Dieses oscargekrönte Meisterwerk lässt euch den Atem stocken: Intensive Emotionen heute ohne Werbung im TV!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Schauspielleistungen, die durch Mark und Bein gehen, und eine fein beobachtete, unaufgeregt erzählte Geschichte voller Tragik, pointiert eingesetztem, trockenem Humor sowie bewegender Menschlichkeit: „Manchester By The Sea“ ist einfach meisterhaft!

Der Sommer ist vorbei, die Tage werden kürzer und grauer – und die Programmredaktion von arte markiert dies perfekt mit „Manchester By The Sea“. Denn der Film gleicht einem Tag in einem beschaulichen, nordischen Hafenort bei sprödem Wetter: Die Leute sind wortkarg, aber man mag sie. Es ist klamm, die raren Sonnenstrahlen wärmen kaum, und dennoch wirkt all das weitaus weniger deprimierend, als man beim ersten Anblick fürchten mag – es bleibt sogar ein Hauch erfrischend-authentischer Hoffnung zurück.

Dabei gilt es zwischendurch, harsche Böen zu verkraften: Das von „Gangs Of New York“-Drehbuchautor Kenneth Lonergan inszenierte, mit zwei Oscars prämierte Drama raubt mit tragischen Momenten und aufwühlenden Darbietungen wiederholt den Atem, ohne dadurch seine unaufgeregt-spröde Grundstimmung zu verraten. Heute, am 24. September 2025, läuft „Manchester By The Sea“ ab 20.15 Uhr auf arte. Zudem ist das meisterhafte Drama in der arte-Mediathek und via Amazon Prime Video abrufbar:

Darum geht es in "Manchester By The Sea"

Nach dem Tod seines Bruders kehrt der in sich gekehrte Hausmeister Lee Chandler (Casey Affleck) in seine Heimatstadt Manchester-by-the-Sea zurück. Das Küstenstädtchen nördlich von Boston wird gemeinhin als malerisch beschrieben, doch für den Einzelgänger ist es ein trostloser, rauer Ort, der ihn an Zeiten erinnert, die er aus seinem Gedächtnis zu verbannen versucht.

Noch dazu hat Lees verstorbener Bruder den traumatisierten Knurrhahn testamentarisch als Vormund für Patrick (Lucas Hedges) bestimmt – Lees 16-jährigen Neffen. Der unverhofft in die Rolle eines Erziehungsberechtigten gestolperte Lee ringt mit seiner neuen Verantwortung und damit, was sie für ihn bedeutet. Zudem fällt es ihm schwer, sich wieder an diesen Ort zu gewöhnen, an dem er wiederholt seiner Ex-Frau Randi (Michelle Williams) begegnet...

Herb, kühl, spröde...

Bei der 89. Verleihung der Academy Awards gewann „Manchester By The Sea“ zwei Oscars: Autor/Regisseur Lonergan wurde mit dem Preis für das beste Originaldrehbuch geehrt, Casey Affleck erhielt die Trophäe für den besten Hauptdarsteller. Weitere Nominierungen gab es für Michelle Williams („Beste Nebendarstellerin“), Lucas Hedges („Bester Nebendarsteller“) sowie in den Sparten „Beste Regie“ und „Bester Film“.

Diese Würdigungen genügen nicht, um den intensiven Gefühlen gerecht zu werden, die dieses herbe Drama mit seiner unaufgeregten, wie aus dem Leben gegriffenen Art provoziert! Denn das von FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen mit der Höchstbewertung ausgezeichnete, erschütternde Familienporträt über tiefe Furchen verursachenden Kummer und still signalisierte, sanft-heilende Zuneigung ist nie effekthascherisch.

Und dennoch ist es schonungslos darin, wie es Selbsthass und Schuldzuweisung schildert: Im Zuge feinfühlig aufbereiteter Rückblenden offenbart Lonergan nach und nach Lees früheres Leben. Er war kein völlig anderer Mensch, doch es ist unübersehbar, dass ein Licht in ihm erloschen ist und durch eine ihn belastende Dunkelheit ersetzt wurde.

...doch auch berührend, schön und von zarter Hoffnung

Sukzessive entfaltet sich „Manchester By The Sea“ als das ruhige, spröde und in pointierten Momenten trocken-schwarzkomische Drama, das auf eine unaussprechliche Tragödie folgt: Hedges gibt Lees Neffen als überraschend komplexe, widersprüchliche Persönlichkeit, die ihren Onkel fordert, triezt, erduldet und fördert. Er erlaubt, ganz beiläufig die paradoxerweise ebenso bereichernde wie banale Komik des Alltags einzufangen, die zeigt, dass das Leben selbst nach den bedrückendsten Tiefpunkten lebenswert ist.

Afflecks Darbietung eines sich selbst verachtenden Mannes, der sich keinerlei Glück erlauben möchte, geht derweil an die Nieren: Es schmerzt, ihn leiden und sich gegen Heilung wehren zu sehen. Ähnlich emotional aufgeladen sind die seltenen, ausnahmslos sensationellen Sequenzen mit Michelle Williams als Lees Ex-Frau, die sich eine neue Existenz aufgebaut hat, der aber anzusehen ist, welch schweren Kampf sie hinter sich hat.

Eine Lees Vorgeschichte in ihrer tragischen Bandbreite enthüllende Rückblende und eine völlig unprätentiöse, lebensnahe Aussprache zwischen Lee und Randi gehören sogar zu den berührendsten, aufwühlendsten Szenen, die das englischsprachige Kino in den vergangenen zehn Jahren hervorgebracht hat. Dass bei aller Tragik sämtliche Figuren sympathisch bleiben, ist ein Testament für Lonergans Fähigkeit, von Schmerzen zu erzählen, ohne ihnen zu erlauben, die Menschen zu überschatten, um die es wirklich geht: Dieses Drama zeigt, wie rau das menschliche Dasein mitunter ist, und dass längst nicht alle Wunden verheilen – aber dass auch Verwundete wohltuenden Rückenwind nicht bloß verdienen, sondern letztlich auch erhalten.

Kenneth Lonergan beweist zudem, dass man Filmschaffende nie nach ihren frühen Flops beurteilen sollte. Denn vor „Manchester By The Sea“ verantwortete er unter anderem die folgende Kuriosität:

In diesem fast vergessenen Mega-Flop teilt sich Robert De Niro das Rampenlicht mit einem Eichhörnchen!

*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren