"Eine der intensiven und bewegendsten Kino-Erfahrungen seit Jahren" kommt nun auch ins Heimkino!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Mit Auszeichnungen überhäuft und von euphorischen Kritiken begleitet: „Hamnet“ von Marvel-Regisseurin Chloé Zhao ist einer der prestigeträchigsten Filme des Jahres. FILMSTARTS-Autor Sidney Schering gehört da ganz klar einer Minderheit an...

Bei wenigen Filmen herrschte in der zurückliegenden Awards-Saison solche Einigkeit wie bei „Hamnet“: Die stark fiktionalisierte Geschichte über die Beziehung zwischen William Shakespeare und seiner Gattin Agnes (in der Geschichtsschreibung besser bekannt als Anne) räumte über 50 namhafte Auszeichnungen ab – und selbstredend hatte sie eine große Präsenz bei den Academy Awards.

Die neue Regiearbeit von „Nomadland“-Macherin Chloé Zhao wurde für acht Oscars nominiert, darunter in den Sparten „Bester Film“ und „Beste Regie“. In der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ gewann das Drama dank der vielfach zelebrierten Darbietung von „Men“-Star Jessie Buckley den begehrten Goldjungen sogar. Nun könnt ihr den populären Film in eure eigenen vier Wände holen. Denn diese Woche ist „Hamnet“ auf DVD, Blu-ray und 4K-Disc erschienen!

Als Bonusmaterial gibt es zusätzlich zum Film einen Audiokommentar der Regisseurin und drei Featurettes über die Entstehung des Films, in dem gezeigt wird, wie sich Shakespeare und seine Frau kennenlernten und wie eine private Tragödie (womöglich) das Shakespeare-Stück „Hamlet“ inspirierte.

"Hamnet": Liebes- und Elternschaftsdrama zur Zeit der Tudors

So, wie „Hamnet“ nach einem zart-romantischen, zwischendurch zum Schmunzeln einladenden Beginn tragisch und bitter wird, bevor ein tröstender Tonfall eingeschlagen wird, müssen „Hamnet“-Begeisterte nun durch einen galligen Mittelteil waten. Denn der Verfasser dieses Artikels kann selbst Monate nach seinem Kinobesuch nicht glauben, wie wenig ihm der Film gefallen hat – und braucht dringend ein Ventil für seine Gefühle.

Ich bin Zhaos Erzähltemperatur üblicherweise zugetan – so werde ich nicht müde, zweifelnden Mitmenschen wärmstens „The Rider“ zu empfehlen. Und ich verteidige immer wieder Zhaos Marvel-Film „Eternals“! Nimmt man meine Begeisterung für Buckleys und Mescals Schauspieltalent hinzu sowie mein Interesse am Themenkomplex Shakespeare, schon sollte klar sein, weshalb ich mich sehr auf „Hamnet“ gefreut habe.

Doch bereits wenige Minuten nach Filmbeginn machte sich in mir die Furcht breit, dass ich der wandelnde Dissens im Meer des „Hamnet“-Hypes bin: Ich habe Paul Mescal in keiner Sekunde seine Rolle abgekauft. Für mich schritt da kein Lateinlehrer und Schuster mit künstlerischer Ambition über die Leinwand, der zum berühmtesten Namen in der Historie des Theaters heranwachsen sollte. Sondern ein irritierter Paul Mescal, der sich zu wundern scheint, weshalb er in Kluft der Tudor-Epoche gehüllt ist. Auf der Met-Gala wohl zu viel gebechert?

Buckley indes habe ich zunächst die entrückte, nicht aber auf den Kopf gefallene „Waldhexe“ voll abgekauft. Da die Wirkkraft von „Hamnet“ enorm auf der emotionalen Ebene lastet, sollte sich dies jedoch als enormes Problem herausstellen: Wie soll ich mit den raren romantischen Freuden und zahlreichen Gefühlstiefen eines Filmpaares mitfiebern, wenn ich den Verliebten nicht einmal abkaufe, dass sie sich auf der selben Ebene von Raum, Zeit und Metafiktionalität befinden?

Theater der Überwältigung

Im Finale buchstabieren die Autorinnen Zhao und Maggie O’Farrell dann sämtliche audiovisuell überdeutlich vermittelten Emotionen und jegliche ihrer kleinschrittigen Aussagen über die Wechselwirkung zwischen Kunstschaffenden und ihrer Kunst komplett aus. Wäre das nicht ärgerlich genug, verpassen Zhao und O’Farrell ihrer bis dahin selbst in tragischen Lebensphasen klugen, redegewandten Protagonistin einen mentalen Vollaussetzer: Die Frau, die sich zu Filmbeginn in Shakespeare verliebt, weil er so gut Geschichten erzählen kann, hat auf einmal verlernt, was Fiktion ist, und brabbelt während eines Theaterbesuchs ratlose Satzfetzen daher, wie sie sonst nur lobotomierte Frauen aus Nervenheilanstalt-Exploitationfilmen.

All das, während das berühmterweise eigentlich räudig-lautstarke Publikum der Shakespeare-Ära in „Hamnet“gesittet ist und sich daher über Agnes erbost. Allzu leicht hätte „Hamnet“ sich in meinem Ansehen retten können: Agnes behält im Finale ihren Intellekt, steht nachdenklich inmitten einer historisch akkuraten Pöbelpublikums, bittet um Stille, murmelt vielleicht ein paar vage, nicht aber zu offensichtliche Interpretationsgedanken vor sich hin – und sobald die Emotionalität des Meisterstücks „Hamlet“ sie erschlägt, reißt sie das restliche Publikum mit, das andächtig schluchzend erstmals mit einem Stück mitgeht, statt sich darüber zu erheben...

Die Stimme der berührten Mehrheit

Aber was weiß ich! Vielleicht war ich am Tag meines „Hamnet“-Kinobesuchs bloß mental so falsch verdrahtet, wie ich es Agnes vorwerfe. Denn sonst ist das Lob für das Drama erschlagend einhellig. FILMSTARTS-Autor Michael Meyns etwa gibt starke vier Sterne und schwärmt: „Zhao zelebriert in 'Hamnet' eine Trauerbewältigung der etwas anderen und unfassbar kraftvollen Art.“

Und mein Kollege Julius Vietzen fand lobende, klügere Worte als ich – und einen Draht zur Gefühlswelt der zentralen Figuren: „Dieses Finale an sich ist ein Meisterstück von Chloé Zhao, die hier gemeinsam mit ihrem Kameramann Łukasz Żal ('The Zone Of Interest') Bilder für ein Gefühl findet, das sich nur schwer beschreiben lässt: nämlich wie gut es sich anfühlen kann, bei einem Film (oder jeder anderen Art von Kunstwerk) einfach mal richtig zu heulen und sich danach so zu fühlen, als wäre einem eine schwere Last von den Schultern genommen.“

Daher war „Hamnet“ für ihn „eine der intensiven und bewegendsten Kino-Erfahrungen seit Jahren“. Und wenn ihr unsicher seid, ob „Hamnet“ was für euch ist, solltet ihr definitiv auf ihn hören, statt auf mich Knurrhahn – zu deutlich zeigt die restliche Resonanz auf den Film, dass die meisten Menschen wie er das Drama betrübt-beseelt und bereichert verlassen!

Und im nachfolgenden Beitrag stellen wir euch einen anderen, vielfach gelobten und intensiv gespielten Film über Liebe, Reflexion und Tragik vor:

Nominiert für 5 Oscars: Skandalfilm mit einem der größten Schauspielstars seiner Zeit kommt endlich ins Heimkino zurück

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