Egal ob Diamanten oder Tischtennis, Hauptsache Meisterwerk
Von Björn BecherWenn man sich die Werke der Safdie-Brüder - von ihren ersten studentischen Kurzfilmen bis zu ihrem Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Good Time“ – anschaut, kann man sehr gut ihre ständige Weiterentwicklung beobachten. Jeder Film machte neugierig darauf, wie wohl die nächste Evolutionsstufe ihres adrenalingetriebenen Eintauchens in ihre obsessiv-irrlichternden Figuren aussehen würde. Aber dann kam „Der schwarze Diamant": Das Meisterwerk mit Adam Sandler in seiner womöglich besten Rolle ist vollendet-kinetisches Kino der puren Erschöpfung. Was soll da noch folgen? Also schien es fast wie eine alternativlose Konsequenz, dass sich die Brüder im Anschluss entschieden, kreativ fortan getrennte Wege zu gehen:
Während sich Benny Safdie jedoch mit Dwayne Johnson und „The Smashing Machine“ in eine erkennbar andere Richtung entwickelte, blieb Josh Safdie dem zuvor gemeinsam betretenden Pfad treu: „Der schwarze Diamant“ lässt sich vielleicht tatsächlich nicht toppen, aber warum nicht einfach direkt noch mal ein vergleichbares Meisterwerk raushauen? Und tatsächlich: „Marty Supreme“ ist ein weiterer Volltreffer mit der unverkennbaren Safdie-Handschrift! Nur jagt dieses Mal nicht Adam Sandler, sondern Timothée Chalamet als von einer ganz eigenen Gier getriebener Überlebenskünstler durch das New Yorker Chaos – und statt um Juwelen geht es diesmal um Tischtennis.
Tobis Film
New York, 1952: Marty Mauser (Timothée Chalamet) verkauft zwar Schuhe, doch das ist für ihn nur ein Mittel zum Zweck. Schließlich ist er sich absolut sicher, dass er als weltbester Tischtennisspieler ohnehin reich werden wird – und so braucht er den ungeliebten Job im Laden seines Onkels (Larry Ratso Sloman) nur, um die Teilnahme an einem wichtigen Turnier in Paris finanzieren zu können. Als er in der französischen Metropole aufschlägt, eckt er mit seinem großspurigen Agieren zwar gewaltig an, doch an der Platte dominiert er die Konkurrenz tatsächlich nach Belieben, während er mit seinen extravaganten Statements die Presse auf seine Seite zieht. Marty wähnt sich schon am Ziel seiner Träume, als ihm der japanische Spieler Endo (Koto Kawaguchi) im Finale eiskalt abzieht.
Zurück im Big Apple kennt Marty nur noch ein Ziel. Bei der kommenden WM in Japan will er unbedingt Revanche nehmen. Aber auch dafür braucht er wieder Geld. Pleite und obdachlos begibt sich Marty auf eine wilde Odyssee, um irgendwie einen Weg zu finden, die Reise nach Japan bezahlen zu können. Dabei trifft er unter anderem auf seine schwangere Geliebte Rachel (Odessa A'zion), die Ex-Stummfilm-Ikone Kay Stone (Gwyneth Paltrow), den schwerreichen Stift-Fabrikanten Milton Rockwell (Kevin O'Leary) sowie den irgendwie ganz schön unheimlichen Hundeliebhaber Ezra (Abel Ferrara)…
Schon der Auftakt von „Marty Supreme“ offenbart die Verwandtschaft zum Vorgänger: Wo in „Der schwarze Diamant“ noch alles mit einer Magenspiegelung begann, folgen wir diesmal Martys Spermien auf dem Weg zu Rachels Eizelle. Unterlegt ist die Sequenz mit dem Achtziger-Klassiker „Forever Young“ von Alphaville. Immer wieder nutzt Komponist Daniel Lopatin in seiner dritten Safdie-Kooperation nicht nur populäre Songs der 80er-Jahre, sondern auch Synthesizer-Klänge aus derselben Ära – und das, obwohl die Geschichte ja eigentlich drei Jahrzehnte früher angesiedelt ist. Solche bewussten Anachronismen verleihen „Marty Supreme“ von Anfang an etwas Zeitloses, geradezu Universelles.
Wie schon bei früheren Safdie-Filmen verstärkt die Musik mit ihrer treibenden Energie zudem den sich stetig steigernden Nervenkitzel – mit den laut klackenden Tischtennisbällen als zusätzliches Stresselement. „Marty Supreme“ ist ein weiterer Safdie-Film, der einen kaum durchatmen lässt, sondern sich im Kino als totale sensorische Überforderung entpuppt. Ton, Musik, Schnitt und die mal wieder herausragende Kamera von Darius Khondji („Sieben“) entfalten eine unglaubliche Sogwirkung, die dafür sorgt, dass man Marty Mauser nicht nur bei seiner ständigen Hatz beobachtet, sondern sie fast schon selbst körperlich miterlebt.
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Gerade in den Straßenszenen wird einmal mehr viel mit Handkamera gearbeitet. Darunter leidet aber nicht die Übersicht, stattdessen trägt es dazu bei, dass sich das wilde Treiben in „Marty Supreme“ wie das echte Leben anfühlt. Dass Josh Safdie hier das erste Mal in einem mehrere Jahrzehnte zurückliegenden historischen Setting arbeitet, muss dabei eine besondere Herausforderung gewesen sein. Schließlich arbeitete man bislang viel mit offenen Sets, sprich man drehte ohne die üblichen Absperrungen mitten in New York und machte so reale Passant*innen ungefragt zu Statist*innen. Das geht natürlich nicht, wenn ein Film in den 1950er-Jahren spielt - und trotzdem fühlt es sich fast genauso an, wenn die mit Menschen vollgestopften Szenen erneut regelrecht vibrieren.
Für eine authentische Verankerung sorgt zudem, dass sich der Regisseur tief in die reale Tischtennisszene der 1940er und 1950er gegraben hat. In Geschichten seines Onkels hörte er erstmals vom im Film eine Schlüsselrolle spielenden Lawrence’s Table Tennis Club, einem schon fast mythischen Zentrum der New Yorker Ping-Pong-Underground-Szene. Über die Jahre vergrub sich Josh Safdie dann tief in Archiven, Anekdoten und verstaubten Clubfotos, um so den Grundstein für sein Drehbuch zu legen.
Bei ihrer Suche nach einem wahren und echten Kino haben die Safdies lange bewusst keine professionellen Schauspieler*innen gecastet. Sie wollten Geschichten stattdessen mit jenen Personen drehen, die diese wirklich erlebt haben. So spielte in „Heaven Knows What“ etwa die heroinsüchtige Obdachlose Arielle Holmes eine nur leicht fiktionalisierte Version ihrer selbst. Erst als Robert Pattinson sie um eine Zusammenarbeit bat, weichten sie bei „Good Time“ die bisherige Regel auf. Aber auch von den Profis wird verlangt, sich voll auf ihre Figuren einzulassen – und offenbar führt diese Bedingung regelmäßig zu Karriere-Bestleistungen.
Auch Timothée Chalamet ist in „Marty Supreme“ so gut wie noch nie. Dass er jahrelang bei jeder Gelegenheit und sogar während der Drehpausen von Blockbustern wie „Dune“ oder „Wonka“ Tischtennis trainiert hat, wird jetzt in der Marketingkampagne besonders herausgestellt, wohl auch um potenzielle Oscar-Wähler*innen zu überzeugen. Es hilft aber vor allem auch dem Film – gerade in den atemberaubenden Ballwechsel mit Profis (auch die deutsche Legende Timo Boll hat einen Auftritt). Noch viel beeindruckender ist allerdings, wie Chalamet die lose auf dem realen Tischtennisspieler Marty Reisman basierende Figur durch all ihre kurzen Triumphe und heftigen Niederschläge verkörpert.
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Chalamet ist hier nicht der „Beautiful Boy“, er ist ein windiger, teilweise auch abstoßender und unangenehm arroganter Kleingauner. Er kann seinen Kopf mit seinem Gerede stets geradeso noch aus der Schlinge ziehen, um mit den nächsten großspurigen Worten alles direkt wieder zu ruinieren. Marty Mauser hat also viele Ähnlichkeiten zu Adam Sandlers Howard Ratner aus „Der schwarze Diamant“ - bis hin zu ihrer ganz eigenen Anziehungskraft, der nicht nur Frauen verfallen, sondern auch das Publikum.
Selbst wenn er seine Bettgespielin beim Sex beklaut, wirkt es bei Marty weniger wie ein Verbrechen, sondern eher wie ein Akt der Rebellion gegen das Establishment – und in der nächsten Szene lässt der großspurige Aufschneider ganz selbstverständlich einen Klempner antanzen, um die versteckten Diamanten mühevoll aus dem Duschabfluss zu fischen. Ein Gerne-Groß, der zwar gerade keinen Cent in der Tasche hat, sich in der 5-Sterne-Hotel-Suite aber so verhält, als gehöre ihm die ganze Welt.
Auch wenn „Marty Supreme“ klar der Film des dauerpräsenten Timothée Chalamet ist, kommt es zugleich als großes Ensemblestück daher, bei dem das Casting ebenfalls die erprobte Safdie-Handschrift zeigt: Etablierte Schauspielstars wie Gwyneth Paltrow oder Fran „Die Nanny“ Drescher sind in genau auf sie zugeschnittenen Parts besetzt. Über weite Teile werden die mehr als 100 Sprechrollen aber Safdie-typisch durch Leute von der Straße und aus anderen Professionen verkörpert. Wie bereits erwähnt, wirken auch einige Tischtennisspieler mit – Martys größter Kontrahent Endo wird etwa vom japanischen Gehörlos-Tischtennis-Meister Koto Kawaguchi verkörpert.
Von Rapper Tyler The Creator als Martys Gaunerkumpane bis hin zu der aus der deutschen Adlon-Dynastie abstammenden Jungschauspielerin Odessa A'zion als auf ganz eigene Weise ihr Schicksal in die Hand nehmende Freundin: „Marty Supreme“ ist mal wieder gefüllt mit genialen Casting-Entscheidungen! Der größte Coup ist allerdings die Besetzung von Millionär Kevin O‛Leary als schwerreicher Widerling. O‛Learys TV-Auftritte in den nordamerikanischen Varianten der Investoren-Show „Die Höhle der Löwen“ sind so berühmt wie berüchtigt – bei ihm brechen Kandidat*innen sogar mitunter in Tränen aus. Laut O‛Leary habe ihm der Regisseur die Rolle mit der folgenden Aussage angeboten: „Wir suchen nach einem echten Arschloch. Und das bist du!“ Und in dieser Hinsicht liefert er voll ab, wenn er als Ekel-Millionär nicht einmal ein Problem damit hat, einem KZ-Überlebenden die Schuld am Tod seines eigenen Sohnes während des Zweiten Weltkriegs zu geben.
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Eine epische Laufzeit von 149 Minuten erlaubt Josh Safdie, seinen Helden Marty ausführlich durch die Hölle gehen zu lassen – und keine Sekunde davon ist langweilig! Wahrscheinlich war Tischtennis sogar noch nie so spannend inszeniert wie in den ausführlich zelebrierten Ballwechsel. Dass die Sportduelle oft in längeren Einstellungen mit den deutlich sichtbaren Kontrahenten gefilmt sind, wirkt dabei nie wie reine Angeberei. Natürlich unterstreicht es noch einmal, wie intensiv sich Chalamet auf seine Rolle vorbereitet hat und wie herausragend er die Sportart inzwischen tatsächlich beherrscht.
Aber die langen, schnittlosen Ballwechsel vermitteln vor allem die Dynamik dieser Duelle. Jeder Schmetterschlag ist intensiv, jeder Trick-Shot ist spektakulär – und vor allem kommt jeder plötzlich eingesetzte Stoppball überraschend. Und das ist wohl die größte Qualität von „Marty Supreme“: Ob an der Tischtennisplatte oder in den Straßen New Yorks – man weiß hier nie, was als nächstes passieren und uns begeistern wird.
Fazit: Fiebrig, nervenzerrend, voller chaotischer Energie und doch meisterhaft kontrolliert! Timothée Chalamet spielt hier auf einem völlig neuen Level, getragen von einer Inszenierung, die Tischtennis so spannend macht wie einen Thriller. 149 Minuten Vollgas – und keine Sekunde davon fühlt sich vorhersehbar an.