"Ich durfte früher keine Horrorfilme schauen": Das große FILMSTARTS-Interview mit "Silent Night, Deadly Night"-Regisseur Mike P. Nelson
Christoph Petersen
Christoph Petersen
-Chefredakteur
Schaut 800+ Filme im Jahr – immer auf der Suche nach diesen wahrhaftigen Momenten, in denen man dem Rätsel des Menschseins ein Stück näherkommt.

Mike P. Nelson etabliert sich nach „Wrong Turn - The Foundation“ und „Silent Night, Deadly Night“ endgültig als Regisseur, der Horror-Reihen frisches Blut einzuflößen versteht. Wir haben vor Kinostart mit ihm über seinen Santa-Slasher gesprochen…

Stille Nacht - Horror Nacht“ (im Original: „Silent Night, Deadly Night“) von 1984 ist absoluter Kult! Jetzt hat sich „The Domestics“-Regisseur Mike P. Nelson an ein Remake des Weihnachtsmann-läuft-Amok-Slashers gemacht – und wie schon bei „Wrong Turn - The Foundation“ nutzt er dabei zwar ikonische Momente des Originals, schlägt zugleich aber auch eine ganz eigene Richtung ein: Der neue Silent Night, Deadly Night“ (Kinostart: 11. Dezember) handelt von Billy Chapman (Rohan Campbell), der jedes Jahr zur Adventszeit von einer Santa-Stimme in seinem Kopf dazu getrieben wird, Leute von der „Unartig“-Liste des Weihnachtsmanns zu meucheln…

Klingt nach einem geradlinigen Serienkiller-Slasher, aber keine Sorge, der Film hält noch einige unerwartete Wendungen bereit. FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen hat den Remake-Revoluzzer einige Tage vor Kinostart für euch per Zoom-Call ausgequetscht:

FILMSTARTS: Quentin Tarantino hat im Podcast von Eli Roth die steile These aufgestellt, dass Feiertags-Horrorfilme generell nicht viel taugen – mit einer einzigen Ausnahme: das „Silent Night, Deadly Night“-Original von 1984. Wo rankt der Film in deiner persönlichen Ruhmeshalle des Slasher-Genres?

Mike P. Nelson: Ich habe das Original erst spät gesehen, weil ich als Jugendlicher keine Horrorfilme schauen durfte. Ich bin immer noch dabei, das alles nachzuholen. Was ich an „Silent Night, Deadly Night“ liebe, ist dieser Vibe, den so kein anderer Film jener Ära hat, und dafür respektiere ich ihn sehr: Man begleitet den Killer, das hat sich sonst keiner getraut! Ehrlicherweise steht er als Slasher nicht ganz oben auf meiner Liste, was mir jetzt vielleicht keine Extrapunkte einbringt, aber dafür war ich schon immer ein großer Fan von Weihnachtsfilmen und Weihnachtshorrorfilmen …

Regisseur Mike P. Nelson und sein Hauptdarsteller Rohan Campbell („Helloween Kills“) haben am Set von „Silent Night, Deadly Night“ eine gute Zeit. Heather Beckstead
Regisseur Mike P. Nelson und sein Hauptdarsteller Rohan Campbell („Helloween Kills“) haben am Set von „Silent Night, Deadly Night“ eine gute Zeit.

FILMSTARTS: Nach „Wrong Turn - The Foundation“ und „Silent Night, Deadly Night“ scheint es dein Anspruch zu sein, die Franchises einmal komplett auf den Kopf zu stellen. Da machst du es dir aber auch nicht gerade leicht, wenn du Reihen auswählst, bei denen es bereits sieben respektive sechs Filme gab…

Mike P. Nelson: Das stimmt. Aber wenn ein Franchise schon so lange existiert, ist es gerade notwendig, etwas Originelles damit anzustellen. Natürlich braucht es diese gewisse DNA, die uns zurück in die Welt zieht – aber dann muss etwas Neues passieren. Ich mache bessere Filme, wenn ich eine Geschichte erzähle, für die ich wirklich brenne – und ich interessiere mich nicht dafür, etwas Bekanntes noch mal auf dieselbe Weise zu verhandeln.

FILMSTARTS: Ich kenne Remakes, die nah am Original sind – und ich kenne Remakes, die ihr eigenes Ding machen. Aber bei dir ist es noch mal etwas Besonders: Du nimmst Bausteine aus dem Original, die du fast eins zu eins in deinen Film einfügst, dann aber mit einem Twist dafür sorgst, dass sie plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen. Man nehme nur die Szene mit dem Großvater im Altersheim: Die ist zunächst ganz nah am Original, aber eine ganze Stunde später erhält man plötzlich noch eine neue Info, die den vermeintlich bekannten Moment nachträglich noch einmal komplett auf links dreht. Ist das Drehbuchschreiben in solchen Momenten wie ein riesiges Puzzlespiel für dich?

