Achtung: Es folgen kleinere SPOILER zum Ende von „Marty Supreme“. Solltet ihr den Film noch nicht gesehen haben, schaut ihn euch unbedingt jetzt im Kino an. Es ist ein Must-See, wie wir euch unter anderem in unserer 5-Sterne-Filmkritik, auf YouTube und in unserem Podcast erklären. Kommt danach zurück, um diesen Artikel zu lesen.
Gen Ende von „Marty Supreme“ fällt ein Satz, bei dem man erst einmal stutzt und dann vielleicht als komischen Moment abtut oder sogar vergisst. Tischtennisspieler Marty Mauser (Timothée Chalamet) hat dem schwerreichen Stift-Magnaten Milton Rockwell (Kevin O'Leary) die Stirn geboten. Er liefert seinem Rivalen Koto Endo (Koto Kawaguchi) bei einem Show-Match mit eigentlich abgesprochenem Ausgang ein echtes Duell. Doch Rockwell, der einen Sieg des Japaners will, bedroht Marty mit einer kurzen Wutrede, die schon mit den ersten Worten eine sehr komische Richtung einschlägt.
Milton Rockwell: "Ich wurde 1601 geboren. Ich bin ein Vampir!"
Er sei im Jahr 1601 geboren worden, er sei ein Vampir. Er sei seit immer da, habe über die Jahrhunderte viele Marty Mausers getroffen. Einige haben ihn reingelegt und die sind immer noch da! Wenn Marty jetzt da rausgehe und wirklich das Spiel gewinne, werde er auch für immer hier sein – und er könne niemals glücklich werden!
Milton Rockwell bezeichnet sich selbst als Vampir und droht also offen, Marty auch für immer in der Welt zu halten (ergo: ihn zu beißen) und zum unglücklichen Untoten zu machen. Was zunächst wie eine exzentrische Bemerkung wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als möglicher Schlüssel zum gesamten Film.
Dazu müssen wir kurz auf ein ursprünglich geplantes Ende eingehen, aber auch auf über den Film verstreute Hinweise. Denn man muss nicht einmal glauben, dass Rockwell wirklich wortwörtlich ein Vampir ist, um zu erkennen, dass dieses Motiv durchgängig eine Rolle spielt. „Ich bin ein Vampir“ ist so auch mehr als nur eine schräge Dialogzeile.
Das war das gestrichene Ende von "Marty Supreme"
In einem Podcast mit Regie-Kollege Sean Baker („Anora“) enthüllte „Marty Supreme“-Regisseur Josh Safdie, dass es eine Drehbuchfassung mit einem anderen Filmende gab. Dieses spielte in den 1980er-Jahren. Wir sollten vorher sehen, dass Marty als Schuhverkäufer erfolgreich wird. Er baut sogar ein ganzes Franchise auf: „Alle Metriken des Erfolgs sind erfüllt. Seine Familie wächst, er verlässt die Stadt, hat dieses wunderschöne Haus, und es endet damit, dass er mit seiner Enkelin ein Konzert von Tears For Fears besucht. Es sind tolle Plätze, ganz vorne, und er schaut es sich an. Er denkt über ‚Everybody Wants To Rule The World‘ nach, über die Jugend und was das alles bedeutet. Er hat diesen Erfolg, aber er tut nicht das, wofür er glaubte, auf die Welt gekommen zu sein.“
Doch dann sollte plötzlich einen keinen Tag gealterter Milton Rockwell hinter ihm auftauchen und ihm in den Hals beißen. „Das war das letzte Bild“, so der Regisseur über seinen ursprünglichen Plan, für den er sogar bereits Vorbereitungen traf. Man habe bereits Prothesen für Chalamet gebaut, um den Star als alten Mann darstellen zu können. Der in den USA unter dem Spitznamen „Mr. Wonderful“ unter anderem aus der Unterhaltungsshow „Shark Tank“ (die deutsche Version davon ist „Die Höhle der Löwen“) bekannte Milliardär und Investor Kevin O'Leary verriet zudem in Interviews, dass man für ihn bereits Zähne angefertigt hätte.
Tobis Film
Der Rockwell-Darsteller, der übrigens bei einem frühen Meeting über die Rolle die Idee für den jetzt im Film enthaltenen Vampir-Satz hatte, trauert dem Ende auch nach: „Ich weiß, das klingt verrückt, aber für mich wäre das die richtige Bestrafung gewesen.“ Schließlich hätte der arrogante Marty dann als Unsterblicher für alle Ewigkeit darunter leiden müssen, dass er seinen wahren Traum aufgegeben hat und zu der Person wurde, die er einst verabscheut hat.
