wir konnten die Serie so gestalten, wie wir es uns erträumt hatten.

FILMSTARTS: Gab es von Disney Vorgaben, oder hattet ihr freie Hand?

Johann Buchholz: Wir hatten schon viele Ideen, wie wir es machen wollten, als wir Disney das Projekt präsentiert haben. Und haben auch mit anderen Streamern und Sendern gesprochen. Aber wer unsere Vision der Serie direkt verstanden und unterstützt hat, das war dann Disney. Unsere amerikanischen Freunde in München.

FILMSTARTS: Wie geht man an die Aufgabe heran, eine erfolgreiche Serie aus einem anderen Land für den deutschen Markt zu adaptieren?

Johann Buchholz: Die Serie war von 2015. Das ist schon mal eine andere Zeit. Da hat man Vieles noch anders erzählt. Ein homosexueller Mann wurde in der Originalserie etwas klischeehaft gezeigt, wie jemand, der beim Gehen seine Arme immer übertrieben hin und herwirft. So inszenieren wir nicht mehr.

Dann war uns sehr wichtig, dass wir nicht einfach nur nachspielen. Die Deutschen sind einfach anders als die Franzosen. Es gibt Sachen, die man deutschen Schauspielern nicht so abnimmt, wie französischen Schauspielern. Die Franzosen haben Sophie Marceau und lieben sie. Die ganze Welt liebt sie. Wenn die mitspielt, dann mögen sie alle. Der Deutsche liebt seine Stars nicht genauso wie der Franzose, einheimische Stars werden hier etwas kleiner gemacht, man nennt sie eigentlich auch nicht Stars, sondern prominente Schauspieler, da fängt es schon an. Das heißt, wir mussten frei sein, es anders zu erzählen. Das haben wir auch gemacht. Allein schon, weil Frankreich und Deutschland so verschieden sind: Paris ist glamouröser als Berlin. Während Berlin so glamourös wie eine Currywurst ist, ist Paris das Acht-Gänge-Menü in einem Schlosssaal. Wir behaupten aber einfach, dass Berlin genauso glamourös ist wie Paris, dass prominente Schauspieler auch hier geliebte Stars sind und dass Schauspielagenten in wunderschönen Agenturen arbeiten und die besten Manipulatoren der Welt sind. Und vielleicht wird es dann eines Tages zur Wahrheit.

 Die Belegschaft der Agentur Stern in der neuen deutschen Disney+-Serie „Call My Agent: Berlin“ The Walt Disney Company
Die Belegschaft der Agentur Stern in der neuen deutschen Disney+-Serie „Call My Agent: Berlin“

FILMSTARTS: Gab es Momente, in denen du dich ganz bewusst vom Original entfernt hast?

Johann Buchholz: Es gibt so einen französischen Humor. Da machen Schauspieler Dinge, die möchte man deutsche Schauspieler nicht machen sehen. Wenn ein französischer Schauspieler wie Dany Boon („Willkommen bei den Sch’tis“) einen Witz macht, und wir lassen das dann von einem deutschen Schauspieler, vielleicht Heiner Lauterbach, nachspielen, wird man vielleicht sagen: „Nö, das ist nicht witzig.“ Man verzeiht Franzosen gewisse Witze – wie auch Amerikanern und allen Ländern. Es ist doch ganz oft so, dass wir lieber ein ausländisches Format sehen als ein deutsches. Das heißt, man muss aufpassen.

FILMSTARTS: Stand vor dem Drehbuch schon fest, welche deutschen Stars dabei sein werden? Oder habt ihr erst geschrieben und dann die Rollen mit Schauspieler*innen besetzt?

Johann Buchholz: Wir hatten eine Liste, und die haben wir folgendermaßen gefertigt: Wir haben nachgedacht, welche Schauspieler kennen wir, mögen wir, und denken, sie sind berühmt. Dann haben wir Fotos von denen ausgedruckt und sie unserer Buchhalterin gezeigt. Und wenn sie wusste, wer die Person ist und wie sie heißt, dann haben wir gesagt, ist sie richtig für diese Serie. Es mussten einige dabei sein, die kennt der deutsche Zuschauer aus dem Fernsehen, aus dem Film und aus der Illustrierten für die Menschen, die noch Illustrierte zuhause haben.