Mike P. Nelson: Ja, sehr sogar. Ich nehme wie gesagt die Teile der DNA, die mir persönlich etwas bedeuten – und verpasse ihnen dann meinen ganz eigenen Spin. Für mich gibt es keinen anderen Weg, selbst wenn das Risiko besteht, die Fans auch mal vor den Kopf zu stoßen. Ich selbst bin wahnsinnig kritisch, was Remakes angeht, denn dann stellt sich natürlich sofort die Frage: „Warum musste das jetzt sein? Das Original hat es doch so viel besser gemacht!“ Also habe ich immer den Anspruch, eine frische Geschichte zu erzählen, das ist für mich der Schlüssel.

Billy wird von der Santa-Stimme in seinem Kopf dazu getrieben, während der Adventszeit jeden Tag (mindestens) einen Mord zu begehen. StudioCanal
Billy wird von der Santa-Stimme in seinem Kopf dazu getrieben, während der Adventszeit jeden Tag (mindestens) einen Mord zu begehen.

FILMSTARTS: War es einfacher, das Studio von deinem Weg zu überzeugen, weil die vorherige Idee darin bestand, dass „ein Roboter-Santa Amok läuft“? Dagegen wirkt deine Version ja regelrecht bodenständig …

Mike P. Nelson: Als ich gefragt wurde, ob ich eine Idee für den Film hätte, war ich sofort an Bord, ich wollte schon immer einen Holiday-Horrorfilm machen. Ich habe um zwei Wochen Zeit gebeten, um ein Konzept zu entwickeln. Dann habe ich etwas gepitcht, dass sich für mich spaßig und einzigartig angefühlt hat – in dem vollen Wissen, dass es für das Studio womöglich zu „merkwürdig“ ist. Und das wäre auch völlig okay gewesen. Stattdessen meldeten sie sich nach einer weiteren Woche mit der Nachricht, dass sie die Idee echt cool fänden – sie sei frisch, anders, aber es fühle sich immer noch wie ein „Silent Night, Deadly Night“-Film an. Außerdem bringen wir Billy Chapman zurück, auch das kam gut an. Und dann ging alles erstaunlich schnell …

FILMSTARTS: Eine Sache, die du definitiv vom Original übernommen hast, sind die ikonischen Kills – von der Schlitten-Enthauptung bis zum Hirschgeweih-Aufspießen. Aber auch diese stellst du teilweise in einen ganz anderen Kontext. Macht es mehr Spaß, sich neue Umstände für solche legendären Todesarten auszudenken – oder völlig neue Wege aufzutun, deinen Figuren den Garaus zu machen?

Mike P. Nelson: Mir macht es immer Freude, mich vor dem Original auf diese Weise zu verbeugen. All diese Easter Eggs haben definitiv Spaß gemacht. Aber zugleich wollte ich es auf meine eigene Art machen. Am herausforderndsten waren allerdings die komplett neuen Todesszenen, denn bei denen muss man sicherstellen, dass sie sich trotzdem immer nach einem „Silent Night, Deadly Night“ anfühlen – wobei es natürlich hilft, dass eh alles in der Weihnachtszeit spielt.

FILMSTARTS: Ihr habt etwa jetzt ein Massaker auf einer Nazi-Weihnachtsfeier, das es so im Original garantiert nicht gab. War das eine Szene, die sich in dir angestaut hatte und jetzt einfach mal herausmusste?

Mike P. Nelson: 100-prozentig. Ich bin mit Indiana Jones aufgewachsen – und damit in dem Wissen, dass die Nazis die ultimativen Bösewichte sind. Natürlich kommt die Szene im Film etwas überraschend – aber das Original ist an einigen Stellen auch echt schräg, also habe ich mir gedacht, komm, das ziehen wir jetzt einfach durch. Und wenn ich mir den Film jetzt mit Publikum ansehe, dann drehen die Fans gerade in dieser Sequenz völlig durch …

Fällt euch bei diesem Filmbild etwas auf? Wenn nicht, dann lest jetzt einfach weiter … StudioCanal
Fällt euch bei diesem Filmbild etwas auf? Wenn nicht, dann lest jetzt einfach weiter …

FILMSTARS: Eines der vorab veröffentlichen Filmbilder zeigt genau diese Weihnachtsfeier – und es wirkt im ersten Moment vergleichsweise harmlos. Erst nach dem Schauen des Films, wenn man den Kontext der Szene geschnallt hat, sieht man im Hintergrund plötzlich all diese Hakenkreuze auf den Tischen stehen. Apropos harmlos: Auf dem deutschen Poster wird damit geworben, dass der Film vom selben Studio wie „Terrifier 2“ und „Terrifier 3“ stammt. Hat die Finanzierung durch Cineverse dazu geführt, dass du in Sachen Blut und Gore auch etwas mehr aufgedreht hast?

