Mehr als 750 Millionen Dollar Einnahmen an den globalen Kinokassen – dazu zehn Oscar-Nominierungen sowie eine Marketing-Tour, bei der Clips mit den Hauptdarstellerinnen Cynthia Erivo und Ariana Grande nahezu im Stundentakt viral gegangen sind: „Wicked“ ist die erfolgreichste Musical-Verfilmung aller Zeiten – und selbst das war nur der Anfang, denn als Regisseur Jon M. Chu zu der Produktion gestoßen ist, war seine erste Entscheidung, die Story der ebenfalls megaerfolgreichen Bühnenversion auf zwei Filme aufzuteilen.
So startet jetzt ein Jahr nach dem ersten Film die zweite Hälfte der Geschichte um Elphaba und Gelinda in unsere Kinos – und wir hatten die Chance, „Wicked: Teil 2“ nicht nur vorab zu sehen, sondern direkt auch noch den Regisseur ein wenig zu löchern. Schließlich hat er nach dem Erfolg des Vorgängers gar keinen Grund, besonders nervös zu sein, oder?
FILMSTARTS: „Wicked“ war nicht nur ein Kinohit, während der Promo-Tour haben speziell Cynthia Erivo und Ariana Grande fast täglich neue virale Popkultur-Momente kreiert. Hast du einen Ordner auf deinem Desktop mit all den Memes und Videos, die dabei rausgekommen sind?
Jon M. Chu: Ich habe EINE MENGE! Ich fand Popkultur schon immer faszinierend. Ich bin in den frühen 2000ern aufgewachsen, als Perez Hilton damit begonnen hat, über die Entertainment-Industrie zu bloggen. Für mich ist das Geschichtenerzählen rund ums Geschichtenerzählen – und ich liebe es.
FILMSTARTS: Aber du musstest ja wahrscheinlich nicht selbst danach suchen, oder? Hat dein Telefon in dieser Zeit überhaupt mal stillgestanden?
Jon M. Chu: Meine Google Alerts waren der absolute Wahnsinn. Jeder hat mich überall vertagt.
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FILMSTARTS: „Wicked: Teil 2“ ist ja kein klassisches Sequel, sondern der zweite Teil einer Geschichte, deren erster Teil ebenso beliebt wie erfolgreich war. „Wicked: Teil 2“ scheint also – neben „Avengers: Endgame“ – sowas wie der sicherste Erfolg in der Geschichte Hollywoods zu sein. Also ganz entspannt gerade? Oder kann man die Nervosität so kurz vor Start trotzdem nicht abschütteln?
Jon M. Chu: Ich habe über die Jahre schon so viel erlebt, man kann sich nie wirklich sicher sein. Ich halte jedenfalls noch immer den Atem an. Aber ich bin echt stolz auf den Film und das die Leute verstehen, dass es von Anfang an einen Masterplan gab, und diese Geschichte einfach in zwei Teilen erzählt werden musste. Wenn sich das Publikum die zweite Hälfte ansieht, wird es erst wirklich verstehen, was Cynthia und Ariana tatsächlich draufhaben. Wer sich mit den wahren Fragen und dem Kern der Geschichte beschäftigen will, als das steckt in „Wicked: Teil 2“.
FILMSTARTS: Ihr habt beide Filme am Stück gedreht …
Jon M. Chu: Nicht mal am Stück, sondern wirklich gleichzeitig!
FILMSTARTS: … hattet ihr denn trotzdem noch die Chance, auf die Reaktionen auf den ersten Film zu reagieren und noch etwas am zweiten Teil zu ändern, oder war es dafür dann schon zu spät?
Jon M. Chu: Nein, dafür war es nicht zu spät. Und natürlich hatte es massiven Einfluss, wie hätte es auch anders sein sollen? Immerhin haben sich unsere ganzen Leben im Verlauf von nur sechs Monaten komplett geändert. Nach den Dreharbeiten, also vor circa zwei Jahren, habe ich damals direkt beide Filme auf einmal grob geschnitten. Einfach, um allen Verantwortlichen zeigen zu können, wo genau wir hinwollen, und so sicherzustellen, dass wir alle im selben Boot sitzen.
