Zusammen mit Steven Spielberg hat George Lucas bekanntlich das moderne Blockbusterkino aus der Taufe gehoben – und darüber hinaus torpediert er die Definition des Kultfilms: Eigentlich wurde der Begriff für Titel erfunden, die ursprünglich vom zahlenden Publikum und der Fachpresse wenig Achtung entgegengebracht bekommen haben, sich dann aber zu innig geliebten Favoriten mauserten.
Dennoch würden viele Filmbegeisterte zustimmen, wenn man sagt, dass die von Lucas ersonnene „Star Wars“-Saga einfach Kult ist. Sie ist halt anders Kult – nämlich erfolgreich und kultisch verehrt. Ähnliches gilt für den cineastischen Meilenstein, den Lucas wenige Jahre vor dem ersten „Krieg der Sterne“ inszeniert hat:
„American Graffiti“ nahm bei einem Budget von unter 800.000 Dollar global mehr als 140 Millionen Dollar ein – ein saftiger Erfolg, der es Lucas überhaupt ermöglichte, seine Weltalloper zu erschaffen. Darüber hinaus erhielt der bittersüße Coming-of-Age-Klassiker fünf Oscar-Nominierungen, darunter in den Sparten „Bester Film“ und „Beste Regie“.
Einen Kultfilm nach ursprünglichem Verständnis stellt „American Graffiti“ also nicht dar. Doch für diejenigen, die mit ihm aufgewachsen sind (sei es im Kino oder im Heimkino) ist Lucas' sehnsüchtig-seufzende Verneigung vor dem Gefühl, der sich durch den letzten Sommer der Jugend zieht, ein Film, der es vollauf verdient, abgekultet zu werden.
Und selbst, wenn man diesen lässigen Mix aus Lebensgefühl-Essenz, Jugend-Alltagsdrama, beschwingter Komödie und Milieustudie später im Leben nachholt, entfaltet er dank hochatmosphärischer Inszenierung, glaubhaften Figuren und einer kurzweiligen, simpel wirkenden, jedoch aussagekräftigen Geschichte enormen Nachhall. Überzeugt euch selbst – oder stürzt euch endlich wieder in eine Sommernacht, nach der nichts mehr ist wie zuvor: „American Graffiti“ ist auf diversen Plattformen als VoD verfügbar, darunter Amazon Prime Video.
Darum geht es in "American Graffiti"
Das kalifornische Modesto, Anfang September 1962: Es ist der letzte Abend der Sommerferien. Die Freunde Curt Henderson (Richard Dreyfuss) und Steve Bolander (Ron Howard) wollen ihre letzten Stunden in ihrer alten Heimat gemeinsam verbringen, bevor sie zum College aufbrechen. Sie wollen auch ihre gemeinsamen Freunde sehen, den von Straßenrennen besessenen John Milner (Paul Le Mat) und den in der Schule unbeliebten, allerdings gutherzig-naiven Terry Fields (Charles Martin Smith). Aber der Abend verläuft nicht wie geplant:
Curt ist von Zweifeln erfüllt, ob er Modesto wirklich verlassen sollte. Steve streitet sich mit seiner Freundin Laurie (Cindy Williams). Ein gefürchtete Jugendbande stiftet Verwirrung, Terry lernt die unberechenbare Rebellin Debbie (Candy Clark) kennen, der er sich mit einem völlig neuen Selbstverständnis zeigt. Curt verguckt sich in eine mysteriöse Blondine, und der selbstbewusste Bob Falfa (Harrison Ford) fordert John zum Rennen heraus. All das, begleitet vom bunt-warmen Schein der Neonlichter und dem unverkennbaren Sound der Rock-Radiosendung des kernigen Moderators Wolfman Jack...
Jugendliches Lebensgefühl und 60er-Nostalgie: Stilvoll zelebriert, wirksam hinterfragt
Wie Regisseur/Autor George Lucas, Drehbuchautorin Gloria Katz und Drehbuchautor Willard Huyck in den frühen 1970ern auf die Jugend der frühen 1960er zurückblicken, ist über weite Teile richtig lustig: Sie greifen pointiert zeitlose Szenarien auf wie den Versuch, sich als älter auszugeben, oder das Aufeinanderprallen zwischen einem strengen Rektor und einem eigenwilligen (Ex-)Schüler, und verleihen ihnen durch eine haarkleine Wortwahl und einen speziellen Duktus ein spezifisches Zeitkolorit.
Hinzu kommen die Mode, die Frisuren und die kleinen Manierismen der halbstarken Figuren, die teils in typischen 1950er-Vorstellungen stecken geblieben sind, teils am Puls der Zeit haften, sowie die ständige, locker-lässige Musikuntermalung aus Evergreens sowie Strohfeuer-Charthits: Fertig ist die punktgenaue Beobachtung, dass sich Stilfragen und einzelne Teenager-Angewohnheiten zwar unentwegt ändern – die darunter liegenden Motivationen und Konflikte, sich am biografischen Scheideweg paradoxerweise ebenso austesten wie festigen zu wollen, aber gleich bleiben.
Selbiges gilt für Nostalgie: Im ersten Affekt mag „früher“ oberflächlich betrachtet einfacher und schöner gewesen sein – so klagt in „American Graffiti“ eine Figur, dass die Straßenkultur früher einfach besser war. Und auch „American Graffiti“ ließe sich auf einem extrem flüchtigen Blick als Vergangenheitsverklärung betrachten, rekreiert Lucas doch mit Herzblut seine Jugendjahre und skizziert einen Augenblick im US-Zeitgeist, bevor die JFK-Ermordung und der Vietnam-Krieg nachhaltig die Stimmung im Land verpesteten.
Universal Pictures
Doch zwischen den amüsanten Vignetten und hinter der stolz-orientierungslosen „Lass mal abhängen oder ziellos durch die Gegend kurven“-Stimmung sowie der schillernd-betörenden Retro-Ästhetik verbirgt sich eine bittersüße, erstaunlich tiefsinnige Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und sich verschiebende Wahrnehmungen: Lucas inszeniert ein Amerika, das keineswegs perfekt war, sondern unter Rassismus und Sexismus litt, und in dem viele Biografien aufgrund weniger Variablen straff vorbestimmt waren. Aber es war ein Amerika, in dem sich die zentralen Figuren dank ihrer jugendlichen Naivität heimisch fühlen konnten.
Und wie „American Graffiti“ nach und nach verdeutlicht, kommt in jedem Leben der Moment, an dem diese jugendliche Naivität verschwindet. Was bitter ist, da sich der unbeschwert-freie Blick auf die Welt und die damit einhergehende Leichtigkeit im Herzen nicht zurückbringen lassen. Zugleich bringt dies jedoch einen klareren, weiseren Blick mit sich. Einen, der offenbart, dass stets ein neuer Zeitgeist nachrückt, der für eine neue Generation vorübergehend wohlig-heimisch sein und dann eines Tages rüde sterben wird. Die knifflige Kunst ist, dabei nicht auch selbst draufzugehen und mit den schönen Erinnerungen im Herzen sowie mit der gewonnen Erkenntnis bewaffnet etwas aus sich zu machen.
Aber was ist, wenn George Lucas nicht auf seine Jugend, sondern zu den Sternen blickt? Im folgenden Artikel verraten wir euch, welchen Sci-Fi-Film der Regisseur zu seinem absoluten Favoriten erklärt hat:
"Viel besser als Star Wars": Das ist laut George Lucas der definitive Science-Fiction-Film*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.