FILMSTARTS: In Serien oder Filmen, in denen Stars sich selbst spielen, sind die Rollen oft stark überzeichnet. Bei „Call My Agent: Berlin“ wirken die meisten Stars dagegen recht bodenständig. Gab es auch Überlegungen, die Selbstinszenierungen noch drastischer zu gestalten?

Johann Buchholz: Die Schauspieler haben darum gebeten. Viele von ihnen wollten noch schlechter wegkommen. Sie wollten, dass wir es noch mehr übertreiben. Ich hatte eine erste Folge geschrieben. Die Schauspielerin wollte es dann aber nicht machen und ich habe es umgeschrieben. Und dann haben wir Moritz Bleibtreu angesprochen. Und der sagte, er mag das Format und findet es auch lustig, sich selbst zu spielen und sich nicht zu ernst zu nehmen, aber „Da muss doch noch mehr drin sein“. Das heißt, da musste ich nachschreiben und nachschreiben. Und es wurde auch besser. Und so war es meistens. Die Schauspieler bekamen ein Drehbuch und hatten dann ihre Wünsche. Iris Berben hatte ich erst beschrieben als die Grande Dame des deutschen Kinos – so mit Designerkostüm und alles war ein bisschen erhaben. Und Iris Berben sagte, sie würde das wirklich lieber etwas anders spielen. Das ist ein langweiliges Image, was man da von ihr hat. Und jetzt wirkt sie ein ganz bisschen verstrahlt. Ganz zwischendurch guckt sie kurz ihre Agentin an und sagt: „Weißt du, neulich war ich in einem Regenbogen schwimmen.“ Und das lässt man Stars einfach so durchgehen in der Serie. Sie wollte halt so ein bisschen anders herüberkommen.

Die Beziehung zwischen Star und Agent

FILMSTARTS: Konntest du auch eigene Erfahrungen aus der Branche ins Drehbuch einfließen lassen?

Johann Buchholz: Das Lustige ist ja, dass man im Filmbusiness denkt, man arbeitet als Regisseur oder Drehbuchautor. In Wirklichkeit sind wir alle beim Geheimdienst. Wir dürfen überhaupt nichts erzählen über die Kollegen. Man sieht oft Szenen zwischen Agenten und ihren Schauspielern. Manchmal ist da wirklich eine Wichtigkeit. Dann dreht sich der Star zum Agenten und fragt ihn – so als ob der Star ein Kind wäre und seinen Vater fragt: „Ist das wirklich eine gute Idee oder nicht?“ Da gibt es etwas Rührendes. Und Agenten erzählen, dass es natürlich nicht nur Fiktion ist, dass sie morgens um eins einen Anruf bekommen.

FILMSTARTS: Die französische Originalserie hat vier Staffeln. Wie sieht es bei „Call My Agent: Berlin“ aus – sind schon Fortsetzungen geplant?

Johann Buchholz: Die tollen Autoren, mit denen ich arbeite, und ich, wir haben noch ganz viele Ideen. Wir haben noch ganz viele berühmte Schauspieler, die auf jeden Fall noch dran kommen müssen. Ich glaube, Daniel Brühl und Karoline Herfurth wollen unbedingt noch mal vorkommen. Und wahrscheinlich würde auch Matthias Schweighöfer kurz mal Hollywood vergessen, um nochmal mit zu machen. Wir haben noch ganz viele Geschichten zu erzählen.

FILMSTARTS: Dann hoffen wir, dass wir uns da bald auf mehr freuen können.

Johann Buchholz: Dankeschön.

Übrigens: Wir haben auch mit den Stars der Serie, Moritz Bleibtreu und Lucas Gregorowicz, über „Call My Agent: Berlin“ gesprochen. Das ganze Interview findet ihr hier:

"Da kann Christopher Nolan mir an die Füße fassen": Wir sprechen mit Moritz Bleibtreu & Lucas Gregorowicz über "Call My Agent: Berlin"

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