Er ist ein fleißiger Nostalgiker: François Ozon bringt seit 1998 nahezu jährlich eine neue Regiearbeit heraus – und sie alle sind, mal mehr mal weniger überdeutlich, Verneigungen vor vergangenen Kinoepochen und meisterlichen Regietalenten. 2022 etwa spaltete der Franzose die Filmpresse mit „Peter von Kant“, einer sehr direkten Hommage an Rainer Werner Fassbinder, das Enfant terrible des Neuen Deutschen Films.
Im Folgejahr ließ Ozon die Flagge seiner Heimat wehen: Mit „Mein fabelhaftes Verbrechen“ adaptierte er eine französische Theater-Krimikomödie, die zuvor bloß in Hollywood verfilmt wurde. Dabei herausgekommen ist ein mit spitzzüngigen Dialogen bestückter, formidabel aussehender, böse-humoriger Spaß voll genüsslichem Pariser Flair. Für den Verfasser dieses Artikels ist es ohne jeden Zweifel einer der besten Filme aus 2023 – und am 9. Oktober 2025 feiert „Mein fabelhaftes Verbrechen“ seine deutsche Fernsehpremiere! Los geht es um 20.15 Uhr im rbb – Einschalten lohnt sich!
Alternativ findet ihr die herrliche Krimikomödie unter anderem bei Amazon Prime Video als VOD zum Leihen und Kaufen:
Darum geht es in "Mein fabelhaftes Verbrechen"
Paris in den 1930ern: Schauspielerin Madeleine Verdier (Nadia Tereszkiewicz) sorgt mit ihrer Anmut zwar für verdrehte Hälse, in ihrem Metier fasst sie aber partout keinen Fuß. Als sie des Mordes an einem namhaften Produzenten bezichtigt wird, erhält sie aber Rückendeckung durch ihre beste Freundin und WG-Partnerin Pauline Mauléon (Rebecca Marder), ihres Zeichens arbeitslose und galant-forsche Anwältin.
Da die Beiden einen ungewöhnlichen Plan verfolgen, plädiert Madeleine auf schuldig, obwohl sie die Tat nicht begangen hat. Das zieht einen medienwirksamen Prozess nach sich, der Pauline die Gelegenheit gibt, vor einer neugierigen Öffentlichkeit ihre Cleverness unter Beweis zu stellen. Als später auch noch der verblasste Stummfilmstar Odette Chaumette (Isabelle Huppert) aufkreuzt und mit Madeleine ein Hühnchen zu rupfen hat, verkompliziert sich die verworrene Lage...
Stilvoll arrangiert...
Wenn er die Gelegenheit hat, charismatische Darstellerinnen in schmucke Garderobe der ausgezeichneten Kostümbildnerin Pascaline Chavanne zu stecken und vor adrett-übertriebener Retrokulisse aufgeweckte Rollen spielen zu lassen, blüht Ozon auf! Das bewies er schon mit dem mörderisch-melodramatischen Musical „8 Frauen“ und mit „Das Schmuckstück“, einer humorvollen Hommage an Jacques Demy. „Mein fabelhaftes Verbrechen“ steht diesen cineastischen Köstlichkeiten in Nichts nach – womöglich ist es sogar noch vorzüglicher!
Ozons lose Adaption des 1934 erstaufgeführten Theaterstücks „Mon Crime“ von Georges Berr und Louis Verneuil ist eine wahre Augenweide: Der Regisseur bittet sein Publikum in ein malerisch überhöhtes Paris der 1930er, in dem selbst ein heruntergekommenes Dachboden-Appartement dazu einlädt, neidisch mit der Zunge zu schnalzen, und sogar die Pleite-Protagonistinnen eine sich makellos an sie schmiegende Garderobe aufweisen.
Dieses Paris fängt „Der Tod weint rote Tränen“-Kameramann Manuel Dacosse öfters in gülden schimmernden Hochglanzbildern ein, die hoch paradox sind: Die Metropole ist hier ein komplexer, belebter Schauplatz, den Ozon mit keckem, die Themen des Films unterstützendem Effekt wie eine riesige Theaterbühne erscheinen lässt.
...und mit raffiniertem Biss!
Denn ganz gleich, wie neidisch uns der vorzüglich-glamouröse Modesinn von Madeleine und Pauline machen darf: Sie leben in einer Farce! Es mag mit ironischem Sexismus und eloquenten Unannehmlichkeiten beginnen, aber die soziale Ungerechtigkeit und systemischen Widerlichkeiten dieser Welt reichen weit darüber hinaus.
Wenn die Heldinnen diesem grotesk-übermächtigen Sexismus den Kampf ansagen, ist dies dank Funken sprühender Dialoge, spritzig-schwarzhumoriger Situationen sowie der unbändigen Energie von Tereszkiewicz und Marder, die obendrein einen elektrifizierenden Rapport miteinander haben, ein einziger Genuss. Das gilt weiterhin, sobald die Handlung durch weitere Wenden bitter wird:
Wie Ozon diese nostalgische Ästhetik sowie seine zahlreichen, liebevollen Rückgriffe aus US-Screwball-Komödien und französische Filmhistorie nimmt und mit aktueller Sozial- und Showbiz-Kritik vereint, ist so temporeich-gewieft wie ernsthaft! Kunsthandwerklich vereint der Regisseur diese Tonalitäten, begleitet von verspielt-dick auftragenden Melodien des Komponisten Philippe Rombi, derart geschickt, dass man beeindruckt strahlen darf, während das staunende Lachen im Halse verharrt.
Da werden, wie schon FILMSTARTS-Autorin Gaby Sikorski in ihrer Kritik anschneidet, Erinnerungen an den Witz und Stil von Rob Marshalls Musical-Geniestreich „Chicago“, den leichtfüßig vermittelten Hintersinn eines Ernst Lubitsch sowie an Jean Renoirs poetischen, ironisierten Blick auf die absurd-menschliche Wirklichkeit wach. Je nach Vorliebe (und filmischer Vorerfahrung) kann man also die filmhistorischen Aromakomponenten aus diesem süß-komplexen Rotwein mit bitter-raffiniertem Abgang herausschmecken und sich genussvoll-sinnierend zurücklehnen – oder man kostet diesen lieblich-bissigen Film einfach für sich stehend aus!
Und wer mehr über einen weiteren Film voller Stil, Witz und Erkenntnissen über die raueren Seiten des Schauspielgewerbes wissen will, sollte sich auch unseren folgenden Artikel zu Gemüte führen:
"Es war ein Fehler": Hollywood-Ikone Paul Newman bereute es, dieses Meisterwerk abgelehnt zu haben*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.