In den 1950ern ereignete sich in Neuseeland ein spektakulärer Mordfall: Die 15- und 16-jährigen Mädchen Pauline Parker und Juliet Hulme, die eine symbiotische, fast krankhafte Freundschaft führten, ermordeten Paulines Mutter Honora mit dem Gedanken, dann endlich vereint sein zu können.
Klingt verrückt? War es auch. Die beiden standen sich in ihrer Freundschaft so nahe, dass sie eine gemeinsame Fantasiewelt erschufen, die „Fourth World”. Darin verloren sie sich immer weiter und damit auch den Sinn für die Realität – bis diese sie nach ihrer schrecklichen Tat einholen sollte. Da Pauline alles in ihrem Tagebuch festgehalten hatte, waren sie schnell überführt und wurden des Todes angeklagt. Da beide noch minderjährig waren, entgingen sie der Todesstrafe und verbrachten fünf bzw. acht Jahre im Gefängnis – und kamen später wieder frei mit der Auflage, sich nie wieder sehen zu dürfen.
Thelma und Louise mit einer Prise "Psycho"
Das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht werden, sollte man meinen … und ziemlich gute sogar noch dazu. Der Neuseeländer Peter Jackson nahm sich der Story an, lange bevor er mit „Herr der Ringe” Weltruhm erlangen sollte – und besetzte Kate Winslet erstmals in einer Spielfilmrolle als Juliet, die Rolle der Pauline übernahm Melanie Lynskey, die uns später als Rose aus „Two and a Half Man” in Erinnerung blieb.
Ihr habt aktuell sogar zwei Möglichkeiten, den Film im Stream zu sehen: Zum einen bei filmfriend, das ihr nutzen könnt, sofern ih ihr in Besitz eines Bibliotheksausweises seid. Zum anderen gibt es ihn bei Amazon Prime Video im Rahmen eines Prime-Abos ebenfalls kostenfrei zu sehen:
Märchenstund hat Blut im Mund
Peter Jackson inszeniert nun die Geschichte von Pauline und Juliet nicht in nüchternem True-Crime-Stil, sondern aus ihrer Perspektive. Es ist nicht die Geschichte eines Mordes, die hier erzählt wird, sondern die einer Teenie-Freundschaft: Zwischen Gegacker, noch kindlichen Spielen, dem Verehren von Stars und Jungs bis hin zu sexuellem Erwachen und … nun ja, der besagten „vierten Welt”, die die beiden sich erschaffen und die filmisch zum Leben erweckt wird.
Da sind die beiden Prinzessinnen, alles leuchtet in märchenhaftem Licht, übergroße Tonfiguren werden zu Auswüchsen ihrer Fantasien. Genau dieser Clash macht „Heavenly Creatures” zu einem Augenschmaus und zu einem großen Spaß dazu: Zwischen den Zwiebelschichten des Alltags finden sich hier plötzlich Szenen in barocker Opulenz, uns aufgetischt direkt aus den Köpfen zweier Mädchen, die nicht ganz dicht sind.
Neben dieser visuell grandios inszenierten Ebene sind es die beiden Hauptdarstellerinnen, die das Ganze tragen: Mit nasegerümpftem Kichern und genau der richtigen Mischung aus kindlichem Überschwang und eiskalter Manipulation beleben sie die reale und ihre Fantasiewelt gleichermaßen. Das macht „Heavenly Creatures” zu einem Coming-of-Age-Film der ganz besonderen Art – und zu einer Realitätsflucht nicht nur für die Protagonistinnen, sondern auch für alle, die zusehen. Nur dass das Ende für diejenigen auf dem Sofa ungleich bekömmlicher ist.
Bei welchem Netflix-Projekt Kate Winslet übrigens erstmals Regie führen wird, könnt ihr hier nachlesen:
1 Oscar und 30 Jahre Karriere später: Endlich wird eine der besten Schauspielerinnen der Welt zur Regisseurin – für Netflix!*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.