Dann habe ich Teil 2 aber erst einmal beiseitegelegt und mich ein Jahr lang ausschließlich auf den ersten Film konzentriert. „Wicked: Teil 2“ habe ich mir dann tatsächlich erst im vergangenen Januar wieder angeschaut – und direkt gewusst, was wir ändern müssen: Zum Beispiel war das Publikum bereits vollständig in die Mädels verliebt – ich konnte also einiges an Exposition streichen und konnte stattdessen direkt in die Geschichte springen. Dafür hatten wir dann wiederum an anderen Stellen den Raum, noch tiefer in die Gefühlswelt der beiden Protagonistinnen einzutauchen.
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FILMSTARTS: Also war der erste grobe Schnitt von „Wicked: Teil 2“ noch länger als die finale Fassung, die jetzt in den Kinos startet?
Jon M. Chu: Wir hatten da noch zwei Songs drin, aber ich habe jetzt auch noch mal eine Szene hinzugefügt – aber jetzt, wo ich drüber nachdenke, muss die ursprüngliche Fassung länger gewesen sein, aber nicht viel.
FILMSTARTS: Im ersten Film seid ihr ja noch ganz nett mit der „Zauberer von Oz“-Erzählung umgegangen. Aber „Wicked: Teil 2“ startet nun direkt mit einem Bild der legendären gelben Backsteinstraße („Yellow Brick Road“), das direkt dunkle Verbindungen zum Bau der US-amerikanischen Eisenbahn und Sklavenarbeit heraufbeschwört. Hat es auch ein bisschen Spaß gemacht, solche ikonischen Elemente der Originalgeschichte ein Stück weit durch den Fleischwolf zu drehen?
Jon M. Chu: Natürlich. Bevor wir die Szenen gedreht haben, war man erst einmal durch eine ganze Reihe von Entscheidungen abgelenkt: Welches Gelb ist das richtige? Welche Form sollen die Backsteine haben? Ist sie gerade oder gewunden? Wie dreckig ist sie (schließlich wird sie ja auch benutzt)? Aber als wir dann wirklich davorstanden, zusammen mit Dorothy, dem Blechmann und der Vogelscheuche, da haben erwachsene Männer aus der Crew angefangen zu weinen. Das sind einfach dermaßen ikonische Bilder, die sich so tief eingebrannt haben, dass man auch eine gewisse Verantwortung trägt. Aber wie emotional es wirklich werden würde, das haben wir alle erst verstanden, als es tatsächlich direkt vor einem selbst auftaucht.
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FILMSTARTS: In den Marketing-Materialien für den ersten Film spielte immer die Zahl der extra gepflanzten Tulpen am Set eine zentrale Rolle. Hat denn auch jemand die Zahl der Backsteine in der Yellow Brick Road gezählt?
Jon M. Chu: Das weiß ich gar nicht so genau. Aber sie hätten auf jeden Fall die verschiedenen Gelbtöne zählen sollen, denn das war wirklich verdammt kompliziert. Selbst jetzt noch, wenn wir den Film für verschiedene Formate wie Dolby Cinema oder IMAX abmischen, verändert sich das Gelb jedes Mal ein klein wenig – aber gerade bei der Yellow Brick Road ist einfach verdammt wichtig, dass es ganz genau stimmt. In einem normalen Film ist es nicht so wichtig, ob ein Blau plötzlich ein bisschen mehr in Richtung Meeresblau als Königsblau geht – aber das kann man bei einem so ikonischen Werk wie „Der Zauberer von Oz“ natürlich nicht bringen.