Mike P. Nelson: Wenn du mit dem Studio hinter den „Terrifier“-Filmen arbeitest, dann spukt dir natürlich die Frage im Kopf herum, ob man da jetzt zwingend mithalten muss. Aber am Ende habe ich immer das gemacht, was sich im Moment am besten für den Film angefühlt hat. Ich habe nie den Druck gefühlt, Damien Leone noch übertreffen zu müssen.

FILMSTARTS: Wo wir gerade über Blut sprechen: Es gibt den Adventskalender, in dem Billy nach jedem Mord einen Daumenabdruck mit dem Blut seiner Opfer hinterlässt, und der schon so durchtränkt ist, dass man sofort versteht, dass er ihn schon seit vielen Jahren benutzt. Für mich ist das eine der genialsten Expositions-Requisiten, die ich jemals gesehen habe. Ein einziger Blick reicht und man hat sofort ein Bild davon im Kopf, was Billy die vergangene Dekade hindurch so getrieben hat. Wie bist du darauf gekommen?

Mike P. Nelson: Ich kann dir den Prozess gar nicht genau erklären. Ich habe durchaus eine Reihe von True-Crime-Sachen recherchiert und einige echt abgefuckte Dinge haben es dann auch in den Film geschafft. Aber im Fall des Kalenders ging es vor allem darum, eine Art Countdown für den Film zu finden – da bietet sich in der Weihnachtszeit natürlich ein Adventskalender an. Und dann stellte sich mir direkt die Frage: „Okay, aber wie machen wir das jetzt mysteriös, eklig und möglichst unheimlich?“

Mike P. Nelson am Set von „Silent Night, Deadly Night“ mit dem Produzenten Scott Schneid, der in dieser Funktion vor 41 Jahren auch schon am Original beteiligt war. Heather Beckstead
Mike P. Nelson am Set von „Silent Night, Deadly Night“ mit dem Produzenten Scott Schneid, der in dieser Funktion vor 41 Jahren auch schon am Original beteiligt war.

FILMSTARTS: Wie viele Versuche habt ihr unternommen, um eine passende Stimme für den Santa in Billys Kopf zu finden?

Mike P. Nelson: Es gab etwa eine Handvoll Vorsprechen für die Rolle. Aber Mark Acheson war am Ende eine einfache Wahl. Ihm gelingt diese Achterbahnfahrt – los geht es als merkwürdige, düstere Kraft, aber dann schwingt in der Stimme zunehmend noch etwas anderes mit, wie ein guter Freund und moralischer Kompass für Billy. Das hat mich total fasziniert.

FILMSTARTS: Ich fand das auch super, es hat nur zu Beginn 15 Minuten gedauert, bis ich die Stimme von Venom aus meinem Ohr bekommen habe …

Mike P. Nelson: Das ist wirklich lustig. Wahrscheinlich lässt es mich jetzt in einem schlechten Licht erscheinen, weil es zeigt, wie wenig Aktuelles ich gerade schaue – aber ich hatte die „Venom“-Filme tatsächlich nie gesehen. Als ich den Vergleich zum ersten Mal gehört habe, meinte ich nur: „Oh, okay.“ Denn meine Inspirationen dafür waren Pixar (ich weiß, das klingt an dieser Stelle merkwürdig), „Dämonisch“ mit Bill Paxton und Adam Wingards „The Guest“. Und natürlich die „Santa Clause“-Filme, denn in denen tauscht Tim Allen ja ebenfalls den Platz mit dem Weihnachtsmann …

„Silent Night, Deadly Night“ läuft seit dem 11. Dezember in den deutschen Kinos. Die FILMSTARTS-Kritik zum Film ist auch schon online – und wenn ihr Informationen zur FSK oder Schnittfassung wollt, gibt es diese im folgenden Artikel:

Nur für Erwachsene: Remake von einst indiziertem Horror-Klassiker kommt ungekürzt mit FSK 18 ins Kino

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren