"Am meisten Schiss hatte ich vor den Szenen als Clown": Das große FILMSTARTS-Interview mit Valerie Pachner über "Vier minus drei"
Susanne Gietl
Susanne Gietl
-Freie Autorin
Susanne Gietl ist freie Kulturjournalistin und lebt in Berlin. Sie liebt es, mit Kunstschaffenden in Interviews und Publikumsgesprächen über ihre Arbeit zu sprechen. Sie fühlt sich bei Arthouse-Filmen zu Hause, traut sich dafür aber selten in Horrorfilme.

Für unsere Initiative „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ haben wir im April das feinfühlige Drama „Vier minus drei“ ausgewählt – da gehört ein Interview mit Hauptdarstellerin Valerie Pachner natürlich zwingend dazu ...

Es ist keine leichte Aufgabe, der sich Valerie Pachner („Ein verborgenes Leben“) gewidmet hat. Sie spielt in diesem auf wahren Begebenheiten basierenden Film Barbara Pachl-Eberhardt, die am 20. März 2008 ohne Vorwarnung ihren Mann und ihre zwei Kinder verlor. Nach dem Unfall an einem Bahnübergang schrieb sie damals einen bewegenden Brief an alle, die ihr nahestanden, der später auch in der Zeitung erschien. 2010, zwei Jahre nach dem Unglück, erschien ihr Buch „Vier minus drei: Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand“. Es landete auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Die VerfilmungVier minus drei“ (deutscher Kinostart: 9. April 2026) von Adrian Goiginger handelt von der Klinikclownin Barbara (Valerie Pachner) und ihrem Ehemann Heli (Robert Stadlober), der sie überhaupt erst zur Clownerie gebracht hat, aber nun nicht mehr da ist. Mühelos vereint der Film Trauer und Lebensfreude, erzählt von bleibender Wut und neuer Kraft. Vor der Weltpremiere von „Vier minus drei“ (zur 4,5-Sterne-Filmkritik) auf der Berlinale hat Valerie Pachner FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl verraten, wovor sie am meisten Angst hatte und wie sehr die Clownsphilosophie ihr dabei geholfen hat, ihre Rolle zu meistern:

FILMSTARTS: Die Geschichte von Barbara Pachl-Eberhardt zog erst 2008 und dann zwei Jahre später mit dem Erscheinen ihres Romans noch einmal weite Kreise. Wann hast du davon erfahren und warum hast du dich für diesen Stoff entschieden?

Valerie Pachner: Ich habe es direkt mitbekommen, weil ein Freund von mir Klinikclown war und ihren Brief auch erhalten hatte. Damals habe ich mich aber nicht wahnsinnig viel mit Barbara Pachl-Eberhardt beschäftigt. Erst als mich unser Regisseur Adrian Goiginger vor sechs Jahren auf der Berlinale darauf angesprochen hat, ist das Thema wieder aufgetaucht. Die Spannweite der Tragik einer Frau, die ihre Familie verliert, aber auch Clown ist, hat mich fasziniert.

FILMSTARTS: Barbara Pachl-Eberhardt hat die Verfilmung erst abgesegnet, als feststand, dass du die Rolle übernimmst. Wie bist du mit diesem Druck umgegangen?

Valerie Pachner: Es war uns beiden wichtig, dass wir als Film in gewisser Weise eine neue Geschichte schreiben. Das hat mir dann die Freiheit gegeben, mich mit der Figur unabhängig von Barbara zu befassen. Ich wollte vermeiden, dass ich in sie hineinkrieche und quasi an sie als Quelle andocke. Ich wollte ihr als Kollaboratorin begegnen und Fragen stellen, woraus sich dann etwas Neues entwickeln kann. Die Zusammenarbeit mit ihr war so bereichernd, weil ich nicht nur mit einer Figur arbeiten konnte, sondern mit ihrer ganzen Geschichte. Wenn man als Schauspielerin auf so etwas zugreifen kann, ist das schon sehr toll.

Valerie Pachner mit FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl beim Interview am Tag der Weltpremiere. Alamode Film
Valerie Pachner mit FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl beim Interview am Tag der Weltpremiere.

FILMSTARTS: Um Barbara Pachl-Eberhardt zu zitieren: „Der Clown arbeitet mit seinem Körper, ein Schauspieler arbeitet viel über das Wort.“ Wie hast du in dieses Clown-Sein reingefunden?

Valerie Pachner: Wir hatten einige Monate vor dem Dreh einen Clown-Coach und da musste ich erstmal den Clown in mir finden. Ich hatte total Schiss, weil ich dachte, dass ich nicht lustig sein kann. Wie Barbara das gelebt hat, ist ein sehr toller Ansatz, der weggeht vom Party-Clown und hinein in die Clowns-Philosophie, die besagt, dass man seine Schwächen annimmt und auch scheitern darf. Durch den Coach habe ich auch gelernt, dass ich meine persönlichen Ängste in das Clown-Sein mitnehme. Es war ein wesentlicher Bestandteil meiner Vorbereitung, all das in mir zu finden und jede Unsicherheit zu akzeptieren. Für mich hat das fast etwas Anarchisches.

FILMSTARTS: Eigentlich gab es zwei Barbaras, die Alltags-Barbara und ihr schweizerdeutsches Clowns-Ich Heidi Appenzeller ...

Valerie Pachner: Schauspiel und Clown-Sein sind sich trotz aller Unterschiede letztlich sehr ähnlich. Auch wenn ich Heidi Appenzeller gespielt habe, war ich ja eigentlich immer noch Barbara. Das war immer noch die Frau, die ihre Familie verloren hat, aber ich habe plötzlich alles anders und nicht mehr so schwarz gesehen. Ich war nicht mehr so verzweifelt und es gab eine Leichtigkeit in mir. Die Möglichkeit, das Leben anders einordnen zu können, tragen wir alle in uns. Das war persönlich eine ganz krasse, sehr spezielle Erfahrung, weil ich an mir selbst erlebt habe, dass dieser andere Blick im Kopf nur einen Klick entfernt ist.

FILMSTARTS: Du hast die Szenen im Krankenhaus als Rote-Nasen-Clowndoktor komplett improvisiert!

Valerie Pachner: Ich habe auch nicht gedacht, dass ich mich das trauen würde! Tatsächlich hatte ich am meisten Schiss vor den Clown-Szenen und nicht vor den emotionalen Szenen. Clown-Sein hat sowas Vergrößertes. Das dann noch für die Kamera zu machen, hat mich viel Überwindung gekostet. Ich habe auch im Vorfeld zu Adrian gesagt: „Wenn das nicht gut ist, dann müssen wir das irgendwie rauslassen oder weniger machen.“ Aber irgendwie hat es dann so Spaß gemacht, diese Figur zu spielen. Im Krankenhaus waren wir Gott sei Dank erst gegen Ende der Dreharbeiten. Da hatte ich die Heidi auch schon sehr verinnerlicht. Wir haben einfach 30 bis 40 Minuten improvisiert. Am Schluss haben alle am Set applaudiert.

Valerie Pachner als Barbaras Clowns-Alter-Ego Heidi Appenzeller. Alamode Film
Valerie Pachner als Barbaras Clowns-Alter-Ego Heidi Appenzeller.

FILMSTARTS: Adrian Goiginger hat gesagt, dass bei ihm noch nie so viele Leute am Set geheult haben wie bei „Vier minus drei“. Das klingt schön und zeugt von viel Vertrauen.

Valerie Pachner: Wir waren alle am Set voller Liebe und Mitgefühl, so kitschig das jetzt klingt. Robert Stadlober und Hanno Koffler waren großartige Kollegen. Beide mit so viel Herz, mit so viel Liebe für ihre Figuren, für das Schicksal der Barbara. Uns alle hat diese Geschichte so bewegt und berührt. Einfach der reine Umstand, mich in die Schuhe dieser starken Frau zu versetzen, hat sofort all diese Gefühle und diese Traurigkeit in mir ausgelöst. Das hat sich auch so ein bisschen aufs Set ausgeweitet. Gleichzeitig hatten wir die Clowns-Momente.

FILMSTARTS: Ein Tag, an dem alles zusammenkommt, war sicherlich die Beerdigung von Barbaras Familie mit über hundert Statist*innen und ganz vielen Clowns …

Valerie Pachner: Die Szene war sehr besonders, da das Dunkle und das Helle gleichzeitig nebeneinanderstanden. Es war ein surrealer und sehr schöner Moment mit all den Ballons, Stelzengehern und Clowns, die über den Friedhof gewandelt sind. Alles war gleichzeitig da: Trauer und Freude. An dem Tag durfte ich nicht weinen, alle anderen schon, weil die Barbara an dem Tag die gefassteste war. So konnte auch ich den Drehtag weitestgehend tränenfrei genießen.

FILMSTARTS: Ich habe immer wieder gedacht, dass ich wie Barbara eine wahnsinnige Wut auf diese Trauer hätte, weil ich unbedingt das Leben spüren möchte und mir die Wut auch Kraft geben würde. Wie hast du in diese Trauer reingefunden?

Valerie Pachner: Das ist eigentlich das Wesentliche, was du sagst. Das hat natürlich viel mit unserem Umgang als Gesellschaft mit Trauer und Tod zu tun. Wir begegnen diesen Themen mit Distanz und Isolation. Ich glaube, das hat Barbara auch in ihrem Brief gesagt, dass sie das Leben mit all seinen Facetten spüren will. Sie wollte damit sagen: „Bitte lasst mich nicht allein! Isoliert mich nicht! Schreibt mir nicht nur zu, diese Witwe zu sein, sondern lasst mich ganz sein und ganz leben!“

Es geht vielen Menschen in der Trauer so, dass plötzlich nur ihre Trauer-Rolle dominiert, obwohl sie ihr ganzes Leben leben möchten. Ich hatte am meisten Respekt davor, herauszufinden, wie ich auf diese Wut reagieren würde. Ich würde wohl eher voll sauer aufs Schicksal werden. Man kann es aber auch ummünzen und sich gegen sein Schicksal auflehnen und so andere Möglichkeiten finden, sein Leben zu leben. Irgendwann begreift man die eigene Situation und nimmt sie an. So hat es Barbara gemacht.

Barbara lernt Heli (Robert Stadlober) bei einer seiner Straßenperformances kennen – und findet in ihm nicht nur ihren Clowns-Coach, sondern auch ihren Ehemann. Alamode Film
Barbara lernt Heli (Robert Stadlober) bei einer seiner Straßenperformances kennen – und findet in ihm nicht nur ihren Clowns-Coach, sondern auch ihren Ehemann.

FILMSTARTS: Wie hat die Arbeit von Adrian Goiginger dazu beigetragen, dass du dich so auf diese Emotionen einlassen konntest?

Valerie Pachner: Ich bin sehr beeindruckt, weil er ein wahnsinnig leidenschaftlicher Regisseur ist. Genauso wie ich mich in ein Projekt reinschmeiße, macht er das auch. Er denkt für seine Schauspieler mit. Das macht nicht jeder. Er ist da sehr verspielt, macht Vorschläge. Ein anderer wesentlicher Aspekt ist seine Offenheit. Adrian arbeitet viel mit Improvisation. Man muss nicht alle Szenen auswendig kennen. Es geht vielmehr darum, das ganze Leben der Figur parat zu haben. Innerhalb dessen konnten wir immer sehr frei sein. Am Set haben wir auch im Text neue Dinge gefunden, mit denen wir spielen konnten. Das ist etwas, was mir total entspricht, weil ich gerne selber eine Idee habe, was ich erzählen will. Diese Spielwiese hat auch bei der Arbeit mit Kindern super funktioniert.

FILMSTARTS: Wir wissen ja: „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ Welchen deutschsprachigen Kinofilm kannst du uns aktuell neben „Vier minus drei“ noch empfehlen?

Valerie Pachner:Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak und „Rose“ von Markus Schleinzer!

Neben dem Interview mit Valerie Pachner haben wir auch mit Regisseur Adrian Goiginger gesprochen, der uns sogar in unserem Berliner Podcast-Studio besucht hat, um gemeinsam ausgiebig über „Vier minus drei“ zu plaudern. Dabei hat er uns sogar verraten, warum er zu Beginn noch sehr skeptisch war, das Projekt zu übernehmen:

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