FILMSTARTS: Ein anderes Detail, über das ihr bestimmt länger diskutiert habt, ist mit Sicherheit die Frage, wie viel beziehungsweise wenig ihr von Dorothy zeigt …
Jon M. Chu: Es ist wichtig, Dorothy und ihre Begleiter im Film zu haben, schließlich geht es um eine Kollision der beiden Storys. Zugleich ist „Wicked“ aber explizit nicht ihre Geschichte – das war bereits das Mantra der Bühnenversion, und danach haben auch wir uns gerichtet: „Egal, was ihr tut, vergesst bloß nicht, dass hier ist die Geschichte von Elphaba und Glinda!“ Das gilt für die Beleuchtung genauso wie für die Frage, ob man Dorothys Gesicht zeigt oder nicht. Sonst hätte man sich nur gefragt: „Wer ist das? Was ist ihre Persönlichkeit?“ Aber das hätte uns nur von unseren eigenen Heldinnen entfernt.
Auf der Bühne wurde das sehr clever gelöst, da sieht man immer nur ihren Schatten. Ich wollte das auf gewisse Weise übernehmen, indem ich ihr Gesicht nicht zeige. So kann sich auch jeder seine eigene Dorothy in die Figur hineindenken: Für mich ist das vielleicht Judy Garland aus „Der Zauberer von Oz“. Aber andere verbinden sie vielleicht auch mit der Dorothy aus „Oz - Eine fantastische Welt“.
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FILMSTARTS: Wie viele Anläufe habt ihr gebraucht, um den Look vom Blechmann und der Vogelscheuche so zu treffen, wie ihr es euch vorgestellt habt?
Jon M. Chu: So viele! Es war verdammt schwer, denn es sollte auf keinen Fall wie ein Kostüm aussehen. Wie haben das Publikum so tief in diese Welt mit realen Konsequenzen, realen Emotionen und realem Dreck hineingeführt – da können wir nicht plötzlich mit Halloween-Kostümen ankommen. Also sollte es real aussehen. Aber wie macht man das bei einem Blechmann? Man soll ja noch die Figur durch das Blech hindurch erkennen. Also muss es biegsam sein, aber wie sehr? Das geht hin bis zum Beugungsgrad der Wangenknochen? Und sieht man Rost unter seinen Augen, wenn er weint? Und kann ein Blechmann überhaupt Ohren haben?
Bei der Vogelscheuche dasselbe: Wo hört das Stroh auf und wo fängt der Stoffsack an? Wenn man jemandem nämlich einen Sack über den Kopf zieht, dann wirkt das direkt ziemlich furchterregend. Aber wir hatten zum Glück ein super Make-up und Kostüm-Team. Ich habe ihnen immer gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen brauchen, weil wir es am Ende wahrscheinlich eh mit CGI-Effekten machen müssen, damit es nicht einfach nur wie Gummi aussieht. Aber sie haben sich davon nicht abhalten lassen und solange immer neue Variationen abgeliefert, bis es schließlich perfekt gepasst hat. Wir mussten dann, ganz anders als geplant, wirklich nur noch winzige Kleinigkeiten nachträglich am Computer anpassen.
FILMSTARTS: Wo wir gerade von Kostümen und Kulissen sprechen: Eine Standardfrage in Interviews lautet ja immer, ob jemand etwas vom Set als Erinnerungsstück mitgenommen hat. Aber bei dir würde man sich ja fast vorstellen, dass du da am letzten Drehtag direkt mit einem Lastwagen vorgefahren bist …
Jon M. Chu: Das nicht, aber ich habe trotzdem eine Menge mitgenommen. Ich habe einen fliegenden Besen, zwei Zauberstäbe, einige gelbe Backsteine (davon hatten wir ja wirklich genug). Zudem habe auch noch eine Menge kleiner Dinge mitgenommen, zu denen ich jetzt aber offiziell lieber nichts sagen will (lacht).
„Wicked: Teil 2“ (Kinostart am 19. November 2025) wird tatsächlich düsterer als der Vorgänger – und das schlägt sich auch in einer höheren FSK-Altersfreigabe. Das müsst ihr dazu jetzt wissen:
Höhere Altersfreigabe für "Wicked 2" als noch bei Teil 1 – das ändert sich für euch und das müsst ihr beachten