„Marty Supreme“ ist voller herausragender Szenen. Doch an eine wird nach dem Kinobesuch wirklich jeder noch länger denken: die Honig-Story. Ein X-Posting fasst das perfekt zusammen. Da schreibt jemand, dass er auch zwölf Stunden nach dem Kinobesuch die Szene nicht aus dem Kopf bekommt.
Doch was genau ist die Honig-Story? Als Marty Mauser (Timothée Chalamet) in einem Londoner Luxushotel die Aufmerksamkeit von Stift-Millionär Milton Rockwell (Kevin O'Leary) erlangt, bittet er seinen Tischtennis-Kollegen Béla Kletzki (Géza Röhrig), eine Story von dessen Zeit in Auschwitz zu erzählen. Und so schildert Kletzki, wie er immer wieder zum Bombenentschärfen in den Wald geschickt wurde und dort eines Tages auf eine Bienenkolonie stieß. Er schmierte sich mit Honig ein, um diesen anschließend mit anderen Gefangenen zu teilen. Denn die konnten die Nahrung dann von seinem Körper lecken.
Die Szene ist absurd, verstörend aber gleichzeitig zutiefst bewegend. Schon rund um den US-Kinostart von „Marty Supreme“ ließ sie kaum jemanden los. Den Ausspruch „WTF“ also „Was zur Hölle“ findet man hunderte Male im Netz rund um die Honig-Story.
Was viele überrascht: Diese Erzählung hat sich nicht etwas „Marty Supreme“-Macher Josh Safdie gemeinsam mit seinem Co-Autor Ronald Bronstein ausgedacht. Sie basiert wohl tatsächlich auf einer realen Begebenheit.
Béla Kletzki: Das ist die wahre Vorlage für die Figur
„Marty Supreme“ ist ein fiktiver Film mit realen Wurzeln. Als Vorlage für die von Timothée Chalamet so herausragend dargebotene Hauptfigur funktioniert der 2012 verstorbene, echte Tischtennisspieler Marty Reisman. Auch er war eine schillernde Figur der New Yorker Szene, ergaunerte sich Geld unerkannt in Bars und geriet aufgrund seiner unkonventionellen Art oft mit dem Weltverband in Konflikt. Doch auch sein Mitstreiter Béla Kletzki hat eine Vorlage im wahren Leben.
Er ist inspiriert von dem Tischtennis-Star Alojzy Ehrlich, einem der besten Spieler seiner Zeit, der einst einen sensationellen Rekord aufstellte. Bei den Tischtennis-Weltmeisterschaften 1936 lieferte er sich einen einzigen über zweistündigen Ballwechsel mit einem Kontrahenten. Ehrlich wurde während des Zweiten Weltkriegs verhaftet und als Jude ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Er wurde nur deshalb nicht in der Gaskammer ermordet, weil einige Nationalsozialisten den mit mehreren Medaillen gekrönten Profi-Sportler erkannten. So wurde er stattdessen – wie auch Kletzki im Film – zu gefährlichen Arbeiten eingesetzt. Darunter war das Entschärfen von Bomben außerhalb des Lagers.
In seinem Buch „The Money Player: The Confessions Of America's Greatest Table Tennis Champion And Hustler“ erinnert sich der echte Marty Reisman daran, dass Ehrlich ihm eines Tages eine besondere Geschichte aus seiner KZ-Zeit erzählte: Er schmierte sich den Honig auf den Körper und brachte ihn zurück ins Lager, wo Mitgefangene den Honig von seiner Haut lecken konnten, um wenigstens minimale Nahrung zu erhalten.
Natürlich kann man jetzt spekulieren, dass es vielleicht Reisman auch für sein Buch erfunden hat – das lässt sich natürlich nicht mehr endgültig klären. Aber Josh Safdie ist bei der Recherche auf die Honig-Story gestoßen, geht fest davon aus, dass es eine wahre Geschichte ist und hat sie so in seinem Film eingebaut.
Darum ist die Honig-Szene so wichtig
Für Josh Safdie ist die Szene auch elementar: „Ich habe von dieser kleinen Geschichte mehr über den Holocaust gelernt als von einigen Filmen, die ausschließlich den Holocaust behandeln“, erklärte der Regisseur so in einem Interview mit dem Guardian. Die Story ist so eindrucksvoll, weil sie Solidarität unter extremsten Bedingungen vermittelt.
In diesem Moment hat sie aber auch eine erzählerische Funktion. Sie etabliert einen Gegenpol zu Marty und dessen Streben nach Ehrgeiz und persönlichem Erfolg. Hier geht es plötzlich um Selbstlosigkeit und Gemeinschaft, was aber auch Marty nicht ganz fremd ist. Nach und nach offenbart sich unter seiner Schale schließlich auch, dass ihm nicht alle Menschen egal sind. Er muss diese Seite nur an sich selbst kennenlernen.
Ein wenig hat Kletzki hier auch die Rolle eines Vaters, der seine Familie versorgt. Auch das ist ja ein Part, den Marty selbst lernen muss – nicht zufällig ereignet sich die komplette Handlung von „Marty Supreme“ über den Zeitraum einer Schwangerschaft, beginnend mit der Befruchtung und endend mit der Geburt.
Eine Szene, die bewusst irritieren und verstören soll
Wenn man die Sozialen Medien durchsucht, findet man auch viele Diskussionen über die Reaktionen im Kino auf die Honig-Szene. Da gibt es sogar kleine Streits darüber, dass Leute im Publikum gelacht haben und andere das als unpassend bei einer so ergreifenden und zu Tränen rührenden Erzählung empfinden.
Ich habe den Film jetzt zwei Mal gesehen und glaube, dass genau diese Irritation beabsichtigt ist. Der Moment verbindet etwas zutiefst Menschliches mit surrealen Bildern. Die Szene, in welcher die ganzen Männer den Honig von Kletzky behaarter Brust lecken, ist so inszeniert, dass sie uns unsicher machen sollen und wir nicht wissen, was jetzt die richtige Reaktion darauf ist. Ein Lachen – vielleicht auch aus Nervosität oder aus Unbehagen oder einfach nur angesichts der Absurdität der Bilder – ist da eine genauso verständliche Reaktion wie eine totale Ergriffenheit. Auch das macht die Szene meiner Ansicht nach so herausragend. Es gibt nicht die einzige richtige Reaktion darauf. Ihr könnt lachen oder weinen ….
… aber auf jeden Fall solltet ihr das Kino sehen. Dort läuft „Marty Supreme“ aktuell. Mehr dazu, warum ihr den Film sehen müsst, gibt es in unserer 5-Sterne-Kritik sowie der Video-Kritik auf YouTube: