Die Verfilmung von „Wicked: Teil 2“ liefert ein visuelles und emotionales Spektakel, doch kein Moment brennt sich so tief ein, wie die qualvolle Verwandlung Fiyeros in die Vogelscheuche/den Strohmann (Jonathan Bailey). Was diese Szene – nach Meinung der Autorin dieser Zeilen – zu einem der überzeugendsten Kino-Momente des Jahres macht, ist ihre brillante, doppelte Symbolik: die literarische Metamorphose verschmilzt mit einem tiefgreifenden, unabsichtlichen Akt des stellvertretenden Opfers. Doch was genau ist damit gemeint?
Die Metamorphose des Geliebten
++ Achtung: Die nachfolgenden Ausführungen enthalten wesentliche Spoiler zum Film! ++
Nachdem Fiyero von den Wachen des Zauberers abgeführt wird, weil er Elphaba (Cynthia Erivo) beschützt hat, kanalisiert diese ihre gesamte Macht im ergreifenden Song „No Good Deed“. Ihr Zauber ist ein verzweifelter, leidenschaftlicher Versuch, ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren. Darin singt sie:
„Let his flesh not be torn. Let his blood leave no stain. Though they beat him, let him feel no pain. Let his bones never break and however they try to destroy him: Let him never die.“
Elphabas Zauber hat die schützende, aber tragische Konsequenz: Er verwandelt Fiyero in die Vogelscheuche, die ihm zwar ein Überleben garantiert, ihn aber seiner Identität beraubt. Im Getreidefeld sehen wir Fiyero, wie er an einer kreuzförmigen Holzstruktur hängt, während der Zauber wirkt. Diese Einstellung ist nicht nur dramatisch, sondern dient als direkter visueller Hinweis auf sein Schicksal: Er wird zum Strohmann, dem ikonischen Wesen aus der Oz-Mythologie.
Universal Studios
Der unabsichtliche "Christus von Oz"
Die emotionale und thematische Tiefe erhält die Szene mitunter auch durch die religiöse Ikonografie, die aus der Intention des Zaubers heraus entsteht:
- Die Unsterblichkeit: Elphabas verzweifelte Forderung – „er soll niemals sterben“ – sichert Fiyeros ewiges Überleben in neuer Form. Dies verleiht seiner Figur die Aura eines Erlösers oder Märtyrers, der den Tod durch ein übernatürliches Wirken besiegt. Er wird unabsichtlich zum „Christus von Oz“ – eine Figur, die das Ende des körperlichen Leidens (kein Schmerz, keine gebrochenen Knochen) mit einem ewigen Dasein (niemals sterben) erkauft.
- Die Haltung und das Opfer: Die unverkennbare Haltung an der kreuzförmigen Struktur erinnert stark an die Kreuzigung von Jesus. Auf dieser Interpretationsebene wird Fiyeros Leiden zum ultimativen Akt der Stellvertretung. Er wird metaphorisch für die Korruption, das Unrecht und die „Sünden“ des Landes Oz und seinem Zauberer (Jeff Goldblum) geopfert. Sein Überleben als Vogelscheuche ist der schmerzhafte Preis, den er für die Rettung seiner Geliebten und die bloße Existenz zahlen muss.
Diese doppelte symbolische Aufladung – die literarische Metamorphose in den Strohmann als Konsequenz des Schutzzaubers und die religiöse Darstellung des Opfers, das niemals stirbt – bündelt die gesamte emotionale Wucht der Erzählung. Fiyeros qualvolle Verwandlung ist somit nicht nur ein wichtiger Plot-Point, sondern ein visuelles und thematisches Meisterwerk, das in seiner Intensität und Vielschichtigkeit ein absoluter Höhepunkt des Kinojahres ist.
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