Der Delphi Filmpalast in Berlin-Charlottenburg ist ein wunderbares Kino, in dem sich ein Besuch noch ein bisschen so anfühlt wie im Theater oder in der Oper. Ein elegantes Foyer, ein großer Saal, rote Samtvorhänge – genau das richtige Ambiente also für einen Film, der die Kraft der Kunst als gemeinschaftliches, kathartisches Erlebnis wie kaum ein anderer Film der letzten Jahre feiert. Und der gerade in einem gefüllten Kinosaal seine volle Wirkung entfaltet: „Hamnet“.
„Hamnet“ ist einer dieser Filme, der Menschen in meinem Beruf schon eine ganze Weile begleitet – von den eröffnenden Casting-Meldungen über den ersten Trailer bis hin zu den begeisterten Stimmen von den Filmfestivals in Telluride und Toronto. Und wenn ein Film mit derartigen Vorschusslorbeeren bedacht wird, fällt es häufig schwer, ohne hoffnungslos überzogene Erwartungen im Kino zu sitzen.
Ich war mir also vor „Hamnet“ wirklich nicht sicher, ob mir der neue Film der zweifachen Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao („Nomadland“) so gut gefallen würde, wie ich es mir erhoffte. Ich kann jedoch mit Freude berichten, dass „Hamnet“ wirklich so grandios war, wie es die ersten Stimmen versprochen haben. Wobei Freude in diesem Fall vielleicht das falsche Wort ist: Denn kaum ein Film hat mich in den letzten Jahren derart fertig gemacht und zu Tränen gerührt.
In „Hamnet“ erzählte Zhao basierend auf der Buchvorlage „Judith und Hamnet“ von Maggie O'Farrell, die gemeinsam mit der Regisseurin auch das Drehbuch verfasst hat, von dem historisch verbürgten Tod von William Shakespeares Sohn Hamnet, den der Autor im Film durch das Schreiben seines womöglich bekanntesten Stücks „Hamlet“ verarbeitet.
Ob das wirklich so war, ist nicht bekannt, und spielt für „Hamnet“ auch keine Rolle. Hier wird schließlich eine fiktive Geschichte um historische Fakten und Figuren gestrickt. Was sich jedoch nicht bestreiten lässt, ist die herzzerreißende Wirkung des Films – vor allem in einem voll besetzten Kinosaal.
Schwer erträglich, aber großartig
„Hamnet“ erschüttert sein Publikum früh mit einem Schicksalsschlag für Shakespeare (Paul Mescal) und seine Frau Agnes, die von Jessie Buckley absolut fantastisch und Oscar-verdächtig verkörpert die eigentliche Hauptfigur des Films ist: Der unvermeidliche Tod von Hamnet (was für eine Leistung von Kinderdarsteller Jacobi Jupe!) nach etwa der Hälfte des Films ist eine unglaublich intensive Szene, die ich wohl nie wieder vergessen werde und nach der es im Kinosaal endgültig kein trockenes Auge mehr gegeben haben dürfte.
Das ist kein Spoiler, sondern so herzzerreißend und schwer erträglich die Szene auch ist (erst recht, wenn man wie ich selbst Kinder hat), nur die Vorbereitung für den eigentlichen Kern von „Hamnet“: Wie geht man – gerade als Elternteil – mit so einer Tragödie um? Und welche unterschiedlichen Wege gibt es, so etwas zu verarbeiten? Und so steuert „Hamnet“ nach dem Tod der Titelfigur unweigerlich auf das den ganzen Film überstrahlende Finale hin.
Am Ende heult der ganze Kinosaal
Nach der tiefen, ausweglos scheinenden Trauer der vorherigen Szenen erleben wir hier gemeinsam mit Agnes und dem anwesenden Publikum im berühmten Globe-Theater die Uraufführung von „Hamlet“, bei der nicht nur Agnes ein neues Verständnis für ihren Mann findet, sondern auch das Publikum von der Macht des Stücks mitgerissen wird – ebenso wie das Publikum im Kino.
Dieses Finale an sich ist ein Meisterstück von Chloé Zhao, die hier gemeinsam mit ihrem Kameramann Łukasz Żal („The Zone Of Interest“) Bilder für ein Gefühl findet, das sich nur schwer beschreiben lässt: nämlich wie gut es sich anfühlen kann, bei einem Film (oder jeder anderen Art von Kunstwerk) einfach mal richtig zu heulen und sich danach so zu fühlen, als wäre einem eine schwere Last von den Schultern genommen.
Ich bin mir sicher, dass man „Hamnet“ auch zu Hause auf dem Sofa schauen kann und man dabei zu Tränen gerührt wird und sich dieses kathartische Gefühl einstellt. Doch seine ganze Kraft entfaltet der Film nur, wenn um einen herum auch noch andere Menschen schniefen und schluchzen. „Am Ende heult der ganze Kinosaal“ lautet daher auch nicht umsonst die Überschrift unserer Kritik hier auf FILMSTARTS.de.
Doch „Hamnet“ endet eben nicht nur auf einer tragischen, sondern auch auf einer erstaunlichen hoffnungsvollen Note. Und so bin ich nach „Hamnet“ nicht tief betrübt aus dem Kino gegangen, sondern begeistert, überwältigt und mit dem dringenden Bedürfnis, zu meiner Familie nach Hause zu gehen. Mit anderen Worten: „Hamnet“ ist zwar ganz sicher kein seichter Feel-Good-Movie. Doch ich kann trotzdem aus tiefstem Herzen empfehlen, „Hamnet“ auf der großen Leinwand zu schauen – egal, ob im Delphi oder in jedem anderen Kino.