Filmbegeisterte kennen Alain Robbe-Grillet wohl am ehesten, weil er das Drehbuch zum Avantgarde-Meisterwerk „Letztes Jahr in Marienbad“ verfasst hat. In Literaturkreisen wird er derweil als einer der Väter einer Textgattung gefeiert: Er prägte den sich gegen kohärente Erzählweisen sträubenden, von Lust, Schmerz und Sinnlichkeit durchzogenen, metonymischen Nouveau Roman.
Diesen Stil verfolgte er auch als Regisseur, etwa in der filmischen Provokation „Das Spiel mit dem Feuer“ mit viel blanker Haut, nahezu unzähligen Perversionen sowie den „Emmanuelle“-Stars Christine Boisson und Sylvia Kristel. Das Ergebnis ist ein surreales FSK-18-Erlebnis, das skandalträchtig, lüstern, humorvoll und symbolreich ist. Diese Woche ist „Das Spiel mit dem Feuer“ erstmals im deutschen Heimkino auf Blu-ray erschienen.
Die Blu-ray enthält als Bonusmaterial ein Interview mit Schauspielerin, Autorin, Fotografin und BDSM-Expertin Catherine Robbe-Grillet, der Witwe des „Das Spiel mit dem Feuer“-Regisseurs und Autoren. Außerdem liegt der Edition ein Booklet mit Text von Prof. Dr. Marcus Stiglegger bei.
Darum geht es in "Das Spiel mit dem Feuer"
Nachdem eine Entführung seiner Tochter Carolina (Anicée Alvina) scheiterte, heuert der schwerreiche Bankier Georges de Saxe (Philippe Noiret) einen mysteriösen Mann (Jean-Louis Trintignant) an. Der soll Carolina vor weiteren Bedrohungen beschützen. Also bringt er sie in ein prunkvolles Anwesen, das von Madame Erica von Eide (Martine Jouot) geleitet wird. Dort helfen Frauen den Freunden des Hauses dabei, rauschhaften, surrealen und sadistischen Fantasien nachzugehen...
Kein banaler Luststreifen...
Knapp zusammengefasst mag „Das Spiel mit dem Feuer“ eher nach Triebbefriedigung anmuten als nach einem Film, der mit „Letztes Jahr in Marienbad“ verwandt ist. Zumal es in Robbe-Grillets Regiearbeit viel nackte Haut zu sehen gibt und zahlreiche Fetische behandelt werden.
Doch dies dient dem Filmemacher als provokantes Spielfeld für ein surreales, verschachteltes Treiben mit albernen Soundeffekten, fordernden Identitätsverwirrspielen, genüsslich-bizarrer Situationskomik und einer barsch-metafiktionalen Persiflage auf Gangsterfilm-Konventionen, gesellschaftliche Doppelmoral und schlecht unterdrückte Begierde. Daher prallen bei Robbe-Grillet Welten zusammen:
Wenn die Protagonistin ihren neuen Unterschlupf kennenlernt, geschieht das mit einem beklemmend-kühlen Stilwillen, der die distanziert-voyeuristischen Kamerafahrten in Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ vorwegnimmt. Und das verkopft-groteske Verwirrspiel hat geradewegs lyncheske Züge, bloß inmitten von Schauplätzen, die mehr mit Luis Buñuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und „Dieses obskure Objekt der Begierde“ gemein haben als mit David Lynchs Ästhetikvorlieben.
Durchgerüttelt wird dieser surreale Prunk nicht bloß durch Sex, Folter und Foltersex, sondern vor allem durch süffisant-spritzigen Humor. Der fängt mit unfassbar auffälligen Kunstbärten an und hört noch lange nicht mit Figuren auf, die sich grinsend über unübersetzbare Wortspiele freuen, den Plot als sinnlos schelten und sich piesacken als sei dies ein FSK-18-„Looney Tunes“-Realfilm.
Die „Emmanuelle“-Stars Boisson und Kristel haben in diesem Treiben eher wenig zu tun. Weil das berühmte Erotikdrama aber während der Postproduktion von „Das Spiel mit dem Feuer“ zum Hit aufstieg, wurde ihre Beteiligung im Marketing klar betont. Und zumindest die eine Haushälterin mimende Kristel drückt Robbe-Grillets Regiearbeit deutlich ihren Stempel auf, da sie in sehr fordernden Szenen beweist, dass sie den speziellen Tonfall dieses Films vollauf begreift.
...aber auch mehr als eine verwirrende Fingerübung?
Unter Robbe-Grillets Führung werden selbst anfangs geradlinig-erotisch anmutende Szenen über kurz oder lang zur doppelbödigen Farce, die das Publikum fordert, triezt und vorführt. Zudem wird das Geschehen im Laufe von „Das Spiel mit dem Feuer“ als Metalepse beschrieben – als als sich der Logik widersetzende Vermischung zweier Erzählebenen.
Robbe-Grillet behauptete einige Jahre nach Kinostart zudem, er hätte mit dem Film die Entführung von Patricia Hearst kommentiert (via Mubi). Die Tochter des mächtigen Medienmoguls William Randolph Hearst wurde 1974 von einer terroristischen Guerillagruppe entführt. Und je nachdem, wessen Wort man Glauben schenkt, schloss sie sich ihr daraufhin aus freien Stücken oder notgedrungen an.
Ob ihr Robbe-Grillets Deutungsvorschlag annehmt oder in den Wind schlägt, bleibt euch überlassen. Doch wenn nach „Das Spiel mit dem Feuer“ der Funke auf euch übergesprungen sein sollte, hilft euch ganz sicher unser folgender Heimkino-Tipp dabei, das Feuer für Arthouse-Provokationen mit Geschichtsbezug am Lodern zu halten:
Jahrzehntelang gab es diesen exzessiven Historienfilm nur stark gekürzt: Nun erscheint der Skandalfilm uncut auf Blu-ray*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.