Der Vampir-Twist war verrückt – aber er ergibt unglaublich viel Sinn
Auf den ersten Blick wirkt diese Vampir-Wendung völlig absurd. Auch die Studiobosse von A24 reagierten entsetzt. „Das ist ein Fehler, oder?“, war laut Safdie ihr erster Kommentar, als sie die Drehbuchversion mit dieser Fassung lasen. Doch so verrückt war es gar nicht, denn das Vampir-Motiv ist metaphorisch schon vorher präsent. Regisseur Josh Safdie zeigt Milton Rockwell bereits den kompletten Film über als eine Form des modernen Parasitentums: Er ist ein Mensch, der von der Energie anderer lebt.
„Ein Vampir ist nichts anderes als jemand, der das Öl aus dem Planeten saugt. Sie sind Parasiten, die von Wirten leben. Milton ist ein Vampir. Er ist ein kalter, korporativer, kapitalistischer Kolonialist“, erklärt der Regisseur so in einem Interview mit dem Guardian. Der Vampir ist in dieser Deutung also keine klassische Horrorfigur, sondern eine Metapher für kapitalistische Strukturen. Ein Vampir als jemand, „der Ressourcen aus seinem Wirt saugt“ wird mit wirtschaftlichen Systemen, die Wachstum aus fremder Arbeitskraft oder Leidenschaft gewinnen, verglichen. Und so sehen wir den ganzen Film über Rockwell auch als Geschäftsmann, der Talent erkennt, für seine Zwecke nutzt und weiter verwertet.
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Auch der Schauplatz des Finales in Japan ist in diesem Zusammenhang kein Zufall. Japan war zu dem Zeitpunkt in völliger Isolation. Zu Beginn des Films ist es eine riesige Überraschung, dass ein japanischer Spieler trotz eines eigentlich geltenden Reiseverbots plötzlich an einem westlichen Turnier teilnehmen kann. Teil dieser Abschottungspolitik waren auch zahlreiche Schutzmaßnahmen, die es amerikanischen Unternehmen unmöglich machten, nach Japan zu expandieren. Doch Rockwell will mit Tischtennis als Einfallstor sein Stifte-Imperium trotzdem dorthin expandieren. Der Sport interessiert ihn nicht, er dient nur seinen kapitalistisch-kolonialistischen Interessen.
Das Streben nach Jugend – gibt es noch eine Vampirin?
Wenn Milton Rockwell wirklich ein Vampir ist, stellt sich natürlich die Frage, was es mit seiner Frau Kay Stone (Gywneth Paltrow) auf sich hat. Auch wenn es dazu keine definitive Aussage gibt, finden sich rund um ihre Figur auf jeden Fall zahlreiche vampiristische Motive.
Als sie und Marty sich zum Sex in einem Hotel treffen, habe Produktionsdesigner Jack Fisk sogar extra Gemälde platziert, die an Transsylvanien erinnern, wie der Regisseur in dem bereits erwähnten Guardian-Interview verriet. Und dass Kay beim Sex Marty in den Hals beißt, sei laut Safdie auch nicht als Ausdruck der Wollust zu lesen: „Sie versucht, die Jugend aus diesem Mann herauszusaugen und seine Leidenschaft zu bekommen.“
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Für den Regisseur steht die Summfilmdiva stellvertretend für die heute immer weiter zunehmende Jugendfixierung: „Es gibt eine größere Besessenheit von Jugend als je zuvor. Ich denke, in unserer Lebenszeit wird es Wege geben, die Lebenserwartung in reichen Ländern um 50 Jahre zu steigern. Und schließlich die Unsterblichkeit. Und das ist beängstigend. Denn ein Ende ist sehr wichtig.“
„Marty Supreme“ läuft aktuell in den deutschen Kinos. Falls ihr diesen Artikel jetzt gelesen habt, obwohl ihr den Film noch nicht kennt, schaut ihn euch unbedingt an. Selbst mit dem Wissen aus diesem Artikel erwarten euch noch zahlreiche Überraschungen (und es ist zudem richtig interessant, den ganzen Film mit der Vampir-Brille zu schauen – auch ein Tipp für alle, die über einen zweiten Kinobesuch nachdenken). Mehr zum Film gibt es in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik sowie auch in unserer YouTube-Kritik: