Hamnet
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Hamnet

Am Ende heult der ganze Kinosaal

Von Michael Meyns

Manchmal werfen Filme einen derartigen Schatten voraus, dass es schwer ist, nicht schon mit einer bestimmten Erwartungshaltung ins Kino zu gehen. Im Fall von „Hamnet“ las man nach seiner Weltpremiere auf dem Filmfest in Toronto etwa immer wieder von einem herzzerreißenden Finale, das eine solche emotionale Kraft entfaltet, dass selbst die hartgesottensten Kritiker*innen hemmungslos losheulen müssen. Da fragt man sich vor dem eigenen Kinobesuch fast zwangsläufig, ob diese Szene (genauso wie der Film) wohl hält, was das Internet verspricht.

Zwei Stunden später muss man allerdings sagen: unbedingt! Ausgehend von dem historisch verbürgten Tod von William Shakespeares Sohn erzählt die Marvel-Regisseurin und doppelte Oscargewinnerin Chloé Zhao eine fiktive Geschichte – basierend auf dem 2020 erschienenen Roman „Judith und Hamnet“* von Maggie O'Farrell: Die meiste Zeit über mäandernd und impressionistisch vom harten Leben im späten 16. Jahrhundert handelnd, mündet „Hamnet“ schließlich in eine spektakuläre-kathartische Sequenz, die zugleich andeutet, welche Kraft in Kunst stecken kann.

Für die Außenseiter*innen Agnes (Jessie Buckley) und Will (Paul Mescal) ist es Liebe auf den ersten Blick. Universal Pictures
Für die Außenseiter*innen Agnes (Jessie Buckley) und Will (Paul Mescal) ist es Liebe auf den ersten Blick.

Im Schatten eines knorrigen Baumes schläft Agnes (Jessie Buckley), die sich der Natur mehr verbunden fühlt als der Welt der Menschen. Im etwa 160 Kilometer nordwestlich von London gelegenen Stratford-upon-Avon gilt sie deshalb als schlechte Partie, manche halten sie sogar für eine Hexe. Kein Wunder also, dass sie selbst mit Mitte 20 noch immer nicht verheiratet ist. Aber für einen Mann macht sie genau diese Art interessant. Will (Paul Mescal) ist der Sohn des örtlichen Handschuh-Machers, der sich als Lateinlehrer für Agnes‘ Geschwister verdingt, um so die Schulden seines Vaters abzuarbeiten.

Später einmal wird Will – unter dem Namen William Shakespeare – weltberühmt werden. Aber vorher heiratet das Paar. Zunächst kommt die Tochter Susanna (Bodhi Rae Breathnach) zur Welt, etwas später werden die Zwillinge Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe) geboren. Das Glück scheint vollkommen, doch Will strebt nach mehr. Er zieht allein nach London, schreibt Stücke, verdient viel Geld und verbringt immer weniger Zeit bei seiner Familie – bis die Pest auch in ihrem Heim ein schreckliches Opfer verlangt…

Von Hamnet zu Hamlet

Der Roman – wie jetzt auch der Film – beginnt mit der vorangestellten Erklärung, dass die Namen Hamnet und Hamlet im England des späten 16. Jahrhundert austauschbar benutzt wurden, sie also praktisch identisch waren. Aus dieser Idee und der Tatsache, dass über das Leben von William Shakespeare erstaunlich wenig sicher belegt ist, formte Maggie O'Farrell eine spekulative Fiktion, die sie anschließend gemeinsam mit Chloé Zhao kongenial zu einem Drehbuch verarbeitete. Man kann sich schwerlich eine Regisseurin vorstellen, die besser für diesen Stoff geeignet wäre. Schließlich ist Zhao – ihren Marvel-Ausflug mit „Eternals“ mal ausgenommen – berühmt für ihre ebenso naturalistisch wie impressionistisch gefilmten Dramen wie „The Rider“ oder eben ihren Oscar-Abräumer „Nomadland“, in denen stets Stimmungen und Zwischentöne statt einer straffen Narration im Vordergrund stehen.

In „Hamnet“ hat Zhao nun eine dramaturgische Form gewählt, die eigentlich nicht funktionieren dürfte, aber zu einem herzzerreißenden Finale führt, das schon jetzt Berühmtheit erlangt hat und fraglos der Grund ist, warum „Hamnet“ bei so vielen Festivals mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Denn wo die Handlung im Roman noch zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her springt, erzählt Zhao geradlinig und ohne besondere emotionale Höhepunkte vom Kennenlernen, der Geburt der Kinder, dem Auseinanderleben, bis zum Tod von Hamnet. All das ist die Vorarbeit für einen finalen Befreiungsschlag, der für alle die Beteiligten die ultimative Katharsis bedeutet – nicht nur das Publikum, sondern auch den toten Hamnet eingeschlossen.

Das Finale von „Hamnet“ wird zweifelsfrei in die Filmgeschichte eingehen – und Jessie Buckley sicherlich ihren ersten Oscar bescheren. Universal Pictures
Das Finale von „Hamnet“ wird zweifelsfrei in die Filmgeschichte eingehen – und Jessie Buckley sicherlich ihren ersten Oscar bescheren.

Wer jetzt „Spoiler!“ ruft, sei beruhigt: Zum einen verrät schon der Trailer all das – und zum anderen nimmt ja schon der vorangestellte Hinweis auf die Namen Hamnet/Hamlet vorweg, was die Essenz des folgenden Films sein wird: Seinen Kummer über den Tod seines Sohnes verarbeitete Shakespeare durch das Schreiben seines bis heute bekanntesten Stücks. Ob das tatsächlich so war, darf bezweifelt werden, schließlich wissen wir so gut wie gar nichts über Shakespeare: Es gibt keine erhaltenen Manuskripte, keine Briefe, selbst die genauen Daten der Uraufführungen seiner Stücke sind nicht bekannt (weshalb sich auch längst zahllose Verschwörungstheorien um seine „wahre“ Identität ranken, was etwa Roland Emmerich in „Anonymous“ aufgegriffen hat).

Aber das macht nichts, immerhin eröffnet gerade dieses Unwissen überhaupt erst die Möglichkeit, mit den Lücken in Shakespeares Biografie zu spielen (wie es vor 27 Jahren auch „Shakespeare In Love“ auf vergleichbar originelle Weise tat). So imaginiert „Hamnet“ eine Geschichte, die von der heilenden Kraft der Kunst handelt. Geradezu beiläufig und naturalistisch wird von Heirat, Geburt und Tod erzählt, während sich alles in „Hamnet“ auf die letzte Szene zubewegt: Dann fährt Agnes zum ersten Mal in ihrem Leben nach London, in die etwas verrufene Hauptstadt, in der ihr Mann einen Großteil seines Lebens verbringt. Sie will in Erfahrung bringen, warum er ein Stück mit dem Namen ihres toten Sohnes geschrieben hat und wie er es wagen konnte, ihn als Material für seine Arbeit zu verwenden.

Die Origin Story eines Jahrtausendwerks

Im berühmten Globe-Theater, in der Menge der Zuschauer*innen verfolgt sie die ersten Szenen. Sie erkennt Will in dem Geist und die Ähnlichkeiten zwischen Hamnet und Hamlet, ist erst empört und dann zunehmend ergriffen, so wie es dem Publikum fast unweigerlich auch ergehen wird. Wie Zhao diese Momente inszeniert, wie Jessie Buckley und Paul Mescal sie spielen, ohne Worte, nur mit Blicken, ist kaum zu beschreiben. Es hilft natürlich, dass auf der Tonspur Max Richters „On The Nature Of Daylight“ erklingt, ein kurzes, von singenden Geigen getragenes Stück, das von „Shutter Island“ über „Arrival“ bis „Call Me By Your Name“ immer wieder seine unfehlbare Wirkung entfaltete (wer die Melodie jetzt nicht sofort im Kopf hat, kann ja mal kurz bei YouTube reinhören).

In diesen finalen Momenten gelingt es Zhao aufzuzeigen, wie die Trauer des Paares auf erstaunliche Weise in Glück auflöst. Zumindest im Ansatz kann man so nachvollziehen, welche Kraft in einem großartigen Kunstwerk wie „Hamlet“ steckt und wie Kunst im Allgemeinen das Leben verändern und in diesem speziellen Fall dabei helfen kann, selbst alles umrankende Trauer zu überwinden.

Fazit: Chloé Zhao zelebriert in „Hamnet“ eine Trauerbewältigung der etwas anderen und unfassbar kraftvollen Art. Lose auf wahren Ereignissen im Leben von William Shakespeare basierend, nimmt sich der Stoff viele künstlerische Freiheiten, um vom Leben im späten 16. Jahrhundert zu erzählen. Zugleich offenbart er, welche kathartische Kraft in einem großen Kunstwerk stecken kann.

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